Lokalsport

Abenteuer Bundesliga, oder: Die Riege, die sich selber sponsort

"Wir packen den Klassenerhalt durch hohe Motivation und unser Engagement. Da bin ich mir sehr sicher." Dr. Herbert Leikov, Trainer der Bundesligaturnerinnen des VfL Kirchheim, macht vor den Schlussdurchgängen der ersten Liga in Optimismus.

WERNER GRAF

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KIRCHHEIM Leikov, promovierter Sportwissenschaftler an der Universität Stuttgart, setzt all seine Hoffnung auf die ausgeprägte Willenskraft und den Teamgeist seiner Turnerinnen, aber auch auf das Engagement der ehrenamtlichen Helfer. Was bleibt ihm auch anderes übrig? Nach wie vor fehlt es der VfL-Turnabteilung an potenziellen Finanzgebern, wie der 56-jährige Kirchheimer sagt. Auf den ersten Blick sieht es deshalb nicht sonderlich gut aus für die Kircheimer Bundesliga-Turnerinnen.

Die stehen nach dem relativ schlechten Abschneiden beim letzten Wettkampf in Hamburg nach zwei Durchgängen auf dem siebten Tabellenplatz und haben Frankfurt hat ja zurückgezogen die Rote Laterne. Was niemand verwundert, denn die VfL-Mädchen müssen sich schließlich auch mit Gegnern herumschlagen, die professionellere Strukturen aufweisen: Sporthochschule Köln, Turnteam Stuttgart/Ulm, Leipzig. Die Turnerinnen dieser Clubs trainieren unter Voraussetzungen, von denen man in Kirchheim nur träumen kann: Täglich mindestens drei bis vier Übungsstunden unter optimalen Bedingungen, hauptamtliche Trainerstäbe. Teilweise werden eigens zu den Wettkämpfen sogar Verstärkungen aus dem Ausland eingesetzt.

Diese Rahmenbedingungen sind jeweils durch finanzielle Möglichkeiten garantiert, die in Kirchheim fehlen. Die VfL-Turnabteilung bestreitet das Abenteuer Bundesliga mit einem im Ligavergleich bescheidenen Saisonetat von rund 12 000 Euro.

Als nach den Relegationswettkämpfen im November 2005 der Aufstieg in die 1. Bundesliga fest stand, runzelte Wolfgang Sahm, Leiter der VfL-Turnabteilung, die Stirn. Der Mann, Verfechter solider Finanzpolitik, kalkulierte damals sofort die zusätzlichen Kosten (siehe Extra-Kasten) und war sich schnell darüber klar, dass Sponsoren im Hochleistungsturnen wirklich wichtig sind. Bis zum Saisonbeginn fanden sich aus den Reihen der heimischen Wirtschaft jedoch nur einige wenige Geldgeber. So entwickelten die Mitglieder der Turnabteilung und Angehörige der Bundesliga-Turnerinnen eine Art Notplan und glichen in Eigenregie einen großen Teil der anfallenden Kosten selbst aus. Sogar ihre Ausrüstung bezahl(t)en die zehn zwischen 13 und 26 Jahre alten VfL-Vorzeigeturnerinnen aus der eigenen Tasche so gesehen, waren sie ihr eigener Sponsor.

Nicht allein finanzielle Kraftakte mussten gestemmt werden. Auch die Bereitschaft der Turnerinnen, wesentliche persönliche Einschränkungen im privaten Umfeld während der Vorbereitung und Saison zu akzeptieren, war zwingend notwendig, um den Trainings- und Wettkampfbetrieb in sinnvollem Umfang zu gestalten. Eine Art Verzichtserklärung, die mit entscheidend dafür war, dass die VfL-Verantwortlichen das grüne Licht für den Bundesliga-Start letztlich gaben.

So viel Motivation und Engagement ist nicht selbstverständlich. Allein fünf der zehn Turnerinnen sind Kirchheimer Eigengewächse, die durch die VfL-Talentschule des Schwäbischen Turnerbundes (STB) herangezogen und ausgebildet wurden. Auch dort, wo Michaela Pohl die Leiterin ist, spielt sich alles im ehrenamtlichen Bereich ab: Kunstturnen als reiner Amateursport. Keine Athletin erhält Prämien oder sonstige finanzielle Zuwendungen.

Die Hoffnung der Kirchheimer auf den Klassenerhalt nährt eine hohe Mannschaftsmoral: Das VfL-Bundesliga-Team hält eisern zusammen. Die Sportlerinnen kennen sich allesamt schon lange, seit ihrem sechsten Lebensjahr.

Wenn's mal nicht so gut läuft, betreuen die "älteren" Mannschaftsmitglieder in fürsorglicher Art ihre jüngeren Kameradinnen. Die Chemie zwischen den VfL-Turnerinnen stimmt.

Da passt ins Bild, dass VfL-Urgewächs Dorothee Henzler, die zwischenzeitlich in den WM-Kader des Deutschen Turnerbundes (DTB) aufgenommen wurde, trotz verlockender Angebote von Ligakonkurrenten sich für den VfL Kirchheim entschied.

Dorothee Henzler trainiert im Sportinternat Stuttgart an sechs Tagen in der Woche, teilweise zwei Mal am Tag mehrere Stunden. Ihr Ziel ist es, 2008 bei der Olympiade in Peking für Deutschland an den Start zu gehen. Dabei wird sie im Rahmen des Sportförderprogramms der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen unterstützt. Also doch noch so etwas wie Sponsoring fürs Kirchheimer Bundesliga-Turnen.

Nichtsdestotrotz: Der Klassenerhalt ist nicht einfach zu schaffen. Heute findet in Baumbach der dritte und vorletzte Wettkampftag statt allerdings ohne vorentscheidenden Charakter: Die VfL-Truppe hat den Relegationsplatz bekanntlich sicher. So sieht Leikov den dortigen Auftritt nur als Generalprobe fürs Relegationsturnen am 16. Dezember in Heidelberg.

Dort wird sich's entscheiden, ob das VfL-Frauenturnen auch 2007 erstklassig ist. Falls ja, wär's für den ein oder anderen potenziellen Sponsoren vielleicht eine Überlegung wert . . .