Lokales

Ziel: Zufrieden mit der Demenz leben

Während die 75-Jährige Kartoffeln fürs Mittagessen pellt, legt eine andere Seniorin fein säuberlich Unterhemden zusammen. Die Situation ist nicht so alltäglich wie sie scheint. Beide Frauen gehören nämlich der betreuten Wohngemeinschaft des Vereins "Gemeinsam statt einsam" an. Diese Einrichtung mit bundesweit wegweisendem Charakter besteht seit nunmehr zwei Jahren in Kirchheim.

GABY KIEDAISCH / IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Die Wohngemeinschaft ist demenzkranken Menschen vorbehalten. Deren Förderung und Betreuung stehen im Vordergrund des besonderen Wohnkonzeptes.

Die erste Bewohnerin zog am 1. Februar des Jahres 2005 ein im Dachgeschoss des "Eckpunkt"-Gebäudes. Nach und nach wurde die altersgerechte 220 Quadratmeter große Wohnung von weiteren Senioren bezogen. Insgesamt können acht demente Menschen in sechs Einzel- und einem Doppelzimmer aufgenommen werden. Ein Platz im Doppelzimmer ist derzeit frei. Wichtig ist, dass der oder die "Neue" in die Gruppe passt.

Zum Verein "Gemeinsam statt einsam" gehören Angehörige von Demenzkranken, Fachkräfte aus der Altenhilfe wie auch Menschen, die von dem Modell einfach begeistert sind. "Die WG wird von drei Säulen getragen", erläutert Sybille Mauz, Vorsitzende des Vereins, das Modell der geteilten Verantwortung: Neben dem Verein sind das der Pflegedienst, die Diakoniestation, die mit ihren Fachkräften die Pflege sicherstellt, und eine Auftraggebergemeinschaft, die aus Angehörigen der demenzkranken Bewohner selbst besteht. Während die Mitgliedschaft der Angehörigen im Verein nicht zwingend ist, muss ein Vertreter der Angehörigen in die Auftraggebergemeinschaft eintreten. In dieser Runde wird über alle Angelegenheiten, die die Bewohner betreffen , entschieden. Dazu gehört die Tagesgestaltung ebenso wie beispielsweise die Auswahl eines neuen Mitbewohners. "Wir sind keine stationäre Einrichtung", pocht die Vereinsvorsitzende darauf, dass ein wesentliches Ziel der Auftraggebergemeinschaft darin besteht, das Selbstbestimmungsrecht der Bewohner aufrechtzuerhalten. Auch die Abrechnung der Leistungen orientiert sich am ambulanten Bereich.

Die Wohngemeinschaft ist nicht zuletzt auf Initiative von Sybille Mauz gegründet worden, deren eigene Mutter dement war. Als die Pflege zu Hause irgendwann nicht mehr möglich war, suchte die Mutter zweier Söhne nach Alternativen. Sie stieß auf das Modell einer Berliner Wohngemeinschaft. Schnell fand sie Mitstreiterinnen auf dem Weg, die neue Wohn- und Lebensform auch im Schwabenländle zu etablieren. Zum Kreis der Unterstützer zählten auch die Teckboten-Leser, die das wegweisende Projekt im Rahmen der Weihnachtsaktion 2004 engagiert förderten.

Mittlerweile ist aus Theorie Praxis geworden. Gestartet als Pilotprojekt, hat sich die WG etabliert. Zahlreiche Besucher aus Politik und Fachkreisen überzeugten sich vor Ort von dieser ungewöhnlichen Wohnform. Das Kirchheimer Modell hebt sich nun von seinem Berliner Vorbild deutlich ab, da es von Angehörigen der dementen Bewohner verantwortlich mitgetragen wird. Diese sind zu 20 Stunden Mitarbeit in der WG im Monat verpflichtet. Wer das nicht leisten kann, bezahlt eine Vertretungskraft. "Wir haben kürzlich an einer Evalutation teilgenommen und sehr gut abgeschnitten, besonders deshalb, weil die Einbindung der Angehörigen bei uns so gut funktioniert", berichtet Sybille Mauz nicht ohne Stolz. Ob die Ursache im in Kirchheim anscheinend besonders ausgeprägten bürgerschaftlichen Engagement liegt, darüber kann nur spekuliert werden. Tatsache ist, dass die Vereinsinitiatoren nun seit nunmehr fast zwei Jahren mit großem Einsatz das innovative Betreuungsmodell tragen.

Ein typischer Tagesablauf sieht so aus: Von 6.45 Uhr bis 20 Uhr sind zwei bis drei Betreuer anwesend. Um 13.15 Uhr kommt die zweite Schicht. Neben einer hauswirtschaftlichen Fachkraft, die für das Zubereiten der Mahlzeiten und den Haushalt verantwortlich ist, werden die Bewohner von einer Nachbarschaftshelferin und von Angehörigen betreut. Der ambulante Pflegedienst der Diakoniestation kommt morgens und abends. Von 20 Uhr bis 7 Uhr "hütet" eine Nachtwache mit angeschlossener Rufbereitschaft zum Pflegedienst die Nachtruhe der Bewohner.

Zum Konzept gehört, dass jeder Bewohner mit seinen persönlichen Möbeln und Gegenständen einzieht. Das fördert das Wohlbefinden der Patienten, sind sich alle einig. Die individuelle Betreuung des dementen Menschen steht nämlich ganz obenan. Die Einbindung der Bewohner in alltägliche Abläufe wie kochen, staubwischen oder einkaufen sollen ihnen Sicherheit und Erfolgserlebnisse geben. Freilich wird Rücksicht genommen auf individuelle Voraussetzungen und persönliche Fähigkeiten. Wer keine Lust hat, darf sich ausklinken. Behutsam werden aber auch vorhandene Reserven gefördert durch gezielte Gymnastik, tägliches Spazierengehen, Ausflüge oder gemeinsames Singen.

Oberstes Ziel der Wohngemeinschaft ist, eine geborgene und kommunikative Atmosphäre für die irritierten und schutzbedürftigen Menschen zu schaffen. Dass dies gelingt, dafür spricht vielleicht auch die Tatsache, dass bisher keiner der Bewohner weggelaufen ist, obwohl die Wohnungstür nicht abgeschlossen ist. "Zufrieden mit der Demenz leben, das ist unser Ziel", fasst Sybille Mauz zusammen.

Der einfühlsame Umgang des Personals mit den dementen Menschen und deren Wertschätzung ist eine weitere Voraussetzung für eine bessere Lebensqualität. Dazu gehört, dass die Mitarbeiter die Patienten und ihre Reaktionen und Gefühlszustände richtig einschätzen lernen. So kann Unruhezuständen vorgebeugt werden. Regelmäßige Dienstbesprechungen und Fortbildungen verstehen sich von selbst.

Während viele Menschen vor dem Alter Angst haben, kann sich mancher Angehörige aus der Wohngemeinschaft selbst vorstellen, später einmal in einer solchen WG zu leben. "Wenn man das hier sieht, wird einem die Angst vor dieser Krankheit genommen", sagt Petra Vogel, deren Mutter seit Bestehen der WG hier wohnt. Auch die anderen sechs Senioren sind übrigens "Bewohner der ersten Stunde".

KontaktDer Verein "Gemeinsam statt einsam" ist über Sybille Mauz zu erreichen, Telefon 0 70 21 / 4 71 48. Die E-Mail-Adresse lautet: Gemeinsam-statt-einsam@t-online.de.