Lokales

Zukunft eines alten Hauses erhitzt die Gemüter

Ein ungewöhnlicher Fall beschäftigt den Petitionsausschuss des Landtages: Ihm liegen zwei Petitionen zu einem Thema vor. In der 3500 Einwohner zählenden Gemeinde Beuren kämpfen zwei Bürgerinitiativen die eine will das denkmalgeschützte Gebäude Rathausstraße 1 erhalten, die andere will es abreißen lassen.

BEUREN "Man darf nicht immer dieselben Fehler machen", sagt Jürgen Kretzschmar. Der Schriftführer des "Vereins historisches Beuren" meint damit, alte Gebäude abreißen zu lassen. Als abschreckende Beispiele nennt er Filstalgemeinden wie Reichenbach, Ebersbach und Uhingen: "Die hatten so nette Ortskerne. Und heute? Schrecklich!" Lob dagegen für die "wunderbaren Gässle in Esslingen und Schorndorf." Das Ziel des Ende Juli gegründeten Vereins ist klar: Das Gebäude neben dem Rathaus von 1594 soll bleiben.

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Dass alte Häuser oft Sorgenkinder sind, wissen auch die organisierten Abriss-Gegner. Denn Sanierungen sind teuer. Nun gibt es in Beuren gleich 70 denkmalgeschützte Gebäude wohl einmalig in dieser Dichte. Der Ort im Vulkangraben der Schwäbischen Alb kann mit weiteren Superlativen werben. Hier befindet sich nicht nur der größte Bestand an Firstständerhäusern im Ländle, sondern aus dem Jahr 1411 das älteste solcher Gebäude, deren Mittelstützen vom Boden bis zum First reichen. Auch die beiden ältesten Häuser des ländlichen Baden-Württemberg stehen hier. Der Rekordhalter aus dem Jahr 1386 in der Linsenhofer Straße 20/22, auf Platz zwei die Hausnummer 4/6, das nach früheren Besitzern benannte Sonnenwaldhaus von 1396. Der Verein will nun "die Bevölkerung für ihren alten und interessanten Hausschatz sensibilisieren". Die Mitglieder wollen die historischen Gebäude vor Verfall und Abbruch retten und Ideen liefern, wie ein Haus genutzt werden kann. Für die umstrittene Rathausstraße 1 denken sie an ein "Haus des Gastes", also eine Touristen-Information.

Für Beurens Bürgermeister Erich Hartmann ist das freilich keine Lösung: "Finanziell nicht darstellbar", urteilt er. Will heißen: Neben Baukosten, die er auf 750 000 Euro beziffert der Verein schätzt 200 000 Euro mit Eigenleistungen , müsste er Personal einstellen. Und das, obwohl im gerade fertig gestellten Anbau des Rathauses ein großes Bürgerbüro eingerichtet wurde, das für Touristen demnächst ein bis 22 Uhr nutzbares Terminal bietet.

Das grundsätzliche Interesse des Vereins teilt der Rathauschef. Auch ihm liegt Historisches am Herzen. "Wenn wir ein Haus verlieren, können wir andere erhalten", meint er. "Der Verein hängt sich an jedes Gebäude und gleichzeitig vergammeln 15 andere. Mich ärgert, dass wenig Bereitschaft da ist, das Ganze zu sehen." Bei einem Rundgang zeigt er Häuser, die seit Jahren leer stehen. Bei einem wellt sich das Dach, das andere wurde mit Balken abgestützt, damit es nicht einstürzt. "Es ist fünf vor Zwölf. Wenn nicht in den nächsten Jahren etwas passiert, fallen Häuser zusammen, die uns sehr schmerzen werden." Um Investoren anzulocken, müsse man Parkplätze vorweisen. Und die sind im Ortskern Mangelware. Als "Initialzündung" sieht Erich Hartmann die Umgehungsstraße, die im Februar fertig wird. Dann wird ein (Groß-)Teil der täglich 9 000 Fahrzeuge per Tunnel unter dem Ort durchgeleitet. Hausbesitzer seien nach dieser Verkehrsberuhigung wieder bereit zu investieren, auch Kaufinteressenten meldeten sich. Ob Geschäfte oder Wohnhäuser: Nötig sei eine Tiefgarage am Rathaus mit 35 bis 50 Parkplätzen. Dafür müsse das Gebäude fallen.

Auf dem Platz könnte künftig wöchentlich ein Bauernmarkt mit Landwirten der Umgebung abgehalten werden einen Markttag gibt es aus Platzmangel bislang nicht außerdem Feste und Aktionen. Die sollen einen Teil der jährlich 750 000 Besucher der Publikumsmagneten Panorama Therme und des Freilichtmuseums in den Ortskern locken. Die Abriss-Gegner verweisen derweil darauf, dass der Bau der gewünschten Tiefgarage auch dann möglich wäre, wenn das Gebäude stehen bliebe. Vor 18 Jahren hatte die Gemeinde das Haus gekauft. Vier Generationen von Gemeinderäten stünden hinter dem Abriss, sagt Hartmann. 1 100 Bürger sieht er hinter sich.

Die vor vier Jahren beantragte Abrissgenehmigung haben Landratsamt und Regierungspräsidium bislang verweigert. Weshalb beide Interessengruppen den Petitionsausschuss des Landtages angerufen haben. Dessen Vorsitzender Jörg Döpper sieht noch Klärungsbedarf. Er habe jetzt den Bürgermeister angeschrieben. "Warum das Gebäude fallen soll und wie der Platz dann genutzt werden soll ist noch unklar." Ein Abriss sei momentan nicht zu rechtfertigen. "Es ist halt ein Denkmal." Die Entscheidung sei derzeit "in jede Richtung offen".

Der Verein historisches Beuren informiert am Freitag, 8. Oktober, im Gasthof Löwen in Beuren über die Vereinsziele und Beispiele von gelungenen Sanierungen.

ez