Lokalsport

Als der Vizemeister Zeitungsartikel schrieb

In Zeiten, als in Deutschland die Stundenlöhne ebenso knapp wie die Zahl der Schwarzweiß-Fernsehgeräte waren, war die "Sportstadt Kirchheim" (Eigenwerbung heute) noch lange kein Thema. Und doch gab es in der Teckstadt in den 50er-Jahren längst Sport-Protagonisten mit überregionalem Bekanntheitsgrad. Zwei Zweiradsportler erinnern sich an alte Zeiten und an manch unverges-sene Episode darin.

THOMAS PFEIFFER

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KIRCHHEIM Die Spaßgesellschaft gab es damals nicht: keine Disco, kein Internet, selten Partys, viel grauer Alltag. Es gab die 48-Stunden-Woche, 130 Pfennig Arbeitslohn für 60 Minuten und in Gaststätten aufgestellte überdimensionale Schallplattenautomaten, in der nach Einwurf einer Geldmünze die ausgewählte Scheibe hinter voluminösen Plexiglasscheiben erst vom Greifarm gepackt und dann auf den Plattenteller gehievt wurde. Stolze 50 Pfennig kostete dieser seltene Augen- und Ohren-Schmaus Mitte der fünfziger Jahre, und welchem Zechbruder beim feierabendlichen Musiktiteldrücken das schwer verdiente Geld ausging, der konnte tricksen: Vorm Liedende kurz den Netzstecker ziehen, wieder einstecken die Schallplatte rotierte aufs Neue. Die meisten Gastronomen mögen diese Jukebox-Nummer verflucht haben die zahlende Kundschaft johlte.

Auch im Kirchheimer "Fuchsen" stand solch eine Musikmaschine, und Zeitzeuge Willi Maier, damals knapp 20, heute 69 und noch immer fit wie ein Turnschuh ("ich fahre Ski und Fahrrad"), schmunzelt über den "Kneipensport" von einst noch heute. Doch der Mann, seit eh' und je Mitglied des Rad- und Kraftfahrvereins (RKV) und bis vor drei Jahren Streckenchef beim Kirchheimer Radrennen, redet im Rückblick darüber, welch sportliches Gegengewicht man den Alltags-Entbehrungen der 50er-Jahre in Kirchheim entgegensetzen konnte, vom "Kunstreigenfahren" und Radball am liebsten. "Der Sport hat in diesem Jahrzehnt mein Leben geprägt", sagt Maier, der ein handfestes Andenken hat: 1959 kehrte er von der deutschen Kunstradfahr-Meisterschaft mit dem RKV-Viererteam stolz als Vizemeister zurück. Sein größter Erfolg.

Heutzutage werden sportliche Lorbeeren bis hinunter in unterste Wettbewerbsklassen zuweilen mit fixem Bargeld belohnt damals, als die Brezel noch 10 Pfennige (1958) kostete, genügte schon mal der uniformierte Auftritt eingespielter Marschmusiker, um einen Trupp siegreicher Sportler in Euphorie zu versetzen. Maier erinnert sich an (s)eine persönliche Schlüsselszene: "Mitte der 50er-Jahre kehrte unsere Kunstreigenmannschaft an einem Sonntagabend im VW-Bus erfolgreich von einer überregionalen Meisterschaft zurück. Es war schon dunkel, und wir waren gerade am Kirchheimer Bahnhof eingetroffen, da stand plötzlich die Stadtkapelle da und spielte uns zur Begrüßung ein Ständchen. Kein einziger von uns hatte damit gerechnet." Anschließend müssen sich die vier RKV-Kunstradfahrer vorgekommen sein wie die Könige. Hinter dunklen Fensterfassaden und entlang der Max-Eyth-Straße zeigten sich nämlich immer mehr überraschte Anwohner, die dem seltenen Triumphzug aus Musikern und Radlern bis zur Einkehr in der Gaststätte Rad zuwinkten und klatschten.

Schön war die Zeit der Fünfziger und so anders.

Das sagt auch Vereinskamerad Wolfgang Rempis (73). Der erlebte als Motorradsportler mit seiner für 2060 DM erworbenen BMW-Straßenmaschine R 25/3 (1954) allerdings nicht nur Höhen ein furchtbarer Unfall am 7. September 1957 nahe Bissingen, als er nach einem Sturz mit dem Kopf gegen den Randstein schlug und einen Schädelbasisbruch und eine Gehirnquetschung davontrug, hätte ihm fast das Leben gekostet und beendete abrupt seine Laufbahn. "Noch heute kann ich mich an den Unfallhergang nicht erinnern", sagt Rempis, "der ist wie ausgeblendet." Nach dem Crash lag er elf Tage lang im Koma, doch die Leidenszeit hielt an: Nach seiner Entlassung aus dem Stuttgarter Katharinen-Hospital wurde der gelernte Werkzeugmacher für vier Monate krank geschrieben und zum Patienten des Kirchheimer Nervenarztes (und späteren Langlauf-Asses) Dr. Dieter Maisch.

Heute geht es Rempis ("ich schwimme viel") gut, damals nutzte er auf zwei motorisierten Rädern die Chance, den harten Berufsalltag mental hinter sich zu lassen. Rempis betrieb das Geschicklichkeitsfahren eine Sportart, die dem heutigen Motocross nur vage ähnelt: Die Schikanen auf abgesteckten Sportplätzen waren Holzschaukeln, Sandpassagen oder durchlöcherte Fässer, die Rundenzeiten kürzer und die Startschüsse Pistolenknaller. Was aus heutiger Sicht exotisch anmutet, war damals Abenteuer, allein schon wegen der unorthodoxen Vorbereitung auf die Wettbewerbe. "Zum Trainieren fuhren wir mit unseren Maschinen oft nach Bissingen, wo damals ein Mercedes-Testgelände war. Oder wir fuhren an den Bürgersee und drehten dort unsere Runden. Eigentlich war das aber verboten", erzählt Rempis über frühe(re)n Nervenkitzel.

Doch das Risiko, im ungünstigsten Falle in die Fänge der Polizei zu tappen, zahlte sich aus. Am 24. August 1957, wenige Wochen vor seinem Crash, durfte der frischgebackenen Bezirkspokalsieger zusammen mit seinem RKV-Freund Hans Hepperle zu den deutschen Geschicklichkeits-Meisterschaften nach Pforzheim. Als die nationale Fahrerelite der 250-ccm-Klasse den Sportplatz-Parcours vor zwei, drei Hundertschaften Neugieriger mit ihren Triumph-, NSU- oder Horrex-Maschinen eine Runde lang durchpflügt hatte und später alle Stoppuhrzeiten feststanden, war Rempis stolz wie Oskar: Fortan durfte er sich deutscher Geschicklichkeits-Vizemeister nennen. "Darüber habe ich mich richtig gefreut".

Anderntags war in Pforzheim die Siegerehrung und Rempis raste auf der damals fast leeren Autobahn mit Tempo 130 km/h wie selbstverständlich erneut an den Ort des Triumphs.

Nur: einen üppigen Siegerlohn, geschweige denn ausgelobtes Bargeld als fixe Platzierungsprämie, konnte Rempis damals, als Sportsponsoring und Merchandising noch Fremdworte waren, für Platz zwei bei einer deutschen Meisterschaft nicht erwarten. Salbungsvolle Worte, eine Urkunde viel mehr war's nicht, was er als Andenken vom nationalen Geschicklichkeits-Contest '57 auf zwei motorisierten Rädern schlussendlich nach Hause brachte.

Bei reinem Gotteslohn für die gelungene Meisterschaftsfahrt blieb's für Rempis gleichwohl nicht. Sechs Mark kassierte er später nämlich doch noch es war das Honorar für einen Teckboten-Veranstaltungsbericht, den Rempis einen Tag nach seinem Triumph über die DM selbst verfasste. Sechs Mark in etwa so viel kosteten damals zwölf Liter Benzin.

So hatte Rempis wenigstens das Spritgeld wieder im Geldbeutel.