Lokalsport

„Als Deutscher kann man einfach nicht für Holland sein“

Der gebürtige Kirchheimer Nils Körber fiebert dem heutigen Vorrundenmatch in seiner Wahlheimat Kapstadt entgegen

Mittendrin statt nur dabei: Seit knapp drei Jahren in Kapstadt lebend, ist der gebürtige Kirchheimer und glühende Fußballfan Nils Körber hautnah bei der WM dabei. Dem heutigen Vorrundenmatch zwischen Holland und Kamerun fiebert er ganz besonders entgegen: Der 29-Jährige wird als stolzer Kartenbesitzer im Stadion sein. „Darauf freue ich mich seit dem Tag, als ich das Ticket in den Händen hielt“, sagt Körber, der bei aller Euphorie auch kritische Töne im Zusammenhang mit der WM anschlägt.

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Peter Eidemüller

Kapstadt. Wie kaum ein anderer verkörpert der Mann mit den kurzen blonden Haaren und den stahlblauen Augen den multikulturellen Charakter des Regenbogenstaates Südafrika: Als Sohn eines Deutschen und einer Schwedin lebt Nils Körber seit drei Jahren mit Ehefrau Paula, einer Angolanerin, in Kapstadt. Wenn er dieser Tage durch die Straßen der 3,5 Millionenstadt läuft, fallen ihm vor allem die Gesichter der Menschen auf. „Das immer vorhandene Grinsen ist noch größer als sonst“, schildert Körber die Hochstimmung, die seit Beginn der WM in seiner Wahlheimat herrscht und den Alltag mehr oder weniger außer Kraft setzt. Das hat der ehemalige Jugendkicker des TV Unterboihingen und glühende Anhänger des VfB Stuttgart vor allem vor, während und nach dem Eröffnungsspiel der Südafrikaner gegen Mexiko erlebt. „Ich bin um 5 Uhr morgens von der Vuvuzela meines Nachbarn geweckt worden“, lacht er, „und auf dem Weg zur Arbeit morgens um 8 Uhr haben die Leute schon auf der Straße gefeiert.“

Auch Nils Körber, der als IT-Manager für eine Firma in der Tourismusbranche arbeitet, hat‘s voll erwischt in Sachen Euphorie – zumal er heute selbst live im Cape Town Stadium dabei sein wird, wenn Kamerun und Holland um 16 Uhr Ortszeit die Vorrunde der Gruppe E beschließen. Dass Kamerun bereits ausgeschieden ist und es daher im Prinzip nur um die Goldene Ananas geht, stört ihn nicht. „Ich freue mich trotzdem auf ein Fußballfest“, sagt Körber, „vor vier Jahren in Deutschland konnte ich leider kein Spiel im Stadion sehen. Umso mehr freue ich mich jetzt, live dabei sein zu können.“ Und wem werden die Daumen gedrückt? „Auf jeden Fall Kamerun – als Deutscher kann man einfach nicht für Holland sein“, meint er augenzwinkernd.

Mit einem Freund wird er sich bereits um 16 Uhr aus dem Stadtteil Rondebosch Richtung Stadion aufmachen – für südafrikanische Verhältnisse ganz untypisch mit dem Zug. „Die ersten Spiele hier haben gezeigt, dass es hier für Autos kein Durchkommen gibt“, sagt er. Immerhin: Die Zugfahrt dauert nur knapp 15 Minuten, das Stadion ist vom Bahnhof aus gut zu erreichen. Wenn‘s klappt wie geplant, wird Körber übrigens nicht zum letzten Mal während der WM im Cape Town Stadium sitzen. „Ich bekomme wahrscheinlich Karten für das Viertelfinale in Kapstadt“, freut er sich auf ein potenzielle zweites Gänsehauterlebnis.

Dass ihm dabei die Vuvuzelas um die Ohren tröten werden, stört ihn nicht sonderlich. Ohnehin werde das Thema in Südafrika bei Weitem nicht so heiß gegessen, wie es in Deutschland gekocht wird. „Die Vuvuzela gehört hier einfach zum Fußball, so wie früher in Europa die Gaströte“, sagt Körber und spekuliert sogar darauf, dass die Plastiktröte das Merkmal werden könnte, mit dem man die WM in Südafrika auf ewig verbindet. „Vielleicht nicht das beste Erkennungszeichen“, schmunzelt er, „aber immerhin etwas, das die Leute mit Südafrika in Verbindung bringen.“

Stimmung hin, Vuvuzela her: Bei aller Fußballeuphorie macht sich der studierte Wirtschaftsinformatiker auch Gedanken über die Zeit nach dem Großereignis. „Viele hatten angenommen, dass mit der WM der Reichtum kommt und sind in dieser Hinsicht enttäuscht worden“, sagt Körber. „Man hatte seit Langem den Eindruck, dass politische Fragen mit der WM als Entschuldigung verschoben wurden. Das kann hinterher nicht mehr gemacht werden.“ Unruhen befürchtet er zwar nicht, stellt aber bereits jetzt nüchtern fest: „Es gibt für die Zeit nach der WM keine richtige Perspektive.“