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"Zu dem altvertrauten Orte kam ich als im Traume her"

LENNINGEN Der Frankfurter Kunstmaler Otto Gils entdeckte im Herbst 1885 die Schönheit des Albtal-Dorfes Oberlenningen. Er malte das Pfarrhaus und die Kirche mit der

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ERIKA HILLEGAART

Steinbrücke über die Lauter im Vordergrund und daneben das Brunnenhaus. Eine Hühnerschar und die wassertragende Magd machen das Gemälde reizvoll und lebendig. Dieses Bild im romantischen Stil hing jahrzehntelang im Zimmer der Lenninger beziehungsweise Oberlenninger Bürgermeister und ist auch durch mehrere Publikationen bekannt.

Nun hat in diesem Jahr der Oberlenninger Rudolf Nemnuvil aus seinem Privatbesitz zwei weitere Ölgemälde von Otto Gils dem Förderkreis Schlössle gestiftet. "Die Erbstücke sollen unverkäuflich bleiben und für die Öffentlichkeit zugänglich sein", begründete er seinen Entschluss. Er bat bei der Übergabe um Informationen über den Maler und die örtliche Geschichte jener Zeit.

Die jetzt aufgetauchten Bilder zeigen ebenfalls Oberlenninger Motive. Auf dem einen ist der Privatweg zu erkennen, der bei der alten Brücke an der Hofstraße entlang der Lauter zur Sulzburgstraße führt. Im Hintergrund des Gemäldes sind der Zwerchberg mit dem Kammfelsen, der Schmaltal-Einschnitt und der Sterrenberg topografisch genau erfasst. Die Häuser am linken Lauterufer stehen zum Teil heute noch, allerdings ist die Uferseite stark eingewachsen. "Herrenwegle" heißt dieser Weg im Volksmund seit den 20er-Jahren. Denn nur die Herren "Beamten" der Firma Scheufelen durften auf diesem Weg zu ihren noblen Wohnhäusern im Schlossrain gehen. Noch heute ist dieser Fußweg ein idyllisch verschwiegener Ort mitten im Dorf, dessen Stimmung der unbekannte Maler einst festgehalten hat.

Das andere Bild gibt so viel Rätsel auf wie der Maler selbst. Wieder ist die Lauter im Vordergrund mit einer Entenschar, Weidengebüsch, einer Flötenspielerin und einem Landmann. Das Hauptmotiv sind zwei heute nicht mehr eindeutig identifizierbare Gebäude, von einer halb hohen Mauer teilweise umgeben. Es sind herrschaftliche Walmdachhäuser, dem Lauterverlauf nach im Gebiet hinter der ehemaligen unteren Mühle.

Alle drei beschriebenen Gemälde, signiert mit Otto Gils und September/Oktober 1885, haben einen guten Bildaufbau, dezent schöne Farben und eine sichere Wiedergabe natürlicher Verhältnisse. Das künstlerische Flair der romantischen Malerei hat Otto Gils durch das milde Licht getroffen. Darin sind sich einige befragte Kunstfreunde einig. Ein Stuttgarter Experte für deutsche Malerei konnte Otto Gils nicht bei den bekannten Malern des 19. Jahrhunderts einordnen, doch seien seine Bilder von hohem Reiz durch die lokale topografische Wiedergabe.

Was macht die Spurensuche nach Otto Gils so spannend? Sie ist durch zahlreiche Gespräche und Einblicke in schriftliche Dokumente interessanter als das Finden mit dem schnellen Klick. Die Bilderschwemme durch Medien, Fotografien und Freizeitmalerei verwöhnt heutzutage selbst den Bewohner des einsamsten Gehöfts. Mit den alten Gemälden, die aus dem dörflichen Leben von einst erzählen, ist es wie mit dem einzigen Foto von der Urgroßmutter sie haben Seltenheitswert. Von 1860 gibt es eine Skizze und eine Radierung mit dem Pfarrhaus-Motiv und der berühmten Altane in der Pfarrgarten-Linde. Die ersten Fotografien vom Ort tauchen um die Jahrhundertwende auf. Der Oberlenninger Fotograf Johannes Bozler hat um 1915 zahlreiche Aufnahmen gemacht. Sie sind dokumentarisch und künstlerisch wertvoll. Noch ältere bildnerische Darstellungen finden sich in Landkarten und Lagerbüchern. Darauf sind die Ortschaften mit ihren Kirchen nur skizzenhaft angedeutet.

Die Landschaft, gerade auch die Schwäbische Alb, war Jahrhunderte lang lediglich Bildhintergrund oder dramatische Kulisse für Schlösser, Klöster und Burgen. Der romantische Realismus fand im 19. Jahrhundert in der Natur seine Motive. Die Maler legten in die Naturdarstellung ihre Sehnsucht nach Freiheit, Fern- und Heimweh hinein. "Zu dem altvertrauten Orte kam ich als im Traume her", dichtete der malende Eduard Mörike. Lauterbrücke, Pfarrgarten, Kirche und Mühlengelände in Oberlenningen sind solch altvertrauten Orte Zeugen der Vergangenheit, bewahrte Gegenwart.

Der unbekannte Maler Wer hat vor 120 Jahren den Kunstmaler Otto Gils aus der Frankfurter Gegend nach Oberlenningen eingeladen? War es die künstlerisch begabte Pfarrfamilie Kolb? Der Fabrikantensohn aus Aachen, Friedrich Josef Kolb, von 1875 bis 1890 Pfarrer in Oberlenningen, hat nicht nur geschichtliche Abhandlungen geschrieben, sondern auch gezeichnet. Von ihm sind noch seine "10 Ansichten aus dem Lenninger Thal" bekannt. Die Drucke dieser Zeichnungen werden heute antiquarisch zu stattlichen Preisen angeboten. Die jüngere Pfarrerstochter Clara hatte sich als Zeichenlehrerin ausbilden lassen und in Ulm unterrichtet. Über diese Pfarrfamilie führt die Spurensuche zunächst zum damaligen Schultheißen Carl Sigel. Dessen Nachkommen sind im Besitz von Ölbildern der Clara Kolb, da die Familien miteinander befreundet gewesen seien. Ein Gemälde, signiert mit C. Kolb 1888, zeigt exakt dasselbe Motiv, das Otto Gils drei Jahre zuvor von der Brücke mit Lauter, Pfarrhaus und Kirche gemalt hatte. Das Kolb'sche Bild ist lebhafter in der Farbe und in der Wiedergabe der Formen etwas unbeholfener. Beide mehrfach publizierten Bilder werden oft miteinander verwechselt.

Pfarrer, Schultheiß, Fabrikant das war das Honoratioren-Trio damals. Das Brückenbild von Otto Gils könnte im Besitz des Fabrikanten gewesen sein, denn auf seiner Rückseite ist vermerkt: "Dieses Bild zeigt Brücke und Umgebung aus alter Zeit der Gemeinde Oberlenningen gestiftet nach dem Umbau des Rathauses im Jahr 1928 von Dr. Heinrich Scheufelen". Der Kunstkenner und Sammler Heinrich Scheufelen, Sohn des Firmengründers Carl Scheufelen, hatte mit seinen Stiftungen auch die Kirchengemeinde Oberlenningen großzügig mit vier anerkannt wertvollen Gemälden bedacht. Das darf als Hinweis für die Wertschätzung des Malers Otto Gils gelten. Hat also der alte Kommerzienrat Carl Scheufelen den Frankfurter ins Dorf geholt?

Wo waren die jetzt aufgetauchten Bilder über 120 Jahre lang? Rudolf Nemnuvil erinnert sich: 1946 fand seine Familie nach der Flucht bei dem älteren Schwesternpaar Christiane und Pauline Schwarz in der Gutenbergerstraße eine neue Heimat. Da fühlte sich die Vertriebenenfamilie wohl, war hilfsbereit und kam öfter in die gute Stube der ledigen Frauen und dort hingen die alten Bilder. Es muss eine besondere Stube gewesen sein. "Do hent Kinder gern neidruckt", erinnern sich einige alten Oberlenningerinnen, "Nana-Bas hot emmer ebbes Schleckigs rausbache oder ons Kender Gedörrtes gschenkt", erinnern sie sich. Eine 93-Jährige mit wachen Sinnen erzählt: "I han als Kend die Bilder emmer wieder aguckt, s'war was bsonders". Wie die Gils-Gemälde in diese bäuerliche Stube gekommen sind weiß niemand. Zur Familie Nemnuvil kamen sie vor einem halben Jahrhundert als Dank für die fürsorgliche Betreuung der alten Nana- und Päule-Basen. Der Förderkreis Schlössle, auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten, wird die Bilder voraussichtlich zunächst im Julius-von-Jan-Gemeindehaus ausstellen.

Oberlenningen im Jahr 1885 Noch reiste man von Kirchheim aus mit der Postkutsche durchs Lenninger Tal. Gerade einmal 764 Dorfbewohner zählte man in jenem Jahr. 31 Geburten sind im Taufbuch registriert, mit Uhrzeit und Symbolen vermerkt, und manchem "Anonymus", einer Totgeburt. Oft hatte Pfarrer Kolb wenige Tage nach der Geburt und der Taufe ein Sterbekreuz hinter die Namen malen müssen. Vier Ehen wurden 1885 geschlossen. In den Kirchenbüchern sind die Berufe der Männer eingetragen, die meisten waren Bauern. Daneben schrieb der Pfarrer den Zweitberuf: Schreiner, Häfner, Korbmacher, Wirt, Schneider, Maurer, Polizeisoldat oder Fabrikarbeiter nur einmal ist der Frauenberuf Näherin angegeben. Über die Verwendung eines Feiertagsopfers von 13 Mark und 16 Pfennig gibt es ein längeres Kirchengemeinderats-Protokoll. Zwei Kilo schwarzes Brot kosteten 45 Pfennig.

Die Wasserkraft der Lauter trieb im Ort zwei Mahlmühlen an, eine Gips- und eine Sägemühle sowie bereits eine Turbine für die Papierfabrikation. Noch war das Kanalsystem mit den Wasserwerksanlagen nicht gebaut, noch wurde kein elektrischer Strom dadurch erzeugt. Aus sechs öffentlichen Schöpf- und Pumpbrunnen holten die Frauen das Wasser. Erst 1909 wurde die Wasserleitung gebaut, ein Jahr später versorgte die Papierfabrik Scheufelen den Ort mit Strom.

Die Gils-Bilder holen die versunkene Zeit wieder ins Blickfeld und passen zum Thema des diesjährigen Literatur-Sommers "Im Spiegel der Romantik". Übrigens, ebenfalls unbekannt war der namensverwandte Maler Fritz Gils aus Hessen, der eine Generation jünger war. Dieser Künstler war ein vergessenes Mitglied der Neuen Darmstädter Sezession. Erst in jüngster Zeit hat ein Galerist diesen Maler, ohne Daten und Selbstzeugnisse von ihm zu kennen, bekannt gemacht und sein Werk gewürdigt.