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Zum ersten Mal seit über zehn Jahren wohnen in ...

Zum ersten Mal seit über zehn Jahren wohnen in Kirchheim wieder "staatlich untergebrachte Flüchtlinge". Damit gemeint sind Neuzugänge, die gerade aus ihren Heimatländern geflohen sind und in

BIANCA LÜTZ

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Deutschland einen Erstantrag auf Asyl stellen. Grund für die Standort-Veränderung sind unter anderem die massiv sinkenden Zuwanderungszahlen und daraus folgende Umstrukturierungen bei den Unterkünften im Kreis Esslingen.

Monika Keibl-Zitt, Sozialpädagogin beim AWO-Sozialdienst, erinnert sich daran, dass im Jahr 2004 noch 990 Asylbewerber in Wohnheimen im Landkreis Esslingen untergebracht waren. Insgesamt gab es 18 staatliche Flüchtlingsunterkünfte. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Asylbewerber imKreis Esslingen jedoch massiv gesunken: Heute sind es noch 190. Dementsprechend hat der Landkreis auch die Wohnheime reduziert: Jetzt gibt es noch zwei staatliche Flüchtlingsunterkünfte, eine in Kirchheim und eine in Esslingen.

Drei der neun Wohnhäuser des Übergangswohnheims für Aus- und Umsiedler in der Kirchheimer Charlottenstraße sind im Juni 2007 in staatliche Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge umgewidmet worden. Platz gab es dort, weil auch die Zahlen der Spätaussiedler stark gefallen sind und Wohnungen leer standen. Im Moment leben in der neu eingerichteten staatlichen Gemeinschaftsunterkunft Charlottenstraße insgesamt 77 Asylbewerber, davon vier Familien mit insgesamt 10 Kindern, 17 alleinstehende Frauen und 44 alleinstehende Männer. Als stärkste Gruppen vertreten sind Menschen aus der Türkei und dem Irak meist Kurden sowie Flüchtlinge aus Schwarzafrika, Serbien und dem Iran.

"Die Flüchtlinge sind nach der Stellung ihres Asylantrags in Karlsruhe zur Wohnsitznahme in der Gemeinschaftsunterkunft verpflichtet", erläutert Julie Hoffmann, Leiterin des AWO-Sozialdienstes und zwar so lange, bis das Asylverfahren rechtskräftig abgeschlossen ist. Wird den Flüchtlingen Asyl gewährt, so dürfen sie die staatlichen Unterkünfte sofort verlassen. Die Mehrzahl der Anträge wird jedoch abgelehnt. Weil die meisten jedoch nicht ausreisen können, wird die Abschiebung ausgesetzt: Die Flüchtlinge erhalten dann eine Duldung. Aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen dürfen sie aber erst ein Jahr später.

Für Flüchtlinge ist es immer noch äußerst schwierig, in Deutschland zu arbeiten. Zunächst gilt ein einjähriges Arbeitsverbot für alle. Anschließend kann nur derjenige problemlos Arbeit suchen, der als Asylberechtigter anerkannt ist. Menschen, die nur geduldet sind, bedürfen in jedem einzelnen Fall einer Arbeitsgenehmigung. Die bekommen sie nur, wenn für die gefragte Stelle kein Deutscher, EG-Bürger oder Ausländer mit Arbeitserlaubnis zur Verfügung steht. "Die Menschen nicht arbeiten zu lassen, ist unwürdig", kritisiert Eva Abele vom Kirchheimer Arbeitskreis Asyl diese Praxis. Angesichts der massiv zurückgegangenen Flüchtlingszahlen ist es aus ihrer Sicht an der Zeit, die restriktiven Bestimmungen aufzuheben.

Auch die Arbeitssuche gestaltet sich nicht immer leicht. Denn staatlich untergebrachte Flüchtlinge dürfen den Landkreis nicht verlassen "auch nicht um Arbeit suchen zu gehen", so Julie Hoffmann. So leben die meisten von dem, was der Staat ihnen zuweist: Ein Erwachsener bekommt pro Monat rund 40 Euro Taschengeld, Kinder die Hälfte. Davon müssen die Menschen alles bezahlen, etwa die Anwaltskosten für das Asylverfahren oder auch Fahrkarten für Fahrten zu den Behörden. Lediglich mit Grundnahrungsmitteln werden die Flüchtlinge versorgt. Die können sie nach einem Punktesystem beim Lebensmittellaster einkaufen.

"Das tägliche Leben ist schwer", weiß Eva Abele. Sie und ihre Mitstreiterinnen bei AK Asyl versuchen unterdessen, den Flüchtlingen das Leben zu erleichtern vor allem menschlich, aber auch wirtschaftlich: "Wir geben zum Beispel finanzielle Unterstützung für weiterführende Sprachkurse."