Lokales

Zum Frühstück fünf Minuten Zeitung hören

Frühes Aufstehen gehört dazu, genauso die Notwendigkeit, dass sich die Familie morgens ruhig verhält. Schließlich sollen die Mitglieder des Blinden- und Sehbehindertenverbands am Telefon Lokalnachrichten zu hören bekommen und nicht die Geräuschkulisse eines Einfamilienhauses.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Seit über 20 Jahren bietet die Bezirksgruppe Nürtingen-Kirchheim des Blinden- und Sehbehindertenverbands den Service an,

O:STERN.TI_dass Nachrichten aus dem Teckboten und aus der Nürtinger Zeitung am Telefon zu hören sind. In der Anfangszeit wurde das Projekt schon einmal von der Teckboten-Weihnachtsaktion unterstützt. Ohne eine weitere Finanzspritze unserer Leserinnen und Leser stünde der Telefondienst für unsere Hörerinnen und Hörer jetzt vor dem Aus, weil die Fixkosten für den Verein nicht mehr zu tragen wären.

Von Anfang an ist Regine Reutter dabei, wenig später kam Elvira Pfänder dazu. Zunächst bestand ihre Aufgabe darin, die beiden Lokalzeitungen durchzusehen und die wichtigsten Nachrichten auf einer DIN-A4-Seite zusammenzufassen. Die Seite wurde an eine Zentralstelle der Post gefaxt und dort auf Band gesprochen. Seit es diese Stelle nicht mehr gibt, sind die beiden Frauen selbst für die Ansage zuständig. Von zuhause aus sprechen sie telefonisch auf den Anrufbeantworter, der unter der Nummer 0 70 25/91 13 11 abgehört werden kann.

Regine Reutter erinnert sich, wie es losging mit der Bandaufsprache: "Da saß ich vor dem Telefon und hatte ein Problem. Das Band läuft durch, und man muss fünf Minuten fehlerfrei sprechen. Das ist schwierig, schon allein von der Atmung her, und auch mit der Betonung." Es sei ein großer Unterschied, ob man frei spricht oder abliest. Außerdem komme es darauf an, in gleichbleiben-dem Tempo zu lesen und trotzdem mit den fünf Minuten "Sprechzeit" zurechtzukommen. "Seither habe ich Hochachtung vor Fernsehmoderatoren oder Radiosprechern", stellt Regine Reutter fest.

Im Winter schwört sie vor allem auf Salbeitee, um bei Stimme zu bleiben. Ihre "Kollegin" Elvira Pfänder arbeitet mit Salbeibonbons. In seltenen Fällen greift sie zu einer Ausnahmeregelung: "Ich habe schon meine Tochter lesen lassen." Problematisch ist es auch für sie, die fünf Minuten am Stück zu füllen. Sie könne nicht korrigieren, sondern höchstens noch einmal von vorne anfangen. Deshalb müsse es auch ruhig sein im Haus, wenn sie die Lokalnachrichten auf Band spricht. Das geschieht meistens zwischen sieben und halb acht. Morgens um acht, spätestens um neun sollen die Blinden und Sehbehinderten ihre Nachrichten zum Frühstück abhören können.

Gewisse Gewohnheiten gleichen sich also, egal ob jemand die Zeitung liest oder hört. Unterschiede gibt es allerdings bei der Auswahl der inte-ressanten Nachrichten: "Ausstellungen braucht man nicht so groß zu erwähnen", weiß Elvira Pfänder. Regine Reutter ergänzt: "Hoch im Kurs stehen Polizeimeldungen und neue Einrichtungen. Ampeln, Umleitungen und Baustellen sind sehr wichtig. Die Leute müssen ja wissen, wo gerade die Straße aufgegraben wird."

Elvira Pfänder liest vor allem auch die Berichte vor, die sie selbst inte-ressieren. Sie kann die Auswahl so zusammenstellen, wie sie es für richtig hält. "Wenn junge Menschen was machen, was gut ist, dann denke ich, das ist wichtig, das nimmst du dazu. Ältere meinen ja immer, die Jugend sei so schlecht." Viele ihrer Hörer sind ältere Menschen, deren Sehkraft mit zunehmendem Alter immer stärker nachlässt. Ihre Auswahl treffen Elvira Pfänder und Regine Reutter meist im Lauf des Nachmittags. Um morgens vor sieben schon zwei Lokalzeitungen ausführlich zu lesen und auszuwerten, würde einfach die Zeit fehlen. Aber die Zeitung vom Vortag ist für die Hörer des Blinden- und Sehbehindertenverbands dennoch ein entscheidendes Stück Lebensqualität.

Für die beiden "Vorleserinnen" ist es besonders wichtig, nach einer Dienstwoche an die "Kollegin" übergeben zu können. "Es ist angenehm zu wissen, dass man sich auf die andere verlassen kann", meint Elvira Pfänder, und Regine Reutter fügt hinzu: "Für eine allein wäre es auf Dauer zu stressig. Manchmal läuft es mir nämlich auch nicht so rein." Ans Aufhören hat sie im Lauf der 20 Jahre schon öfter gedacht. Dann ist es aber doch jedes Mal wieder weitergegangen: "Man hat sich schon so dran gewöhnt, und irgend jemand muss es ja machen."