Lokales

Zwischen romantischer Verklärung und Bürokratie

In aller Munde sind zurzeit die Streuobstwiesen. Fördergelder soll es von der EU geben, damit seltene Vogelarten dort weiterhin ihre Reviere verteidigen können. Wie mühsam es aber ist, dieses Paradies für Flora und Fauna aufrechtzuerhalten, davon können Bernd und Markus Lang ein Lied singen.

IRIS HÄFNER

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KIRCHHEIM Paradiesische Zustände herrschen schon lange nicht mehr für Baumwiesen-Besitzer. "Der Grasschnitt ist eines unserer größten Problemkinder. Kein Bauer will es", sagt Bernd Lang. Im Hauptberuf ist er Physiotherapeut in Rottenburg, sein Bruder Koch in Denkendorf. In ihrer Freizeit arbeiten sie seit ihrer Kinderzeit auf dem knapp fünf Hektar großen Grundstück, das zur "Freude" der Eigentümer noch extrem steil ist. Vom Trinkbach bis zum Baugebiet Schafhof reicht die in der Jesinger Halde, hinter dem Schlossgymnasium, gelegene Wiese. Zwischen 70 und 80 Bäume stehen auf dem Grundstück, so genau haben die Brüder nicht gezählt. Sie schätzen, dass sie etwa 50 bis 60 verschiedene Obstsorten vereint haben: Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Kirschen und einen Nussbaum mit XXL-Früchten. Bei Neupflanzungen setzen sie auf alte Sorten, da wissen sie, was sie haben. "Keine Experimente", so ihre klare Devise.

Langweilig wird es den beiden nicht, zu jeder Jahreszeit gibt es Arbeit genug. "Wir beide sind mit Abstand die jüngsten im Gewann und so jung sind wir ja auch nicht mehr", meint Bernd Lang lachend. Seit über 70 Jahren ist die Wiese in Familienbesitz. Ehe in den 70er-Jahren ein Balkenmäher angeschafft wurde, war es Aufgabe der Männer, mit der Sense den steilen Hang zu mähen. Mit großen Tüchern mussten schon die Kinder kräftig mit anpacken und das Gras zum Weg hinabziehen. "Nach Schule und Hausaufgaben war es für uns selbstverständlich, bei entsprechendem Arbeitsanfall mit auf die Wiese zu gehen", erinnern sich die Brüder. Erst in den 80er-Jahren gab ihre Großmutter den Gemüsegarten auf. Der Grund: Es kam immer wieder zu Plünderungen und Vandalismus. Davon sind die Wiesenbesitzer bis heute nicht verschont. "Vier Bäume wurden in diesem Jahr komplett abgeräumt", ärgern sie sich.

"Unglücklicherweise liegt unsere Wiese in einem Projektgebiet zum Schutz der Streuobstwiesen der EU. Das hat zur Folge, dass noch mehr Auflagen die Bewirtschaftung erschweren", sagen die Brüder. Sie bemängeln, dass sich "praxisferne Fachleute" in die Pflege einmischen, ohne vorher mit den Praktikern geredet zu haben. "So wird es immer schwerer, Streuobstwiesen für junge Menschen attraktiv zu machen", so ihre Erfahrung. Grillstellen, Schaukeln oder Sandkästen sind beispielsweise verboten und auch Schuppen dürfen nicht erstellt werden. "Wo sollen die Leute ihre Leitern, Mäher und andere wichtigen Arbeitsgeräte unterbringen, wenn sie in einer Stadtwohnung leben?" fragen sie. Die beiden kritisieren außerdem, dass über das Thema Streuobstwiese zwischen romantischer Verklärung und bürokratischen Auflagen diskutiert werde und bedauern, dass nur die Grundstücke in der Jesinger Halde in das Förderprogramm aufgenommen wurden, deren Eigentümer sie nicht mehr pflegen. "Diejenigen, die sie bewirtschaften, bekommen dagegen nichts", wundern sie sich. Zudem würden die vom Naturschutz vom Gestrüpp befreiten Wiesen mittlerweile schon wieder verbuschen.

Die Brüder haben Anfang der 90er-Jahre die Baumwiese übernommen. "Um sie wenigstens ein bisschen weniger unrentabel machen zu können und die Kosten zu senken, haben wir als einzigen Ausweg die Gründung einer Firma gesehen", sagt Bernd Lang. "Feines vom Apfel" heißt sie und ihr Flyer steht unter der Überschrift "Der Tradition verpflichtet Der Natur zuliebe". Genauso arbeiten die beiden. 500 bis 800 Euro jährlich steckt jeder der beiden in die Wiese. Dazu zählen beispielsweise die Beiträge zur Berufsgenossenschaft, Neuanschaffungen von Rechen oder Säcken. "Vor drei Jahren mussten wir eine neue Mähmaschine kaufen. Das waren 3700 Euro", rechnet Bernd lang vor. Selbst wenn sie ihre Arbeitszeit nicht berechnen, sind die Brüder weit von schwarzen Zahlen entfernt.

"Die Bäume sind unser Kapital", sagen sie. Deren Früchte werden in unterschiedlichster Form veredelt beispielsweise als Zwetschgenwasser oder Quittenlikör. An Ideen und Experimentierfreude mangelt es den Brüdern nicht. "Nächstes Jahr wollen wir es mit einem Wacholderschnaps versuchen", erklären sie. Von der Ernte bis zum Flaschenetikett ist bei ihnen alles reine Handarbeit, lediglich der Saft wird in der Mosterei gepresst und die Maische beim heimischen Brenner zu Hochprozentigem gebrannt. Die komplette Verwertung samt Vermarktung machen sie selbst. Im Sortiment findet sich auch Estragonessig. "Dieses Jahr waren unsere Mitarbeiter leider nicht sehr produktiv", bedauert Markus Lang. Damit gemeint sind die Essigbakterien, die dieses Jahr ihren Dienst verweigerten und somit für keine große Ausbeute sorgten. Und selbstverständlich gibt es bei den Langs Apfelsaft, denn auf ihrer Wiese stehen überwiegend Apfelbäume. "Das Bag-in-Box-System kann die Rettung der Streuobstwiesen bedeuten", hoffen sie. Dank dieses Systems in einem stabilen Karton befindet sich ein Plasitkbeutel mit Verschluss kann Apfelsaft in fünf oder zehn Litern gekauft werden, der angebrochen und ungekühlt drei Monate haltbar ist.

Die Brüder sind froh, den Schritt mit der Firma gewagt zu haben. Markus und Bernd Lang waren schon nah dran, das Grundstück zu verkaufen. Bag in Box war für sie der Auslöser, sie doch zu behalten. "Wenn wir die Bäume jetzt verkommen lassen, haben unsere Kinder nicht mehr die Möglichkeit, zu entscheiden, ob sie die Tradition aufrecht erhalten wollen oder nicht das ist ebenfalls ein Grund für uns weiterzumachen", erklären beide unisono.

Wer mehr über die Brüder und ihre Arbeit erfahren will, kann sich im Internet unter www.feinesvomapfel.de informieren.