Lokales

Zwetschgenwasser und eine Kuh ohne Namen

MONIKA RIEMER

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Alle sind sie gekommen: Alte und Junge, Radler und Wanderer, viele mit dem Auto und wenige mit dem Bus, einige im Kinderwagen und manche auf vier Pfoten. Um die Mittagszeit sei nicht so viel los wie letztes Jahr, sagen die Kenner. Dunkle Regenwolken über dem herbstlichen Neidlinger Tal haben wohl den einen oder anderen abgeschreckt. Später füllen sich die Straßen und Zelte wie in den vergangenen Jahren auch.

Das ist auch gut so. Schließlich muss irgendwer die fast 200 Kuchen des Gesangsvereins vertilgen. "Jeder Sänger muss mindestens drei Kuchen mitbringen!", erklärt die Frau am Buffet und ergänzt stolz: "das meiste ist schon verkauft", und das noch vor vier Uhr nachmittags. Kein Wunder. Allein der Anblick dieser Köstlichkeiten lässt Kinder an der Sichtscheibe kleben und Erwachsenen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Nicht, dass man womöglich an den Ständen der anderen Vereine zu kurz gekommen wäre: Kimmichplaaz, Maultaschen, Saure Kutteln, Schmalz- und Käsebrot, Rote Wurst und Göckele, dazu ein Glas frischen Süßmost oder ein Weizenbier. Nicht zu vergessen, ein Zwetschgenwasser als Verdauungs-Schnäpsle.

Die blechgeblasene Begleitmusik der Musikvereine Lindorf, Albershausen und natürlich der Neidlinger gibt es gratis und in gesprächsfreundlicher Lautstärke. Eben alles, was zu einem richtigen Dorffest dazu gehört.

Derweil steht eine namenlose Kuh am Rand der Schlossstraße und schaut ins Leere. Sie ist aus Spanplatte, Pappmaché und Gips und gehört zur Rasse Neidlinger Fleckvieh. Für 50 Cent darf jeder versuchen, sie zu melken. Dass die meisten dabei Laien sein dürften, erträgt die Kuh mit stoischer Ruhe. Ein älterer Bauer, der die Sache mit Kennerblick mustert, erzählt, er habe früher 30 Kühe nacheinander von Hand gemolken. Dann fordert er seine Frau auf: "Los, melka!" Die kontert kopfschüttelnd: "I hab en meim Leba mehr gmolka als wie du", und geht weiter. Vorher hat sie einen Kinderrucksack fürs Enkele auf dem Flohmarkt erstanden und es gibt immerhin noch mehr Stände, die für Kurzweil sorgen.

Eine etwas in die Jahre gekommene Dorfjugend übt sich im Torwandschießen. Eifrig beobachtet von der aktuellen Dorfjugend und boshaft kommentiert von den Konkurrenten. Immerhin winkt dem Besten ein echtes Trikot des VfL Bochum. Überhaupt die Fußballvereine: am Schießstand des Schützenvereins gibt es neben den obligatorischen Stoffblumen nur Fähnchen von Bayern München. Ob die angesichts der vergangenen Bundesliga-Spieltage keiner mehr schießen wollte? Nebenan basteln Kinder aus Maiskolben und Beeren herbstliche Männchen und weiter unten in der Gartenstraße verheißt ein Schild "Rundflüge für 1 Euro". Billigflüge nun sogar ab Neidlingen? Des Rätsels Lösung ist handspannengroß, hat einen Gummibandantrieb und lässt Kleine und Große begeistert hinterher flitzen. Nein Langeweile dürfte an diesem Sonntag ein Fremdwort sein.

Die Neidlinger Vereine können mit ihrem Zwetschgenmarktfest zufrieden sein. Nächstes Jahr scheint bestimmt wieder die Sonne und die Kuh bekommt endlich einen Namen.

Heute findet der traditionelle Zwetschgenmarkt in Neidlingen zwischen Rathaus und Kirche statt. Bereits ab 7 Uhr werden die Stände dazu in der Kirchstraße aufgebaut.

Langeweile konnte keine aufkommen: Die Neidlinger Vereine boten für Jung und Alt abwechslungsreiche Spiele, bei denen man sogar Preise gewinnen konnte.