Lokales

Zwischen Schafherden, Hutewäldern und ausgedienten Bunkern

ANKE KIRSAMMER

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LENNINGEN/MÜNSINGEN In zahlreichen Sitzungen haben sich die Mitglieder des Ausschusses für Technik und Umwelt bereits mit dem Thema künftiges Biosphärengebiet befasst "höchste Zeit, die Anschauung vor Ort folgen zu lassen", meinte der Landrat im Naturschutzzentrum Schopflocher Alb. Kreistagsoffen konnten sich der Exkursion Interessierte anschließen. Bevor sich der Bus gen Landkreis Reutlingen in Bewegung setzte, demonstrierte Eininger Selbstbewusstsein: "Unser markanter Albtrauf, die Hangschluchtwälder, Ausgrabungen, geologischen Formationen, Höhlen und Burgen tragen dazu bei, dass das Biosphärengebiet unter dem touristischen Aspekt eine sehenswerte Ecke sein wird." Gut aufgestellt sah der Verwaltungschef den Kreis Esslingen außerdem mit den beiden geplanten Informationsstellen auf der Alb und in Beuren: Das Naturschutzzentrum lockt jährlich 20 000 Besucher an, das Freilichtmuseum sogar 80 000.

Mit einem kurzen Gang in die gerade eben erst eröffnete Ausstellung im Naturschutzzentrum zum ehemaligen Truppenübungsplatz lenkte der Leiter Dr. Wolfgang Wohnhas den Blick in Richtung Münsingen: "In dem großflächigen Biotop präsentiert sich uns die Landschaft, wie sie vor 200 Jahren ausgesehen hat." Im Naturschutzzentrum wolle man die Leute informieren und auf den sensiblen Umgang mit dem besonderen Stück Landschaft vorbereiten. Das künftige Biosphärengebiet sei nicht nur das größte Naturschutzprojekt im Ländle, sondern auch ein Projekt, in dem Mensch und Natur zusammenkämen. Profitieren soll davon der Tourismus ebenso wie die Landwirtschaft und das Handwerk. Bereits jetzt sei das Interesse der Besucher an dem Thema sehr groß. Das Naturschutzzentrum reagiert darauf mit Führungen im Nordteil des Gebiets, unternimmt jedoch auch Fahrten zum ehemaligen Truppenübungsplatz.

Das "Nordportal" hinter sich lassend, machte die Biologin Lydia Nittel, Mitarbeiterin des Bundesforsts, die Kreisräte mit einer Reihe von Zahlen vertraut: Das Biosphärengebiet wird sich über eine Gesamtfläche von 82 000 Hektar erstrecken. 3,2 Prozent davon sind Kernzone, 40 Prozent gehören zur Pflegezone und 57 Prozent sollen als Entwicklungszone ausgewiesen werden. Weil das Men and Biosphere (MAB)-Komitee bei seinem Besuch im März äußerst angetan gewesen sei vom bereits erreichten Stand, geht Lydia Nittel davon aus, dass die Verordnung nach dem Landesrecht noch in diesem Herbst in Kraft treten wird. Für die Anerkennung durch die Unesco sei dagegen einiges mehr an Vorarbeit zu leisten. Wenn es gelinge, den Antrag bis zum 15. Oktober einzureichen, sei eine Anerkennung im Laufe des Jahres 2008 möglich. Bislang gingen die Verantwortlichen davon aus, das Unesco-Siegel erst 2011 zu bekommen. Wesentliche Vorarbeiten erledigt derzeit das Startteam, in dem Vertreter des Regierungspräsidiums Tübingen, des Reutlinger Landratsamts sowie des Bundesforsts sitzen. Ein Diskussionspunkt sind beispielsweise die genauen Regeln innerhalb der Kernzonen: So möchte der Schwäbische Albverein die dortigen Wanderwege erhalten, die Unesco will dagegen unberührte Kernzonen. "Die MAB-Mitglieder haben aber betont, dass das Biosphärengebiet aufgrund der Nähe zum Ballungsraum nicht vergleichbar ist mit anderen", so Lydia Nittel. Der größere Erholungsdruck werde durchaus gesehen. Ein Kompromiss zeichnet sich auch im Bereich der Jagd in den Kernzonen ab.

Mit der Fahrt ins "Herzstück" des künftigen Großschutzgebietes betraten einige Kreistagsmitglieder Neuland. Rings um das ehemalige Sperrgebiet wurden inzwischen zahlreiche Parkplätze angelegt und in dem 6700 Hektar großen Areal 35 Kilometer Wanderwege aufgemacht. Was den Besucher erwartet, ist über weite Strecken Natur pur: Bester Beweis: Ein über den Weg hoppelnder Hase, eine Wegbiegung weiter flattert ein sonst kaum noch anzutreffender Steinschmätzer auf . . .

Dass nicht das gesamte Gebiet zugänglich ist, lässt sich zum einen mit dem Naturschutz begründen. Zum anderen dient es auch dem Schutz der Menschen: Durch die 110 Jahre währende Nutzung des Areals als Truppenübungsplatz ist das gesamte Gebiet übersät mit "Kampfmittelrückständen". "Wir gehen von insgesamt 560 000 Munitionsteilen mit Zündern aus", sagte Lydia Nittel. Entgegen der landläufigen Meinung sei auf dem Platz nicht nur mit Übungsmunition, sondern auch mit scharfer Munition geschossen worden. Doch nicht zugängliche Bereiche lassen sich aus der Vogelperspektive beäugen: Vier ehemalige, heute vom Schwäbischen Albverein betriebene Beobachtungstürme, laden an Sonn- und Feiertagen dazu ein, den Blick über die Landschaft schweifen zu lassen: Weite, offene Flächen wechseln sich ab mit Gehölzgruppen, einzelnen Bäumen und Waldgebieten. Von der Kulturlandschaft gewohnte, klare Trennlinien sucht das Auge hier vergeblich.

Entscheidend zum Erhalt der Landschaft haben rund 30 000 Schafe beigetragen, die seit eh und je als natürliche Rasenmäher auf dem Gelände unterwegs sind. Insgesamt ziehen 18 Schäfer mit ihren Vierbeinern über die Hügel zwischen Zainingen und Böttingen, Ennabeuren und Trailfingen. Sie sorgen dafür, dass die Freiflächen zwischen den sogenannten "Hutewäldern", durch die Beweidung entstandene, offene Wälder, nicht zuwuchern. Unübersehbar die Narben durch die ehemalige militärische Nutzung: "Ebene Flächen gibt es hier nicht", sagt Lydia Nittel. In Form von tiefen Furchen haben Panzer Spuren in die Wiesen gegraben. Auch Wälle mit Gleisen, Elektrokästen, Bunker, eine heute noch von Polizei und Zoll genutzte große Schießanlage und stählerne Panzersperren erzählen von der jüngsten Geschichte.

An das 660-Seelen-Dorf Gruorn, das in den 1930er-Jahren für die Erweiterung des Truppenübungsplatzes komplett geräumt wurde, erinnern heute neben knorrigen Streuobstbäumen noch Reste von Grundmauern, das ehemalige Schulhaus, die wieder aufgebaute Stephanuskirche und der Friedhof. "Selbst hier wurde im vergangenen Dezember eine Panzerfaust entdeckt", weiß Lydia Nittel. Konnten Besucher früher nur an Pfingsten und Allerheiligen in das ehemalige Bauerndorf, so hat sich Gruorn jetzt zum ganzjähriger Anziehungspunkt gemausert.

Anders die 38 Kilometer lange Panzerringstraße: Das 8,50 Meter breite graue Band führt rund um den ehemaligen Truppenübungsplatz. Die Straße darf lediglich an dafür vorgesehenen Übergängen betreten werden. Rad fahren, Spazierengehen oder Inliner fahren ist dort ansonsten verboten. Der Grund: Seit vergangenem Jahr präsentieren verschiedene Nutzfahrzeughersteller ihre Neuheiten auf dem abgeschotteten Rundkurs.

Beeindruckend nicht nur das Ausmaß des gesamten ehemaligen Truppenübungsplatzes, sondern auch die Größe des Alten Lagers bei Auingen: Anfang 1896 entstanden dort die ersten Unterkünfte für Soldaten. Seit 2006 vermarktet die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) das 65 Hektar große Areal. Inzwischen haben sich verschiedene Firmen und Institutionen eingemietet. Im ehemaligen Gebäude der Königlich Württembergischen Post hat die "Traditionsgemeinschaft Truppenübungsplatz" ein Museum eingerichtet. Dort empfing der Reutlinger Landrat Thomas Reumann die "Abordnung" aus dem Nachbarkreis. "Wie es mit dem Alten Lager weitergeht, betrifft die ganze Region", verdeutlichte der Kreisverwaltungschef. Von den 136 Gebäuden stünden 93 unter Denkmalschutz. Alleine die Versuchsfahrten auf der Panzerringstraße hätten vergangenes Jahr rund 30 000 Übernachtungsgäste auf das Gelände gebracht. "Wir wollen Experten an einen Tisch holen und ein Tourismusforum schaffen", so Reumann. Gedacht sei aber auch an die Bereiche Forschung, Wissenschaft, Gewerbe und Handel. In nächster Zeit werde es darum gehen, Investoren anzusprechen und eine Projektentwicklung voranzutreiben. "In den vergangenen Jahren haben wir bereits über 300 Projekte unter anderem im Bereich Tourismus umgesetzt", betonte Reumann. Dafür seien 3,8 Millionen Euro an Fördergeldern geflossen. "Wir haben damit 8,5 Millionen Euro an Investitionen in Gang gesetzt und 55 Arbeitsplätze erhalten oder neu geschaffen". Das Naturschutzzentrum Schopflocher Alb bezeichnete Einingers Kollege als wichtigen Partner.

Ehrgeiziges Ziel der Reutlinger Landkreisverwaltung: Bis nächstes Jahr soll das Hauptinformationszentrum mit Veranstaltungs- und Seminarräumen, Registratur, Laboren und Möglichkeiten für Schulklassen am Eingang zum Alten Lager fertig sein. Momentan präsentieren sich die Backsteingebäude, die einst die Wache beziehungsweise Unterkünfte beherbegten, weitgehend noch im ursprünglichen Zustand. Umbau und Sanierung der Häuser werden auf rund zwei Millionen Euro geschätzt. Die Kosten übernimmt das Land.