Lokalsport

Afrika-Missionar des Fußballs

Der Nürtinger Anton Rieger bringt jungen Äthiopiern das Kicken bei

Kein perfekt getrimmter englischer Rasen, keine akkurat gestreuten Seitenlinien, keine­ modischen Kickstiefel – und trotzdem jede Menge Spaß. So muss man es sich vorstellen, wenn in einer der ärmsten Regionen der Welt im VfB-Trikot Fußball gespielt wird.

SEBASTIAN GUGEL

Nürtingen. Genauer gesagt in Addis Abeba. Geprägt von Hunger, Krankheit, Krieg und Armut wachsen viele Kinder in Äthiopiens Hauptstadt auf. Umso mehr Freude bereitet es ihnen, wenn der Nürtinger Anton Rieger zu Besuch ist und mit ihnen um die Wette bolzt. Der 47-Jährige und seine äthiopische Frau Aster nutzen ihre jährlichen Besuche bei der Verwandtschaft im Nordosten Afrikas, um den Kindern und Jugendlichen den Fußball näherzu­bringen. Zwar genießt der Deutschen liebste Ballsportart im Land der Läufer mit ihrem Sport-Superstar Haile Gebrselassie nicht einmal annähernd die große Popularität wie in anderen Teilen des Weltmeisterschaftskontinents. Aber nach und nach setzt sich der Fußball auch dort durch. Schulen bringen Nachwuchsmannschaften hervor und die Topligen aus Europa werden immer beliebter.

Bei vielen Jugendlichen ist dabei der VfB Stuttgart inzwischen der absolute Lieblingsklub. Kein Wunder. Bereits vor Jahren begann Rieger, selbst langjähriges VfB-Mitglied, damit, Stuttgart-Fähnchen und andere weiß-rote Fanartikel wie Schlüsselanhänger oder Poster als Motivationshilfe für die Kinder mitzubringen. In ihm reifte die Idee, eine Jugendmannschaft aufzubauen.

„Die Kinder sind oft alleine gelassen. Da sind auch manchmal richtige Problemfälle dabei. Der Fußball hilft ihnen, die Alltagssorgen zu vergessen und einfach mal Spaß zu haben“, berichtet Rieger.

20 nagelneue VfB-Trikots entfachen Freudentränen

Als Highlight brachte er bei seinem letzten Besuch im November des vergangenen Jahres 20 nagelneue Trikots sowie unzählige Autogrammkarten des VfB Stuttgart mit.

Diese wurden ihm von der Marketingabteilung des VfB gestiftet. „Damit hätte ich nie gerechnet, als ich die Anfrage gestartet habe. Kurz vor dem Abflug erhielt ich einen Anruf, dass ich die Sachen abholen könnte. Mir standen die Freudentränen in den Augen“, erinnert sich Rieger, der wusste, wie gut die Geschenke ankommen würden. „Der Fußball hilft, die Alltagssorgen zu vergessen.“

Heute besteht der „VfB Addis Abeba“ aus gut 20 Kindern, die zwischen acht und 15 Jahre alt sind. Bei circa 35 Grad leitet Rieger während seiner drei- bis vierwöchigen Aufenthalte mit Herz und Seele Trainingseinheiten und organisiert Freundschaftsspiele. Das erste in den neuen Jerseys ging zwar knapp mit 3:5 verloren, der Freude über das Gastgeschenk tat dies aber keinen Abbruch. Rieger: „Es ist einfach unbeschreiblich, wie glücklich die Kinder gestrahlt haben, als sie die Trikots überstreiften. Ab da haben wir richtig zusammengehört, waren ein richtiges Team.“

Selbst wenn auf den von Steinen übersäten Hartplätzen mit zwei Toren der Marke Eigenbau wahrlich nicht die besten Bedingungen für gepflegtes Kurzpassspiel, Fallrückzieher oder sonstige Kabinettstückchen herrschen, wird in Addis Abeba mit Feuereifer dem runden Leder nachgejagt. Auch wenn der Schwabe das Heimatland seiner Frau wieder verlässt. Dann übernimmt ein Bekannter für ihn dort den Trainerposten.

Für die Zukunft würde Rieger die ganze Sache gerne etwas größer aufziehen. Zum Beispiel schwebt ihm die Gründung einer zweiten Mannschaft vor. Dafür fehlt es momentan aber am nötigen Kleingeld, weswegen Rieger ständig auf Sponsorensuche ist. „Es sind inzwischen so viele fußballbegeisterte Kinder, dass wir locker eine zweite oder sogar eine dritte Mannschaft aufmachen könnten.“ Aber dafür sei er auf Gönner angewiesen. „Es ist einfach schwer, manchen Kindern abzusagen, weil wir schon zu viele sind“, sagt er.

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