Lokales

Zwei schnelle Hasen sind des Jägers Tod

BERND KÖBLE

Anzeige

KIRCHHEIM Es war das Duell Bahn gegen Straße und eine Demonstration beidseitiger Stärke. Leif Lampater, letztjähriger Sieger beim Stuttgarter Sechstagerennen, und Andreas Schillinger, Siebter bei den deutschen Straßenmeisterschaften im vergangenen Jahr, waren dem Feld entwischt, bevor sich dies in Stellung bringen konnte. Mit einem wahren Parforce-Ritt über die volle Distanz von 55 Runden landete das Duo einen Überraschungscoup. Begünstigt freilich von einer lange Zeit lähmenden Unentschlossenheit im Verfolgerfeld, wo die Teams in gegenseitiger Lauerstellung das Tempo verschleppten. Weder der als Top- Favorit angetretene deutsche Straßenmeister Dirk Müller (Team Sparkasse), noch das als Geheimtipp gehandelte Roadteam von Multivan Merida um den Esslinger Andreas Mayr ergriffen entschlossen genug die Initiative.

Das tat ein anderer, den bis dahin niemand auf der Rechnung hatte: Jochen Käß, Mountainbike-Profi vom Team Albgold und Sieger beim Citysprint am Vortag, war wild entschlossen, sich mit einem Platz auf dem Podium ein perfektes Wochenende zu bescheren. Hätte die Rennleitung drei Umläufe vor Schluss ein Einsehen gehabt und dem Rennen bereits nach 52 statt der regulären 55 Runden ein Ende bereitet, es wäre ihm gelungen. Mit einer unglaublichen Energieleistung heftete sich der 26-Jährige dem Führungsduo an die Fersen. Zwei Drittel des Rennens alleine im Wind und von den 6 000 Zuschauern am Streckenrand frenetisch gefeiert, kämpfte sich Käß zeitweilig bis auf 15 Sekunden an die Spitze heran. Als sieben Runden vor Schluss sich Sprintspezialist Andreas Mayr als Lokomotive vor den grünen Multivan-Merida-Zug spannte, waren die Minuten des einsamen Kämpfers gezählt. Käß musste sich am Ende mit Platz zwölf begnügen, vier Plätze hinter seinem Albgold-Teamkollegen Hannes Genze, der im Hauptfeld lange Zeit versucht hatte, die Verfolger in Schach zu halten.

Trotz Sympathieprämie und der Rolle des Publikumslieblings an diesem Tag, zeigte sich Käß nach dem Rennen reichlich angefressen. Sein Ärger galt den Kollegen des Merida-Teams, deren späte Attacke ihn den Erfolg kostete, den Verfolgern selbst jedoch nichts einbrachte. "Wenn ich mich taktisch so verhalte, dann muss ich wenigstens einen Mann aufs Podium bringen", sparte der Vortagessieger nicht mit Kritik an der Konkurrenz. Die war auf den letzten Metern nämlich zum Opfer der Routine eines Mannes geworden, der auf der Bahn schon alles erlebt hat: Andreas Beikirch, 37 Jahre alt und lange Zeit nur unauffälliger Arbeiter im Hauptfeld, hatte sich vor der Zielgeraden in der Markstraße klammheimlich in Position gebracht und auf den letzten Metern bewiesen, dass er an Sprintkraft noch nichts eingebüßt hat. Platz drei für den Mann mit der größten Erfahrung im Team Sparkasse war eine der Überraschungen an diesem Tag.

Relativ entspannt zeigte sich der Sieger, der seinen Dauerbegleiter Leif Lamparter erst auf den letzten Metern abgeschüttelt hatte. Die entscheidende Szene in der letzten Runde spielte sich abseits der Zuschauermassen ab: Am Eingang der Linkskurve zur Gegengeraden unterlief Lampater ein kurzer Steuerfehler, der ihn aus dem Rhythmus brachte. "Da habe ich allerdings schon bemerkt, dass Andi heute die besseren Beine hat", erwies sich der Bahnprofi als fairer Verlierer.

Einen Achtungserfolg feierte Lokalmatador Karsten Vesterling, der sich in seinem ersten Eliterennen vor heimischem Publikum einige Male an der Spitze des Verfolgerfeldes zeigte und das Rennen auf Platz 13 beendete.