Lokales

Ziel: sensibilisieren, nicht polarisieren

ANNEGRET KAPP

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LENNINGEN Für vielfältige Blickwinkel sorgte die Besetzung des Podiums, auf dem die Empfänger sozialer Leistungen ebenso vertreten waren wie das Jobcenter und eine örtliche Bank. Margret Oberle, Diakoniepfarrerin des Kirchenbezirks Kirchheim, bot zunächst einen Abriss über Armut in Deutschland. Nicht den Hunger wollte sie in den Mittelpunkt stellen, vielmehr ging es ihr um Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Die Ungleichheit belegte sie mit Zahlen, nach denen bereits 1998 fast die Hälfte des Privatvermögens in der Bundesrepublik in den Händen eines Zehntels der Bevölkerung konzentriert war, während das ärmste Bevölkerungsviertel im Minus steckte. Kritik übte die Pastorin am deutschen Gerechtigkeitsbegriff, der sich zu sehr auf ein legalistisches Verständnis beschränke: Ein Verurteilter soll bekommen, was er verdient. Das christliche Verständnis schließe hingegen Treue und Güte in den Beziehungen der Menschen mit ein: "Eine gerechte Gesellschaft im Sinne der Bibel ist eine Gemeinschaft, die geprägt ist von Solidarität, von Schutz und vom Teilen."

Die Belastung für die Gesellschaft durch die soziale Ausgrenzung konkretisierte der Vortrag am schwindenden staatsbürgerlichen Verantwortungsbewusstsein der von Armut Betroffenen. Sie gingen selten zur Wahl und stimmten überdurchschnittlich oft für extreme Parteien.

Das Hauptaugenmerk des Abends galt den Veränderungen im sozialen Klima. Pfarrerin Oberle sprach von einer geistig-politischen Wende, die mit dem Antritt der Regierung Kohl 1982 begonnen und sich unter Schröder noch zugespitzt habe. Die zunehmend geforderte "Eigeninitiative" von Langzeitarbeitslosen suggeriere, dass diese ihre Lage selbst zu verantworten hätten. "Eine neue soziale Härte bestimmt den Diskurs."

Im Gegensatz zu einem Fünftel der Weltbevölkerung falle in Deutschland theoretisch niemand unter die Armutsdefinition der Weltbank. Danach wäre arm nur, wer weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung habe: "Wer es in Deutschland geschafft hat, einen Antrag auf Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld II zutreffend auszufüllen und die ihm zustehenden Leistungen pünktlich erhält, befindet sich nicht in einer zugespitzten Armutssituation." Durch Kontakte im Bezirk weiß die Pfarrerin allerdings auch um jene, die von den bürokratischen Hürden überfordert sind oder aus Scham mit dem Besuch bei der zuständigen Behörde zu lange warten.

Ähnliches berichtete Sabine Hummel vom Sozialamt der Gemeinde Lenningen. Weil die Gemeinden für Sozialhilfe an Erwerbsfähige nicht mehr zuständig sind, muss sie alle 15- bis 65-jährigen Betroffenen nach Kirchheim zur ARGE schicken. Ihnen fehlt jedoch teilweise das Geld für die Fahrkarte. "Hier auf dem Land gilt man eben nur mit Arbeitsplatz als richtig rechtschaffen", meinte Hummel. Dabei kann der soziale Abstieg praktisch jedem drohen, wie die Armutsgründe zeigen, welche die Diakoniepfarrerin zusammengetragen hat. Besonders gefährdet sind die "vier A": Alleinerziehende, Arbeitslose, Ausländer und Alte.

Marion Bilzer, alleinerziehende Mutter aus Lenningen, gewährte den Zuhörern Einblick in ihre Erfahrungen mit dem staatlichen Hilfesystem. Die Teilnahme am Podium war nicht ihre erste mutige Entscheidung. Folgenschwerer war das "Ja" zu dem Mädchen, das sie im November zur Welt brachte. Obwohl während der Schwangerschaft bald klar war, dass sie sich allein um das Kind würde kümmern müssen, entschied sie sich für das Baby und für eine dreijährige Erziehungszeit. Um diese Möglichkeit abzuklären, hatte sie sich frühzeitig von Pro Familia beraten lassen. So kannte sie ihre Rechte schon, als sie fünf Monate vor dem Geburtstermin erstmals mit der ARGE in Kontakt trat. Einen Bescheid über die ihr zustehenden Leistungen bekam sie erst zwei Monate nach der Geburt zunächst für einen Monat. Die Schwangere kämpfte mit Schlafstörungen und Existenzangst. Mal waren die Unterlagen verschwunden, mal schickte eine Mitarbeiterin sie mit einem Formular extra zum Vermieter, um die DM-Angaben im Mietvertrag umrechnen zu lassen.

Simone Büschel, Leiterin des ARGE-Jobcenters in Kirchheim, hofft, dass Marion Bilzers schlechte Erfahrungen ein Einzelfall sind. Die Mitarbeiter gerade in der Antragsannahme seien oft Anfeindungen ausgesetzt. Dennoch legt die Chefin Wert auf eine mitfühlende Behandlung ihrer Klienten, wenn sie schon nichts an den "unsäglichen Formularen" ändern kann. Den schlechten Ruf der staatlichen Arbeitsvermittlung sieht Büschel als Hauptfeind ihrer Arbeit. Zunächst gilt es für sie nämlich, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Nur wenn der Mensch mit seiner Gesamtsituation Berücksichtigung findet, kann die Jobvermittlung Erfolg haben. Deshalb legt die ARGE großen Wert auf die Zusammenarbeit mit Einrichtungen wie Sucht-, Schuldner- und Reha-Beratung.

"Die schwierigsten Fälle schickt das Jobcenter zu uns", meinte Ilka Babel vom Projekt Jobkontakt der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim. Die Betroffenen sind eventuell suchtkrank, haben geringe Sprachkenntnisse und sind oft schon lange arbeitslos. Sie bekommen im Diakonieladen eine Arbeitsmöglichkeit, die ihnen wieder Kontakte ermöglicht. Dass der menschliche Kontakt wichtig ist, um den Teufelskreis von Arbeitslosigkeit, Resignation und Ausgrenzung zu durchbrechen, darin waren sich alle Referenten einig.

Zum Teufelskreis gehört auch, dass sich die Arbeitslosigkeit der Eltern auf den Schulerfolg der Kinder auswirkt, wie der Rektor der Lenninger Förderschule, Christoph Gruner, berichtete. Wolfgang Tröscher von der Raiffeisenbank hat die Erfahrung, dass problematische Verhaltensmuster an die Kinder weitergegeben werden, im Zusammenhang mit Überschuldung gemacht. Auch er würde sich wünschen, dass Überschuldete früher das offene Gespräch suchten. Kredit komme vom Lateinischen "credere", also von vertrauen.

Das Credo, das die kirchlichen Veranstalter in den Vordergrund rücken wollten, fasste Günther Alius, Bildungsreferent des Evangelischen Bildungswerks im Kreis zusammen: Es gelte den Blick auf die Menschen zu richten, um Ausgeschlossene wieder einzubinden, und den Blick zu schärfen, wo in der Gesellschaft etwas im Argen liegt.