Lokalsport

„Alle Neune“ am heiligen Mittwoch

Sie sind kein Rentnerclub, denn zwei von ihnen stehen mitten im Berufsleben. Sie sind weder Vereinsanhängsel noch offenes Angebot. Dafür ein Kollektiv mit seltener Beständigkeit: Jeden Mittwoch pünktlich um 16.30 Uhr trifft sich die „Mittwochssportgruppe“ im Rund des Kirchheimer Stadions. Bei Wind und Wetter, seit 43 Jahren. Neun Männer – 572 Lebensjahre – 272 Sportabzeichen.

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Bernd Köble

Kirchheim. Tiefblau spannt sich der Himmel über der Jesinger Allee. Ein Spätnachmittag wie aus dem Bilderbuch. „Heute sind wir faul“, meint Wolfgang Hoyler mit schelmischem Grinsen, während sich draußen vor den Stadiontoren allmählich die Biergärten füllen. Mit 72 Jahren ist er der Zweitälteste im Kreis der Männer mit den weißen Leibchen, die sich drunten auf der Tartanbahn zum Warmlaufen versammelt haben. „Mittwochssport“ spannt sich in großen Lettern über breiter Brust. Und „Mittwochssport“ kennt keine Ausreden, nur handfeste Gründe. Einem solchen muss sich Wolfgang Hoyler heute fügen, auch wenn‘s schwer fällt. „In mir kocht‘s“, verrät er mit leidvoller Miene. Er, der im vergangenen Jahr auf der Sieben-Kilometer-Strecke beim Stuttgartlauf noch eine 35er- Zeit ins Ziel brachte, vom lädierten Meniskus aufs Wartegleis geschoben. Trotzdem war er wie alle anderen pünktlich zur Stelle. So wie sich das gehört: in Turnschuhen und kurzer Hose. Schließlich folgt dem schweißtreibenden wie immer am Mittwoch ein geselliger Teil – der Kitt seit 43 Jahren. So lange schon trifft sich die Gruppe am selben Tag zur selben Stunde, um sich gemeinsam fit zu halten. Ob es stürmt oder schneit oder wie heute die warme Abendsonne die Gemüter erhellt.

Wenn Verlässlichkeit eine Tugend des Alters ist, dann möchte keiner der neun Unentwegten auch nur ein Lebensjahr missen. Dieter Henzler, der mit seinen 55 Jahren zu den Jüngeren im Kreise zählt, kennt das Erfolgsgeheimnis: „Der Mittwoch ist uns allen heilig“, sagt er. „Da kann kommen, was will.“ Dass dies so bleibt, dafür ist vor allem einer verantwortlich: Gerald ­Lemanczyk ist Sportlicher Leiter, Cheforganisator und Protokollführer in Personalunion. Der 70-Jährige organisiert für seine acht Mitstreiter nicht nur Kulturausflüge, Bergtouren, Skiausfahrten und die jährliche Weihnachtsfeier, er hält auch die Zügel in der Hand, wenn es gilt, Kurs aufs gemeinsame Ziel zu halten: die alljährliche Prüfung fürs Deutsche Sportabzeichen. Ein Anreiz, der bis ins hohe Alter wirkt, weil sich die Prüfkriterien zunehmend gnädig zeigen: „Wer sich halbwegs in Form hält, für den wird‘s immer einfacher“, weiß ­Lemanczyk aus Erfahrung: 52 Mal hat der frühere Hockeyspieler die Nadel erworben. Damit ist Lemanczyk kreisweit einer der eifrigsten Sportabzeichen-Sammler. Die ganze Gruppe bringt es gemeinsam auf 272 Auszeichnungen.

In Form halten sie sich alle, bis hin zum Betagtesten der Gruppe: Für Willi Drexler sind 77 Lenze kein Grund, dem Sport abzuschwören. Der hagere Mann mit dem schlohweißen Haar war in den Fünfzigern für den VfL in der Landesliga am Ball. Zu einer Zeit, als es im Mittelfeld noch einen linken Außenläufer gab. Heute setzt er auf gelenkschonende Bewegung. Mehr als 2 000 Kilometer, erzählt er nicht ohne Stolz, hat er seit dem Frühjahr schon mit dem Rad zurückgelegt. Und: „Das Jahr ist ja noch lange nicht um.“

Sich selbst beweisen, dass man noch nicht zum alten Eisen zählt, auch wenn die Zeit ein unerbittlicher Gegner ist. „Auf der Kurzstrecke und im Kugelstoßen merkt man am schnellsten, wenn man abbaut“, meint Volker Barz (54), während sein drei Jahre jüngerer Bruder Günter nebenan einen mächtigen Satz aus dem Stand in die Weitsprunggrube setzt: 2,21 Meter – das bedeutet persönliche Saisonbestleistung. Ein Sprung für die Statistik, über die „der Chef“ mit Argusaugen wacht. In einem kleinen Büchlein notiert Gerald ­Lemanczyk Weiten, Zeiten, Höhen – ab 1. Juni eines jeden Jahres mit besonders scharfem Blick. Dann nämlich ist Stichtag und jede Leistungssteigerung schlägt mit fünf Euro in die gemeinsame Reisekasse zu Buche. Dass die stets gut gefüllt ist, zeigt: Sportlicher Ehrgeiz wiegt schwerer als sprichwörtliche schwäbische Knausrigkeit. Auch auf Reisen geht es sportlich zu und meist auch hoch hinauf. Alpengipfel jenseits der Dreitausender-Marke sind für die agile Truppe kein Problem. Wildspitze, Großvenediger, Cevedale, für einen gemütlichen Hüttenabend nimt die agile Truppe weite Wege in Kauf.

Wenn es draußen ungemütlich wird, steuern die Mittwochssportler ihrem Saisonhöhepunkt entgegen: Im Januar findet im Hause Lemanczyk traditionell die Verleihung der Sportabzeichen statt – in trauter Runde und begleitet von einem opulenten Mahl.