Lokalsport

Als halb Unterboihingen nach München pilgerte

Samstag, 18. Dezember 1976: Eine 6400-Seelen-Gemeinde wird zum Geisterort. Unterboihingen scheint wie leergefegt: Ein Gros der Einwohner ist auf Bayern-Trip. Jene Hinterbliebenen, die angesichts des "Jahrhundertspiels" des damaligen Zweitamateurligisten TV Unterboihingen beim FC Bayern in der dritten Runde des DFB-Pokals schließlich doch nicht ins Münchner Olympiastadion gepilgert sind, stellen sich daheim unter Hausarrest: gespanntes Mitfiebern vorm Radio.

THOMAS PFEIFFER

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WENDLINGEN An jenem eiskalten Samstag vor dreißig Jahren, der die TVU-Spieler bis heute zusammenschweißt, patrouillieren Streifenpolizisten auf den leeren Straßen Unterboihingens bis in die Nacht. Die Möglichkeit, dass dreiste Langfinger sich an unbewachtem Wohnungsgut vergreifen könnten, ist groß. Schon am Morgen haben die Einwohner ihren Wohnort in Scharen verlassen. 47 Reisebusse, zwei Sonderzüge und Hundertschaften privater Pkws zieht's dorthin, wo's am Nachmittag ab halb vier zu denkwürdigen 90 Fußballminuten kommen wird: ins Münchner Olympiastadion. Der FC Bayern, dreimaliger Europacupgewinner, gegen den schwäbischen Amateur-Emporkömmling TV Unterboihingen die ungleiche DFB-Pokalpartie der dritten Runde zieht wie ein Magnet. 8345 Besucher kommen bei zweistelligen Minusgraden ins Stadion, fast zwei Drittel (etwa 5000) stammen aus dem Großraum Stuttgart. "Eine Völkerwanderung" nennt die Bildzeitung die Schwaben-Tour zu den Bajuwaren.

Genau genommen beginnt der Unterboihinger Fußball-Hype am 23. Oktober 1976. Als "die schöne Monika" Schneeweis, frisch gekürte Miss Germany, bei der DFB-Pokalauslosung innerhalb der Sportschau den Rotweißen vom Neckar den "großen" FC Bayern als Gegner beschert, bricht in der TVU-Turnhalle grenzenloser Jubel aus. "Es war am Tag unseres Herbstballes, als einige Leute hereinstürmten und schrien: Wir spielen gegen den FC Bayern! Wir spielen gegen den FC Bayern!", erinnert sich Rolf Strähle, einer der Ohrenzeugen, noch gut an die überschwängliche Reaktion. Strähle war seinerzeit 30, Fußballabteilungsleiter und fortan voll gestresst: Das Bayern-Los verhalf dem Provinz-Club hinter Stuttgart über Nacht zu bundesweiter Popularität. Plötzlich standen die Schlagzeilenjäger Schlange (Strähle: "Wir konnten uns vor Anfragen auch von TV-Anstalten nach der Auslosung kaum retten"), und selbst die Neue Revue, ansonsten für Sex and Crime bekannt, garnierte ihre aktuelle Ausgabe mit einer TVU-Story. "Elf Fußball-Zwerge fordern Kaiser Franz", titelten die Nordlichter.

Tiefschürfender näherte sich das Kicker-Sportmagazin dem Duell Erst- gegen Viertligist an. Die Fußball-Fachmänner aus Nürnberg enthüllten, welcher der zwei Pokal-Konkurrenten sich am meisten fürchtete vor der Blamage: der FC Bayern. Das Blatt zitierte Münchens Trainer Dettmar Cramer dessen Assistent Werner Olk als "Späher" eigens zu Unterboihingens Zweitamateurliga-Gastspiel beim TV Herbrechtingen abkommandiert worden war mit diesen Worten: "Wir wollen uns nicht lächerlich machen, aber diese Aktion ist unsere professionelle Pflicht." Die Bayern: durchaus nicht sorglos vorm anstehenden Goliath-David-Vergleich, und eine Schuldenlast drückte sie zu diesem Zeitpunkt ja auch.

Die klitzekleine Chance, ähnlich wie Oberligist VfB Eppingen beim 2:1-Sieg über den Hamburger SV zwei Jahre zuvor ("Wunder von Eppingen") für eine Pokal-Sensation zu sorgen, witterten die Unterboihinger in ihrem damaligen Glanzjahr mit WFV-Pokalsieg und DFB-Pokalerfolgen in den Runden eins (8:0 über die SG Dielheim) und zwei (2:1 beim VfR Achern) im Vorfeld durchaus. Dazu hätte allerdings ein Heimspiel gehört. Tatsächlich dachten geschäftstüchtige Funktionäre über die Option einer Spielverlegung nach Unterboihingen auch kurz nach. Doch beim frommen Wunsche blieb's. Dieser Plan scheiterte ebenso wie jener, gemeinsam mit dem VfB Stuttgart damals Zweitliga-Spitzenreiter mit Gerhard Mayer-Vorfelder als Präsidenten im Neckarstadion eine Pokal-Doppelveranstaltung aufzuziehen. Erst VfB gegen Bayern-Amateure, anschließend das Hauptspiel TV Unterboihingen gegen Bayern so reizvoll aus TVU-Sicht dieses alternative Tagesprogramm auch gewesen wäre, es scheiterte letztlich am lieben Geld. Die Bayern um den allgewaltigen Clubchef Wilhelm Neudecker behielten ihr zweifaches Heimrecht deshalb, weil sich die Vereine "über den Verteilerschlüssel bei den Einnahmen nicht einigen konnten. Ich war richtig enttäuscht" (Strähle).

Ein Zwischengeplänkel spätestens am Spieltag war das entgangene Heim-Event mit dem hochgerechneten Reingewinn von rund 30 000 DM für die erwartungsfrohen Unterboihinger kein Thema mehr. Als die Mannschaft, damals nur"Großmann-Elf" genannt, weil neben einem Brüder-Trio (Roland, Lothar, Norbert) auch noch ein Bruder-Paar (Bruno, Helmut) das Gerippe bildete, gegen acht Uhr bei der Sankt Kolumban-Kirche den Bus bestieg, herrschte im Ortskern schon richtige "Volksfeststimmung" (Strähle). Unterbohingens größte Fußball-Herausforderung aller Zeiten nahm ihren Lauf.

Dieweil die Mannschaft von Trainer Wilhelm "Bubi" Röcker samt Funktionären und Spielerfrauen im Münchner Nobelhotel Interconti für 598 DM Halbpensionskosten vor der Mittagszeit eincheckte, waren die meisten der rund 5000 anreisenden TVU-Sympathisanten noch immer unterwegs entweder im Auto, Reisebus oder in einem von zwei in Marsch gesetzten Sonderzügen der Deutschen Bundesbahn. Im mit 1400 Personen gerammelt vollen Sonderzug nach München nicht nur für Reimund Elbe, damals 14 und wie Hunderte weiterer Jugendliche aus der Region vom Samstags-Schulunterricht durch den Rektor befreit ("man brauchte dafür den Nachweis einer Eintrittskarte"), war die Schienen-Anfahrt zum Auftritt von Weltstars wie Sepp Maier, Gerd Müller und Karlheinz Rummenigge "richtig aufregend". "Wir hatten Tröten mitgebracht, Tippzettel und Kassettenrekorder", erzählt Elbe, heute ADAC-Pressesprecher Württemberg und freier Mitarbeiter der Teckboten-Sportredaktion, "es herrschte richtig Partystimmung." Etwa 190 Minuten dauerte die außergewöhnliche Fahrt von Nürtingen (ab 9.30 Uhr) bis zum Münchner Hauptbahnhof länger als zwei Fußballspiele.

Im Olympiastadion hielt das Gänsehaut-Feeling für Elbe und Kumpels noch eine ganze Weile an. Die Farben rot und weiß waren allgegenwärtig, die Transparente deutlich und die TVU-Schlachtrufe nicht zu überhören. Kein Wunder: Zahlenmäßig waren die Gäste-Fans den nur rund 3000 erschienenen Bayern-Anhängern drückend überlegen. Knapp fünf Minuten waren gespielt, als das hochmotivierte Team der Underdogs aus Württemberg die Sensation auf dem Fuße hatte: Nationalkeeper Sepp Maier hatte den aufs Tor zulaufenden TVU-Linksaußen Theo Stetter im Strafraum so sichtbar von den Beinen geholt, dass Schiedsrichter Stumpf aus Kaiserslautern Elfmeter pfiff. Dass der gefoulte Spieler trotz eines Vetos von Trainer und Kapitän (Lothar Großmann) nun selbst zum Leder griff, war fatal.

Stetter, heute praktischer Arzt in Wendlingen, hätte im Jahrhundert-spiel (s)ein Jahrhunderttor erzielen können er tat es nicht. Warum? "Vor dem Elfmeterschuss hatte ich ein gutes Gefühl", sagt er im Rückblick, "aber als ich auf das freie Toreck zirkeln wollte, nachdem Sepp Maier schon in Richtung andere Ecke war, bin ich mit dem linken Standbein weggerutscht." Der Rasen war rutschig, als Stetter zur Exekution-schritt bis heute trauert er den Umständen der verpassten 1:0-Führung hinterher.

Danach ging's Schlag auf Schlag, die TVU-Moral schien gebrochen, und "Bomber" Gerd Müller schenkte den erschöpften Gästen alleine fünf Treffer ein. 10:1 (4:0) hieß es am Ende die Unterboihinger hatten das erklärte Spielziel ("nicht zweistellig verlieren") letztlich nicht erreicht, wenngleich der Ehrentreffer von Bruno Großmann durch einen direkt verwandelten 18-Meter-Freistoß in der 68. Minute die enttäuschten TVU-Kicker wieder etwas aufrichtete.

Es war Unterboi-hingens bedeutendstes Fußballspiel in der Vereinsgeschichte, und kurze Zeit später, zurück im Hotel, grantelte keiner mehr über schmierige Böden und Elfmeterpech. Was blieb sind Erinnerungen an einen unter die Haut gehenden Fußball-Festtag, der nur ergebnismäßig nicht hielt, was er versprach. Finanziell gewannen die Unterboihinger durch das Bayern-Spiel einiges hinzu (rund 13 000 Mark), emotional etwas fürs ganze Leben.

Denn welcher Amateurfußballer in Deutschland kann schon von sich behaupten, in einem offiziellen Pflichtspiel gegen den FC Bayern in München angetreten zu sein? Diese Spielerzahl erreicht nicht mal die Promillegrenze . . . .