Lokales

Zu Besuch beim Urenkel des Königs

Mit 240 Kilometern von der Quelle im Rothaargebirge bis zur Mündung in den Rhein nahe Koblenz, zieht die Lahn durch drei Bundesländer und bildet eine eindrucksvolle Flusslandschaft. Der mittlere, hessische Teil mit seinen reizvollen Städten, imposanten Burgen und prachtvollen Residenzen war das Ziel einer Exkursion des Schwäbischen Heimatbundes Kirchheim.

KIRCHHEIM Erstes Ziel der von Holger Starzmann geleiteten dreitägigen Fahrt war die Domstadt Limburg. Schon bei der Anfahrt auf der Autobahn war der siebentürmige Dom auf dem Felsen über der Lahn zu sehen. Beim Aufstieg zum Domberg konnte die Reisegruppe in der Altstadt viele Fachwerkhäuser bewundern. Einige von ihnen reichen bis ins hohe Mittelalter zurück und zählen zu den ältesten ihrer Art in Deutschland, andere aus der Zeit der Renaissance sind meist mit hübschen Erkern, Schnitzereien und Rankenmalereien verziert.

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Am Domplatz beeindruckte die burgartig kompakte Front aus Giebel und Westtürmen. An ihrer spätromanischen Fassadengliederung zeigen sich erste Elemente der französischen Kathedralgotik, zwei Stilelemente, die sich auch im Inneren fortsetzen. Höhepunkt des Innenraumes ist die achteckige Vierung, mit ihrem von der Kuppel herabfallenden Licht und dem thronenden Christus als Weltenrichter. Ihm zur Seite sind die beiden Kirchenpatrone, die Heiligen Nikolaus und Georg.

Am Nachmittag war das nächste Ziel eine der malerischsten Burgen des Lahntals, die oberhalb einer alten Lahnbrücke gelegene Burg Runkel. Hier erwartete die Teilnehmer eine Überraschung: Führer durch die Burganlage war Prinz Werfried von Wied, ein Urenkel des letzten württembergischen Königs. Als zweitgeborener Sohn des Hauses Wied verwaltet er seit über vier Jahrzehnten die Wied'sche Nebenresidenz in Runkel.

Die mittelalterliche Oberburg wurde im dreißigjährigen Krieg von durchziehenden kroatischen Truppen in Brand gesteckt und ist seitdem eine imposante Ruine. Die Unterburg wurde im 18. Jahrhundert als Schloss wieder aufgebaut. Durch mehrere Torbögen und Innenhöfe gelangten die Teilnehmer in den Bildersaal, der heute wegen seiner guten Akustik für Musikveranstaltungen genutzt wird. Hier waren auch einige Stühle mit württembergischen Wappen zu sehen, ein früheres Hochzeitsgeschenk aus Schwaben. Beeinduckender aber waren die dunklen Eichenmöbel im flämisch-niederländischen Stil aus der Aussteuer einer Vorfahrin aus dem holländischen Königshaus. Nachdem in den Torbögen von Burg Runkel noch ein kurzer, aber heftiger Wolkenbruch abgewartet wurde, ging die Fahrt weiter nach Weilburg, um dort im ehemaligen Marstall Quartier zu beziehen.

Bei der Anfahrt auf Weilburg, das auf einem von der Lahn in weitem Bogen umflossenen Bergsporn liegt, konnten die Teilnehmer die Tunnelöffnung von Deutschlands einzigem Schifffahrtstunnel bewundern, der die Schifffahrt auf der Lahn um einige Kilometer verkürzt.

Der Vormittag des zweiten Tages war der Stadt Weilburg und ihrem Residenzschloss gewidmet. Schloss Weilburg war Sitz des Fürstenhauses Nassau-Weilburg, einer von mehreren Seitenlinien, aus dem auch die Kirchheimer Henriette stammt. Der Rundgang durch Stadt und Schlossanlagen begann am Marktplatz, der Anfang des 18. Jahrhundert von dem Baumeister Johann Ludwig Rothweil seine barocke Gestaltung erhielt.

Von dort ging es in den Schlossgarten. Die Berglage Weilburgs verhinderte eine weit in die Landschaft ausgreifende, typisch barocke Gartenplanung. So entstand im Anschluss an das Schloss ein Lustgarten in drei Terrassenstufen. Die Obere Orangerie wurde dabei als prächtiger Gartensaal ausgestaltet und diente den Fürsten auch als Zugang in die Fürstenloge der evangelischen Schlosskirche. Das Schloss selbst, ein stattlicher Vierflügelbau der Renaissance, ist im Innern jedoch barock und klassizistisch umgestaltet worden.

Die Führung durch das Schloss begann im Westflügel in der Schlossküche mit einem für die damalige Zeit modernen, hochgemauerten Herd. Als besondere Attraktion darf das Marmorbad im Nordflügel, gefertigt aus Lahnmarmor, gelten. Unter den Wohn- und Repräsentationsräumen bilden das kurfürstliche Gemach und das chinesische Kabinett sehenswerte Beispiele barocker Prachtentfaltung. Zeittypisch für die gehobene Wohnkultur des 19. Jahrhunderts sind die handgedruckten Landschaftstapeten mit Schweizer Motiven.

Am Nachmittag des zweiten Tages fuhr die Gruppe nach Marburg, der Universitätsstadt an der Lahn. Der Rundgang begann in der Oberstadt, der Altstadt Marburgs, die wie Limburg eine Fülle von bedeutenden Fachwerkhäusern vom Mittelalter bis zum Historismus aufzuweisen hat. Von der Oberstadt ging es weiter treppaufwärts zur lutherischen Marienkirche. Hier entdeckte die Gruppe an einem Grabdenkmal in einer Chornische das württembergische Wappen. Hedwig, die Tochter Herzog Christophs, war mit dem Marburger Landgrafen Ludwig IV. vermählt und fand hier ihre letzte Ruhe. Allegorien am Grabmal weisen auf die Tugenden der Gerechtigkeit, der Caritas und der Mäßigung hin.

Nun war noch ein weiterer Aufstieg zu erklimmen: der Schlossberg. Nach der Abtrennung der Landgrafschaft Hessen von Thüringen wurde Marburg Residenzstadt, und die Landgrafen von Hessen erstellten auf dem Berg über der Altstadt ein Schloss, das für die damalige Zeit Ende des 13. Jahrhunderts äußerst stattlich war.

Vom Schloss ging es dann abwärts in die Unterstadt zur Kirche der Heiligen Elisabeth, dem wichtigsten Baudenkmal Marburgs. Die ungarische Königstochter und Landgräfin von Thüringen verließ nach dem Tode ihres Gemahls die Stammresidenz auf der Wartburg und widmete sich in Marburg der Pflege Bedürftiger. Nach drei aufopferungsvollen Jahren starb sie 1231, nur 24 Jahre alt. Berichte über Wunderheilungen an ihrem Grab führten schon 1235 zu ihrer Heiligsprechung. Im gleichen Jahr wurde mit dem Bau der Elisabethkirche begonnen, 1283 war der Bau der ersten hochgotischen Hallenkirche in Deutschland bis auf die Türme abgeschlossen. Zahlreiche Pilgerscharen wallfahrten zu ihrem Grab im Nordchor und bewunderten den Elisabethschrein, das Meisterstück eines unbekannten Goldschmieds.

Der Morgen des dritten Tages führte die Teilnehmer zuerst zu Schloss Braunfels. Auf einer Höhe über dem gleichnamigen Städtchen gelegen, ist es mit seinen verschieferten Dächern und Turmhelmen ein Schloss wie aus dem Bilderbuch. Seit dem 13. Jahrhundert dient es einer Seitenlinie des Hauses Solms als Wohnsitz. Im 19. Jahrhundert im Stile des Historismus umgestaltet, birgt es in seinen Räumen eine Fülle von Schätzen aus den fürstlichen Sammlungen, darunter bedeutende Gemälde, Vasen, Mobiliar sowie kostbare Gobelins.

Letzte Etappe der Reise war die ehemals Freie Reichsstadt Wetzlar. Auch hier bestimmen Fachwerkbauten das Gesicht der Altstadt. Auffallend sind die vielen Balkeninschriften, Lebensweisheiten und Bibelzitate. Bei einem stattlichen Haus am Eisenmarkt aus dem Jahr 1599 ist eine Inschrift in einem altertümlichen Französisch zu erkennen, ein Hinweis darauf, dass Wetzlar schon im ausgehenden 16. Jahrhundert reformierte Glaubensflüchtlinge aus der Wallonie aufnahm. Ein Kuriosum Wetzlars ist der "Dom", von den Wetzlarern so genannt, obwohl er nie eine Bischofskirche war. Die lange, wechselvolle Baugeschichte, das Ineinanderfließen verschiedener Baustile und Baumaterialien sowie die unvollendete westliche Turmfassade machen den Dom zu einem sehenswerten Objekt. Interessant auch, dass sich evangelische und katholische Domgemeinde friedlich den Dom teilen und er somit zu den wenigen Simultankirchen in Deutschland zählt.

Am Domplatz befinden sich auch ehemalige Gebäude des Reichskammergerichts, das 1690 nach der Zerstörung Speyers nach Wetzlar verlegt wurde. Hierher kam im Jahre 1772 der junge Goethe, um auf Wunsch seines Vaters ein juristisches Praktikum zu absolvieren. Bald lernte er die 19-jährige Charlotte Buff kennen, die mit ihrem verwitweten Vater und zahlreichen jüngeren Geschwistern in einem kleinen Häuschen am Eingang des Deutschordenshofes wohnte. Dieses Lotte-Häuschen war das letzte Ziel des Nachmittags. Dank einer Führerin, die die Liebe Goethes zu Charlotte, die die Verlobte seines Freundes Kestner war, verinnerlicht hatte und lebendig herüberbrachte sowie dank der zeitgenössischen Einrichtungsgegenstände, wurde die Entstehungsgeschichte der "Leiden des jungen Werthers" anschaulich vermittelt.

Anschließend hieß es dann Abschied nehmen von der Lahn und ihrer verführerischen Landschaft, ihren Hügeln, Schlössern, Burgen und Städten .

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