Lokales

Zuerst Klinikstreit, dann Ärztestreik

Kreis will im Juli Katheter-Messplatz in Ruit in Betrieb nehmen – Klinikärzte im Ausstand

Nach einem Streit mit dem Chef des Herzzentrums Filder, Dr. Ulrich Borst, und der fristlosen Kündigung des Kooperationsvertrags will der Landkreis bis Juli in Ruit ein neues Katheterlabor einrichten. Einen ganz anderen Grund, für ihre Sache zu streiten, haben die Ärzte der kommunalen Kliniken im Kreis. Sie protestieren gegen steigende Arbeitsbelastung und schlecht bezahlten Nachtdienst.

richard umstadt

Kreis Esslingen. Wie sich doch die beiden Wörtchen Streit und Streik ähneln. Aus „t“ wird „k“ und aus „k“ wird „t“ und wie man die Buchstaben auch dreht und wendet, ist doch klar, dass beides, Streit und Streik, für alle Beteiligten nicht unbedingt nach fröhlichem Feierabend klingt. Weder für die im Marburger Bund organisierten Ärzte an den kommunalen Krankenhäusern im Landkreis Esslingen, die in dieser Woche aus Protest über immer mehr Belastung am Arbeitsplatz und schlecht bezahlte Nachtdienste die Arbeit niederlegen, noch für die Geschäftsführung der Kreiskliniken. Letztere wurde mit dem Chef des Ruiter Herzzentrums Filder, Dr. Ulrich Borst, bekanntlich nicht handelseinig, weshalb dieser den Kooperationsvertrag mit den Kreiskliniken fristlos kündigte. Dabei wären die beiden laut Vertrag bis 2015 verbandelt gewesen. Doch nachdem Borsts Kompagnon Prof. Dr. Hartmut Hanke zum Chefarzt an das Karl-Olga-Hospital berufen wurde, wollte der Geschäftsführer der Kreiskliniken, Franz Winkler, die Gelegenheit nutzen, die Kooperation neu auszurichten. Zum 1. Januar übernahm Prof. Dr. Christian Herdeg die Leitung der Kardiologie des Paracelsus-Krankenhauses in Ruit. Er sollte gemeinsam mit Dr. Borst die kardiologischen Leistungen im Katheterlabor des Herzzentrums anbieten. Das scheiterte am lieben Geld. Während zuvor Prof. Dr. Hanke auf der Gehaltsliste des Herzzentrums stand, steht der neue Chef der Ruiter Kardiologie, Prof. Dr. Herdeg, auf der Gehaltsliste der Kreiskliniken. Deshalb wurde von den Zahlungen an Borst ein gewisser Teil einbehalten, erläuterte die stellvertretende Geschäftsführerin der Kreiskliniken, Elvira Benz. Die weiteren Verhandlungen über einen neuen Kooperationsvertrag oder eine Neugründung des Herzzentrums mit den Kreiskliniken als Gesellschafter führten zu keiner Einigung.

Die Standpunkte seien so weit auseinandergelegen, dass es zu keiner Einigung unter Wahrung der Interessen der Kreiskliniken kommen konnte, ließ Geschäftsführer Winkler mitteilen. Der Aufsichtsrat der Kliniken sei aber zu jeder Zeit in die Verhandlungen und Entscheidungen eingebunden gewesen. Das betrifft auch den Entschluss, bis Juli einen eigenen Linksherzkatheter-Messplatz in der Ruiter Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen im Zentrum für Innere Medizin im Paracelsus-Krankenhaus einzurichten. Das Ziel ist, mit dem Katheterlabor rund um die Uhr eine wohnortnahe Notfallversorgung anzubieten. Dazu gehört neben dem Messplatz natürlich auch das entsprechende Fachpersonal. „Dies werden wir sicherstellen“, sagt Elvira Benz.

Die Millionen schwere Anschaffung bezeichnet die stellvertretende Geschäftsführerin als eine vorgezogene Investition der Kreiskliniken, da in 2011 ohnehin ein neuer Kathetermessplatz für das Gesundheitszentrum geplant war. Ein Vorvertrag mit Dr. Borst war bereits vorhanden. Es ist davon auszugehen, dass der Aufsichtsrat der Kreiskliniken dieser Investition nicht zugestimmt hätte, würde sie sich für die Krankenhäuser des Landkreises nicht bezahlt machen. Dabei spielt die Anzahl der Herzkatheteruntersuchungen eine maßgebliche Rolle. So wurden im vergangenen Jahr in der Kirchheimer Kardiologie rund 1 600 stationär aufgenommene Patienten katheterisiert. Im Ruiter Herzzentrum waren es in derselben Zeit nach Auskunft von Elvira Benz etwa 1 000 Untersuchungen. Nicht mitgezählt wurden dabei die von Dr. Borst ambulant behandelten Patienten.

Bis der neue Katheter-Messplatz in Ruit in Betrieb geht, werden die Patienten, je nach Zuweisung ihrer Hausärzte und Kardiologen, entweder in Kirchheim, Göppingen, Esslingen oder Stuttgart untersucht.

Währenddessen wandte sich Dr. Ulrich Borst dem Städtischen Klinikum Esslingen zu. Cornelia Ullmann, Assistentin der Geschäftsführung, bestätigte Gespräche mit dem Kardiologen. Ihr sei aber nichts bekannt, dass das Klinikum den Katheter-Messplatz in Ruit als dritten übernehmen wolle.

Gestern und am Donnerstag wurden und werden die Kreiskliniken Esslingen in Kirchheim, Nürtingen, Plochingen und Ruit von den Ärzten der Krankenhäuser bestreikt. Im Städtischen Klinikum Esslingen traten und treten die Mediziner gestern, heute und am Donnerstag in den Ausstand. Laut Frieder Schmitt, dem stellvertretenden Geschäftsführer des Marburger Bundes, Landesverband Baden-Württemberg, fuhren gestern rund 60 Ärzte aus den Kreiskliniken und 25 aus dem Esslinger Krankenhaus nach München zur zentralen Kundgebung und Demonstration.

Rund 140 Ärzte streiken in dieser Woche

Eine weitere landesweite Kundgebung ist am Donnerstag in Stuttgart vorgesehen. Streikwache zu Hause hielten gestern rund 50 Mediziner. Dabei betont Frieder Schmitt, der Notdienst an den kommunalen Kliniken sei sichergestellt. Das bestätigen Cornelia Ullmann und Elvira Benz. „Die Patientenversorgung ist nicht gefährdet. Notfalloperationen können wie geplant durchgeführt werden.“

Wie der Vize-Geschäftsführer des Landesverbandes sagt, wollen die Ärztinnen und Ärzte an kommunalen Krankenhäusern eine weitere Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen nicht mehr hinnehmen. Schon jetzt biete eine große Zahl von Kliniken privater Krankenhausträger ihren Ärzten wesentlich bessere Konditionen. „Allein die Nachtdienste sind seit 2006 nicht an die allgemeinen Vergütungssteigerungen angepasst worden“, bemängelt Frieder Schmitt. Die Bereitschaftsdienste beginnen nach acht Stunden Vollarbeit und dauern in der Regel 16 Stunden.

Schmitt hofft nun, dass die ­Vertragsparteien „rasch zu Potte kommen“.

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