Lokalsport

Auch die Nachbarn fiebern mit

Tobias Unger startete gestern zu den Olympischen Spielen – Letzte Vorbereitung in Japan

Wenn morgen in Peking die Eröffnungsfeier der 29. Olympischen Spiele beginnt, wird einer nicht dabei sein: Tobias Unger bereitet sich in Japan auf seine Einsätze für Deutschland über 100 m und in der 4x100-m-Staffel vor. Gestern morgen startete der 29-jährige Kirchheimer seine Reise in den Fernen Osten.

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Peter Eidemüller

Kirchheim. Aufbruchstimmung im Hause Unger: Auf dem Esstisch warten neben Nasenspray, Sonnencreme und Mundwasser auch noch drei DVDs darauf, im Reisegepäck verstaut zu werden. Rund 40 Kilogramm wiegen die beiden Taschen und der Rucksack, mit denen für den 29-jährigen DLV-Sprinter gestern morgen endgültig der Startschuss für das Unternehmen Olympia fiel. Vom heimatlichen Häuschen in der Kirchheimer Osianderstraße brach der „Schwabenpfeil“ zusammen mit Freundin Corinna, den Eltern und Trainer Micky Corucle an den Bahnhof nach Wendlingen auf. Von dort ging‘s mit dem Zug über Stuttgart, wo Unger Abschied von Freundin und Eltern nahm, weiter an den Frankfurter Flughafen. „Eigentlich wollten wir ja schon von Stuttgart nach Frankfurt fliegen, aber der Lufthansa-Streik hat da einiges durcheinandergebracht“, schmunzelt Unger.

So bestiegen er und Corucle erst in Frankfurt den Jumbo-Jet, der pünktlich um 14.30 Uhr nach Nagoya auf der japanischen Insel Honshu abhob, wo die letzten Vorbereitungen auf die Spiele in Peking stattfinden – wer denkt, Olympioniken flögen erster Klasse per Charter zu den Spielen, sieht sich übrigens getäuscht: Athlet und Trainer absolvierten inmitten „normaler“ Fluggäste den Elf-Stunden-Trip gen Osten. Gegen den Reisestress hatte Unger besagte DVDs dabei: „Die schaue ich mir auf meinem Laptop an“, erklärt er, „auf so langen Flügen wird‘s mir immer so langweilig.“

Akklimatisierungsphase – so wird der Zwischenstopp in Japan im Sportlerdeutsch tituliert. Für Tobias Unger heißt das, sich an die Zeitumstellung sowie die klimatischen Bedingungen zu gewöhnen und den letzten Schliff für die Auftritte über 100 m und in der 4x100-m-Staffel zu holen. Während er bei seinem Einzelstart kaum für Furore sorgen kann („Das Halbfinale zu erreichen, wäre schon ein Traum“), rechnet sich Unger mit der DLV-Staffel durchaus etwas aus. „Das Finale ist auf jeden Fall Pflicht“, sagt er selbstbewusst, „wenn wir dann einen Spitzentag erwischen und die eine oder andere Staffel patzt, ist vielleicht eine Überraschung drin.“ Als Startläufer des DLV-Quartetts wird er am 21. August die deutschen Farben in den Staffelvorläufen vertreten, sechs Tage vorher geht er über 100 m als einziger Deutscher an den Start – wie steht‘s da mit der Nervosität? „Ich bin eigentlich recht locker, es sind ja immerhin auch schon meine zweiten Olympischen Spiele“, sagt er augenzwinkernd und fügt hinzu: „Klar ist man da aufgeregt, schließlich hat man vier Jahre hart daraufhin gearbeitet und will sich endlich präsentieren.“

Dies wird er allerdings erst bei den Wettkämpfen tun können: Fast schon traditionsgemäß sind die Leichtathleten bei der Eröffnungsfeier nicht dabei. „Wir schauen uns das aber in Japan im Fernsehen an“, sagt Unger, der sich deshalb umso mehr auf die Abschlussfeier am 24. August freut. Gut möglich, dass er dort auf den zweiten Olympia-Fahrer aus Kirch­heim trifft: Mountainbiker Manuel Fumic (26) bestreitet seinen Wettkampf am vorletzten Tag der Spiele. Ob sie sich vorher im Olympischen Dorf über den Weg laufen, bleibt abzuwar­ten: „In Athen habe ich Lado und Manni mal zufällig getroffen“, erinnert sich Unger, der sich zusammen mit seinem Sprintkollegen Marius Broening ein Zimmer im Olympischen Dorf teilt. „Ich bin froh, dass er dabei ist. mit ihm ist es immer witzig“, sagt Unger über seinen besten Freund, der als Ersatzmann für die Staffel nominiert wurde. „Klar würde ich mir wünschen, dass er noch in die Staffel kommt“, hofft Unger. Doch die Besetzung steht spätestens seit den guten Zeiten vom Europacup in Annecy Ende Juni (38,30 Sekunden) und vergangene Woche bei der DLV-Gala in Wattenscheid (38,82) fest: Neben Startläufer Unger sollen Alexander Kosenkow, Till Helmke und Martin Keller das Halbfinal-Aus bei Olympia 2004 vergessen machen. Dass sich die Staffel dabei bis auf Keller (in Athen lief Ronny Ostwald) aus denselben Läufern zusammensetzt, ist für Unger kein Nachteil: „Wir sind eine sehr erfahrene Staffel. Das könnte ein Vorteil sein.“ Der gebürtige Münchner spielt auf die mitunter launischen Staffelauftritte der Teams aus den USA, Jamaika oder Großbritannien an, die zwar die weitaus besseren Einzelläufer haben, in der Regel aber kaum die Wechsel trainieren – ob sich der deutsche Übungsfleiß also in Peking endlich mal auszahlt?

Daheim in Kirchheim werden auf jeden Fall alle Daumen gedrückt – selbst die Nachbarn in der Osianderstraße überlegen, extra für Ungers 100-m-Vorlauf um 3.45 Uhr deutscher Zeit aufzustehen. „Wir wollten in der Nacht sowieso in Urlaub fahren“, verrät Virginia Just, „da ist doch klar, dass wir unseren Tobi anfeuern.“ Freundin Corinna wird ihren Liebsten zumindest aus Japan noch via Web-Cam zu Gesicht bekommen. Von Peking aus dürfte die Kommunikation über das Internet schon schwieriger werden – die Restriktionen der chinesischen Regierung in dem Zusammenhang sind bekannt. Doch wer ein pfiffiger Zeitgenosse wie Tobias Unger ist, hat vorgesorgt: Eigens für seinen China-Trip hat er sich ein Handy mit Flatrate besorgt. „Da kann ich dann immer Lebenszeichen nach Hause schicken“, witzelt er, der versucht, Sport und Politik zu trennen: „Man hat schon bei der Vergabe der Spiele gewusst, was für Zustände in China herr­schen. Was würde sich dort ändern, wenn ich jetzt aus Protest nicht hinfahre?“