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Zufluchtsorte für Fußball-Muffel und WM-Geschädigte

KIRCHHEIM Mit Beginn der WM hat sich auch rund um Kirchheim eine Art Ausnahmezustand eingestellt: Bereits am helllichten Tage pilgern

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BIANCA LÜTZ

Fans zu den diversen Übertragungsstätten, um bei Kaffee oder Weizenbier die Vorrundenspiele per Groß

O:9020603.JP_leinwand oder auf dem Fernseher zu verfolgen. Flaggen jeglicher Größe und Couleur wehen von Balkonen oder aus Wohnungsfenstern, und die allabendlichen Autokorsos gehören bereits zum Standardprogramm.

Da ist es schon eher eine Ausnahme, wenn mal weit und breit kein schwarz-weißes Leder zu sehen ist, wenn "Pille" und "Goleo" nicht über die Mattscheibe geistern und weder "Tor"-Schreie noch WM-Songs ertönen zum Leidwesen aller Fußball-Muffel und derer, die eine "Auszeit" vom WM-Trubel brauchen. Die gute Nachricht: Auch wenn sie zunächst etwas schwer ausfindig zu machen sind, es gibt sie doch noch WM-freie Zonen, Oasen der Ruhe und Orte, an denen Bälle keine Rolle spielen.

Eine gute Adresse für alle Fußball-Geschädigten sind auf jeden Fall die verschiedenen Museen in der Region. "Das Freilichtmuseum Beuren ist eine WM-freie Zone", bestätigt Steffi Cornelius, Leiterin des kreiseigenen Museumsdorfs. "Wir haben keine Fernseher, keine Leinwände und ein tolles Programm, das völlig unabhängig von der WM ist." Dazu gehört etwa das große Museumsfest am kommenden Sonntag, 18. Juni. Ein kleines Zugeständnis an das Megaereignis in Deutschland hat aber auch das Freilichtmuseum gemacht: Vor kurzem wurde in den Herbstwiesen ein Bolzplatz eingeweiht.

Auch das städtische Museum in Kirchheim bietet WM-Muffeln eine gute Alternative. "Mit dem Max-Eyth-Jahr wollen wir ein Kontrastprogramm zur Fußball-Weltmeisterschaft bieten", weist Kirsten Bopp von der Kirchheim-Info auf die drei aktuellen Ausstellungen rund um den in Kirchheim geborenen Dichteringenieur im Kornhaus hin. "Auch unsere Stadtführungen sind WM-frei", sagt Bopp zumindest wenn man davon absieht, dass die Touren eigens für internationale Besucher auch auf Englisch und Französisch angeboten werden.

Wer Zuflucht vor dem allgegenwärtigen Großereignis in den deutschen Stadien sucht, ist zudem in der Kirchheimer Stadtbücherei am richtigen Platz. "Wir haben gar nichts Besonderes zur WM organisiert", sagt Ingrid Gauss, Leiterin der Stadtbücherei. Bis auf die Fußballbücher, die auch vorher schon in den Regalen standen, sei die Bibliothek eine fußballfreie Zone geblieben.

Durchatmen lässt es sich auch auf der Schopflocher Alb: "Wir haben ein Alternativprogramm zur WM ", versichert Wolfgang Lissak vom Naturschutzzentrum. Der Familiensonntag am 18. Juni dreht sich beispielsweise um alte Sagen aus der Region und nicht um den Ball.

Spezielles FrauenprogrammEin spezielles Frauenalternativprogramm zur WM 2006 haben einige rührige Frauen der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Kirchheim auf die Beine gestellt. "Bei uns in der Gemeinde gibt es ein paar Frauen, die nicht so fußballbegeistert sind. Da haben wir einfach überlegt: Was könnten wir währenddessen machen?" Herausgekommen ist ein Programm mit sechs Abendveranstaltungen, das am heutigen Mittwoch um 20 Uhr mit einem "Wellnessabend" im Penthouse des Steingauzentrums beginnt. Geplant sind unter anderem auch ein Besuch im Fitnesscenter, ein Kreativabend und eine Stadtführung.

Schwer haben es all diejenigen, die ungestört ein Bier trinken gehen wollen. Werben die meisten Gaststätten und Kneipen mit speziellen Angeboten zur WM und Leinwand- oder Fernsehübertragungen, so hat sich bei der Stadt Kirchheim lediglich ein Gastronom als WM-Verweigerer gemeldet: Das Wirtshaus am alten Wollmarkt hält sich aus dem Trubel heraus. "Hier wird wahrscheinlich noch nicht einmal ein Fußball zu sehen sein", sagt ein Mitarbeiter und versichert: "Es gibt bei uns keinen Fernseher und kein Radio." Über Bord geworfen werden könnte dieser Grundsatz lediglich in einem Fall: "Wenn Deutschland ins Endspiel kommt."

Mehr oder weniger freiwillig finden sich ohnehin zahlreiche Menschen täglich in WM-freien Zonen wieder. Nicht jeder Arbeitnehmer hat die Gelegenheit, am Arbeitsplatz dem Fußball-Fieber zu frönen. Zu diesen WM-freien Zonen gehört beispielsweise das Landratsamt Esslingen: "Bei uns gibt es keine Fernseher und keine Radios", sagt Pressesprecher Peter Keck. Einen Spielplan hat er trotzdem in seiner Schreibtischschublade liegen ein nützliches Utensil, wenn es darum geht, Termine zu vereinbaren und günstige Zeitpunkte für Sitzungen auszumachen.

Keine WM-FluchtAuch wenn es eine ganze Menge von bekennenden Fußball-Muffeln gibt, die von der WM jetzt schon die Nase voll haben, hat der Rummel um den World Cup offenbar keine Fluchtwelle ausgelöst. "Wir wissen von keinen Kunden, die extra deswegen verreisen wollten", lautet der Tenor in den Kirchheimer Reisebüros. Auch kurzfristige Anfragen ob des Fußball-Trubels verzeichnen die Anbieter nicht. Allerdings hat auch das befürchtete Gegenteil nicht eingesetzt: "Unsere Angebote sind ziemlich gut gebucht", berichtet der Mitarbeiter eines Kirchheimer Reisebüros. Nicht zuletzt führen die Experten das auf spezielle Rabatte während der WM-Zeit zurück. Außerdem warben zahlreiche Hotels im Ausland mit Großleinwänden und anderen Übertragungsstätten.

Das Fazit für alle WM-Müden: Auch in Kirchheim und Umgebung existiert ein Leben neben der Fußball-Weltmeisterschaft. Wer Augen und Ohren offen hält, wird natürlich auch über die oben genannten WM-freien Zonen hinaus ein breit gefächertes Angebot von kulturellen Einrichtungen, Bildungsstätten, Vereinen und Kirchengemeinden vorfinden, bei dem sich nicht alles um den Ball dreht. Und wer ganz sicher gehen will, dass er unbehelligt vom WM-Trubel durchschnaufen kann, dem bleibt immer noch die Flucht in die Natur: Bei einer Radtour durch den Wald oder einem Spaziergang auf der Schwäbischen Alb lässt sich der Hype um das beliebteste Ballspiel der Welt leicht vergessen.