Lokales

„Zurzeit spielen wir nur Feuerwehr“

Nürtinger Sozialausschuss befasste sich mit der Situation der Asylbewerber im Containerdorf bei der Kreisberufsschule

Die Situation der Asylbewerber im Containerdorf auf dem Parkplatz der Kreisberufsschule beschäftigt viele Menschen in Nürtingen. Auch der Sozialausschuss der Stadt diskutierte über die Lebensumstände der Familien, verbunden mit dem dringenden Appell an den Kreis, Maßnahmen zur Verbesserung der Situation zu ergreifen.

Die Kommunalpolitiker machen sich Sorgen um den Gesundheitszustand der Bewohner in den unzureichend isolierten Containern.Foto:
Die Kommunalpolitiker machen sich Sorgen um den Gesundheitszustand der Bewohner in den unzureichend isolierten Containern.Foto: Holzwarth

Nürtingen. Reinmar Wipper, Nür­tin­ger Liste/Grüne, gab den Anstoß für den Austausch. Er listete alle bisher aufgetauchten Aspekte auf, angefangen von den Herkunftsländern, über die aktuelle Situation im Containerdorf, ehrenamtliche Aktivitäten und kommunale Zuständigkeiten. Ein Papier, das die Grundlage für die Diskussion im Ausschuss bildete.

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Bevor jedoch die Gemeinderäte von ihren Erfahrungen, ihren Einsätzen und Unterstützungsbemühungen berichteten, war es Bürgermeisterin Claudia Grau ein Anliegen, aufzuzeigen, dass man bei der Stadt sehr wohl aktiv sei und sich um bessere Lebensumstände für die Menschen bemühe. Der unterschwellige Vorwurf, dass die Stadt keine Präsenz gezeigt habe, sei nicht gerechtfertigt. Der Soziale Dienst der Stadt und der Integrationsbeauftragte unterstützen die für die Betreuung zuständige Arbeiterwohlfahrt (AWO) permanent. Hauptproblem sei, dass ein AWO-Mitarbeiter für 180 Flüchtlinge zuständig ist.

Darüber hinaus ist bei der Stadt ein Koordinierungsstab „Asyl“ gebildet worden und am 6. November gibt es in Nürtingen einen runden Tisch mit Vertretern des Landratsamtes, des Ordnungsamtes, der Polizei, des Sozialen Dienstes und anderen Einrichtungen mehr. Man will weitergehend beraten, was getan werden muss, damit das Containerdorf in der Kanalstraße nicht zu einem sozialen Brennpunkt in der Stadt wird. „Zurzeit spielen wir nur Feuerwehr“, sagte Grau.

Täglich gehen bei der Bürgermeisterin Anrufe von besorgten Bürgern ein. Sorgen, die sie nachvollziehen könne und „ungeschminkt an den Landkreis weitergebe“. Gleichzeitig weise die Stadt Vertreter des Landratsamtes auf Schwachstellen hin, in der Hoffnung, dass schnell nachgebessert werde. Nicht verstehen kann Grau zum Beispiel, dass es aus Brandschutzgründen nicht möglich sein soll, ein Vordach an den Containern anzubringen.

Immer wieder wird von Bürgern angeregt, das alte Krankenhaus auf dem Säer für die Unterbringung von Asylbewerbern zu aktivieren. Der Landkreis lehnt dies aus Sicherheitsgründen ab. Alle Versorgungsleitungen seien gekappt, Decken seien teilweise demontiert, und durch die Beschädigungen habe sich flächendeckend Asbeststaub im ganzen Gebäude ausgebreitet. Außerdem sei die komplette Stromversorgung am Verteiler gekappt, die Brandmeldeanlage sei stillgelegt worden, die Wasserversorgung außer Betrieb, in den Leitungen hätten sich Keime abgesetzt und auch die Flucht- und Rettungswege entsprächen nicht mehr den gesetzlichen Vorgaben, was ein TÜV-Gutachten belege. Um das Haus für die Unterbringung zu ertüchtigen, müssten mehrere Hunderttausend Euro investiert werden.

Jürgen Balz (Freie Wähler) wollte diese Argumente nicht unkommentiert stehen lassen. Der Kreis hätte doch die Möglichkeit gehabt, das alte Krankenhaus schon vor Monaten wieder provisorisch herzurichten. Asbeststaub könne man auch mit Lack binden.

Dass Flüchtlinge in Baucontainern untergebracht werden, halten viele Menschen im Nürtinger Raum für höchst bedenklich. „Berechtigte Kritik“, so Claudia Grau. Doch qualitativ höherwertige Wohncontainer seien derzeit nicht zu bekommen. „Der Markt ist leer gefegt“, da alle Landkreise gleichzeitig mit dem Prob­lem der Unterbringung von Asylbewerbern konfrontiert worden seien. Alle zusätzlichen Kosten, die durch Betreuung und Unterbringung entstehen, werden vom Landkreis über die Kreisumlage von den Kommunen mitfinanziert. Das wollte Grau nicht verschweigen.

Dass die evangelische Landeskirche eine Unterbringung von Flüchtlingen im leer stehenden Kloster Denkendorf abgelehnt hat, ist auch im Ausschuss auf Unverständnis gestoßen.

Die immer wieder aufflammende Kritik am Landkreis versuchte Peter Rauscher zu entkräften. Rauscher ist als Kreisrat mit dem Thema schon länger konfrontiert und weiß um die Unterbringungsbemühungen.