Lokales

Zum Schnäppchenpreis auf den Erdtrabanten

ESSLINGEN In der Reihe "Frauen im Dialog" unterhielt sich die renommierte Raumfahrtexpertin mit der Journalistin Susanne Offenbach über das Thema "Raumfahrt Königsdisziplin oder Hybris". Zur Sprache kamen die Rolle der Frau in der Wissenschaft, technischer Fortschritt, fremde Kulturen und politische Einflüsse und was die Schwaben ins Weltall treibt.

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Spätestens 2010 soll es so weit sein: "Ich hoffe doch sehr, dass Baden-Württemberg auf dem Mond landet", betonte Auweter-Kurtz, die seit 1992 am Institut für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart das Gebiet Raumtransport-Technologien vertritt. Ehrgeiziges Ziel: Ein mit eigenen Triebwerken ausgestatteter, 300 Kilogramm schwerer Satellit soll von der Erd-umlaufbahn in eine polare Mondumlaufbahn gelangen. Die "Lunar Mission BW1" darf aber keine Milliarden Euro kosten, sondern soll laut Auweter-Kurtz "für wenige Millionen", quasi zum Schnäppchenpreis, Wirklichkeit werden: "Wir wollen da überwiegend Billigteile verwenden wir kaufen beim Conrad."



Weil Neugier und Forscherdrang in der Natur jedes Menschen liegen, schließt die Wissenschaftlerin nicht aus, dass sich viele Schwaben aus dem Ländle an einer Kilometerstein-Aktion beteiligen würden. Der Kreissparkassen-Vorsitzende Franz Scholz hat zwar bereits über entsprechende Spendenformulare für eine solche Aktion nachgedacht. Doch bemerkte Scholz augenzwinkernd: "Ich bin froh, dass das Stuttgarter Institut uns nicht wegen einer Projektfinanzierung angefragt hat. Denn die Einschätzung des Returns im doppelten Sinne wäre uns ausgesprochen schwer gefallen." Als Wissenschaftlerin mit Geschäftssinn ließ Auweter-Kurtz jedoch nicht locker. "Wir müssen da im Gespräch bleiben."



Die von der Bundesregierung ins UNO-Komitee für die friedliche Nutzung des Weltraums entsandte Ingenieurwissenschaftlerin berichtete, dass ihr das Ingenieurfach "nicht in die Wiege gelegt worden" sei. "Meine Eltern waren beide Bankkaufleute." Später musste sie sich als einzige Frau unter 80 Diplom-Anwärtern behaupten: "Ich kam damals vom Mädchengymnasium. Da war ich diesen Umgangston nicht gewohnt", bekannte die Professorin. Andererseits habe sie sich von solchen Bemerkungen nicht aus der Bahn werfen lassen. Auf die Frage, ob sie ein "Dickbrettbohrer" sei, antwortete Auweter-Kurtz: "Wahrscheinlich schon." Ihrer Beharrlichkeit hat das Stuttgarter Institut seinen vergleichsweise hohen Frauenanteil und Drittmittel aus der Industrie zu verdanken. Das Geld finanziert den größten Teil der 14 Professorenstellen. Weil Auweter-Kurtz der Ansicht ist, dass die Erstsemester besser betreut werden müssen, befürwortet sie höhere Studiengebühren und setzt sich für einen speziellen Fonds ein, damit die Stuttgarter Doktoranden ihre Forschungsergebnisse im Ausland vortragen können. Zu Ländern wie Frankreich, USA, Italien, Indien oder Japan unterhält das Institut unerlässliche Kontakte. "Was die Arbeitsweise angeht, sind uns die Japaner viel ähnlicher als beispielsweise die Italiener", verriet Auweter-Kurtz. "Allerdings fällt es ihnen sehr schwer, Fehler zuzugeben."



Dass die Wissenschaft mit Rückschlägen leben muss, verdeutlichte die auf Raketenantriebe und Temperaturmess-Systeme spezialisierte Wissenschaftlerin am Beispiel der Columbia-Katastrophe, die sie mit Lichtbildern illustrierte. Weil mit einiger Sicherheit schon beim Start Isolierschaumstücke vom externen Tank der Raumfähre abplatzten, verloren sieben Astronauten beim Wiedereintritt der Columbia in die Erdatmosphäre das Leben. Dass die USA aber die Zusammenarbeit am neuen Raumgleiter X38 einseitig aufkündigten, liegt nach Ansicht von Auweter-Kurtz nicht an der Furcht vor weiteren Rückschlägen. Schuld sei vielmehr das mit Beginn der Irak-Krise schwieriger gewordene deutsch-amerikanische Verhältnis.



Raumfahrt und die damit verbundene Technik haben Zukunft, erklärte die 1950 geborene Auweter-Kurtz. Die Industrie nutze hocherhitztes Gas aus Raketenan-trieben. Mit Plasma könne man Oberflächen beschichten oder härten, aber auch problematische Abfälle beseitigen. An eine bemannte Mission jenseits des Mars glaubt Auweter-Kurtz, die eine Astronauten-Karriere aus familiären Gründen abgelehnt hat, zwar nicht. Dennoch ist sie "sehr davon überzeugt, dass es bereits im nächsten Jahrzehnt zu einer bemannten Raumstation auf dem Mond kommen wird." Der Grund: Wegen der fehlenden Atmosphäre sei das Weltall von dort aus wesentlich einfacher zu beobachten, was wiederum für den Schutz der Erde vor Asteroiden bedeutsam sei. So kann Raumfahrt allen nützen.

Raumfahrtexpertin mit Bodenhaftung: Professor Monika Auweter-Kurtz.