Lokalsport

"Auf das Wesentliche reduziert" durchs australische Niemandsland

Sommerzeit, Ferienzeit: Wo andere es kaum erwarten können, endlich am Strand oder Swimmingpool in der Sonne zu entspannen, hat Rainer Klaus andere Pläne ganz andere: Der 43-jährige Extremsportler aus Hochwang will mit seinem Rennrad den australischen Kontinent von Norden nach Süden durchqueren und dabei den bei fünf Tagen und 23 Stunden stehenden Weltrekord für die knapp 3 000 Kilometer lange Strecke unterbieten.

PETER EIDEMÜLLER

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LENNINGEN Sich seinen Lebenstraum zu erfüllen, ist nicht vielen Menschen vergönnt. Wenn er am kommenden Mittwoch im Flieger Richtung Sydney sitzt, darf sich Rainer Klaus als einer von ihnen fühlen. Am Frankfurter Flughafen wird dann beginnen, was nur wenige in ihrer (sportlichen) Vita aufweisen können. Der Blondschopf aus Hochwang fliegt nach Australien, um dort mit dem Rennrad die etwas mehr als 3 000 Kilometer lange Strecke von Darwin nach Adelaide zurückzulegen und zwar schneller, als jemals ein Mensch vor ihm. "Das ist eine Chance, die ich mir nicht entgehen lassen darf", sagt der 43-jährige Diplom-Meteorologe, der sich seit März diesen Jahres gezielt auf die Querung des fünften Kontinents vorbereitet und wie ein Schneekönig darauf freut, sich eben seinen ganz persönlichen Lebenstraum zu erfüllen.

Über 1 000 Kilometer spult er dafür wöchentlich auf seinem Rennrad herunter, wobei er betont, im Training niemals an seine Grenzen zu gehen. "Ich fahre eher gestückelt", sagt er, "200 oder 300 Kilometer am Stück kommen nicht so oft vor." Das Häppchen-Training hat Methode, denn bei zu intensiver Belastung würde der Körper zu viel Zeit zum Regenerieren brauchen. Rainer Klaus weiß da, wovon er spricht. Als Teilnehmer am "Race Across America" (RAAM), das in Fachkreisen als längstes und härtestes Radrennen der Welt bekannt ist, und weiteren Langstreckenrennen hat er sich und seinen Körper schon öfter in Bereiche gebracht, in denen andere vor Erschöpfung schon längst aufgegeben hätten. Auch bei seinem Weltrekordversuch, der am übernächsten Montag im nordaustralischen Darwin beginnt, wird der Hochwanger 20 Stunden täglich im Sattel verbringen ob müssen oder dürfen, ist für den passionierten Bergsteiger und Skilangläufer keine Frage: "Ich will dieses unglaubliche Erlebnis", ist Klaus euphorisch, "heutzutage kann man sich mit Geld doch alles kaufen, nur nicht solche Erlebnisse. Ich stelle mich dieser Aufgabe."

Als wäre das bloße Radeln quer durch australisches Niemandsland (Klaus: "So alle 200 Kilometer kommt da eine Versorgungsstation") nicht schon Aufgabe genug, muss auch hinter den Kulissen alles wie am Schnürchen klappen. Der Extremsportler wird von einem dreiköpfigen Team begleitet, das in einem eigens angemieteten Camper hinter ihm durchs Outback rollen und ihn mit allem versorgen wird, was er braucht. "Das ist ein knallharter Job", weiß Klaus um die Anstrengungen, die seine Crew auf sich nimmt. Schließlich muss jeder Handgriff sitzen, das Team muss auf jede Eventualität vorbereitet sein. "Die Abläufe während der Pausen müssen automatisiert sein, die Logistik muss passen." Alles ist dem Ziel untergeordnet, möglichst mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 27 km/h und Schlafpausen zwischen eineinhalb und zwei Stunden nach Adelaide zu gelangen. Gegessen wird auf dem Rad, geschlafen dort, wo es nötig ist. "Da ich das alles aus eigener Tasche bezahle, sind große Sprünge bei Verpflegung und Unterkunft nicht drin", weiß Klaus, der aber auch froh ist, sich der konsumorientierten Zivilisation für einige Tage entziehen zu können. "Um dein Ziel zu erreichen, wirst du auf das Wesentliche reduziert", schwärmt Klaus, "bewegen, essen, trinken und ruhen das ist ein fantastisches Erlebnis, das man im Gegensatz zu vielen anderen Dingen im täglichen Leben selbst steuern kann."

Die Chancen, die "zwischen 3015 und 3022 Kilometer lange Strecke" (Klaus) durch Australien in neuer Weltbestzeit zu bewältigen, stuft Rainer Klaus übrigens bei kleiner als 20 Prozent ein. "Da müssen einfach alle Parameter passen", weiß er, "aber der Weltrekord wäre für mich sowieso nur ein glückliches Nebenprodukt." Zu gut scheint die Marke, die der Australier Gerry Tatrai im Jahr 1996 aufgestellt hat. Der zweimalige Sieger des RAAM war fünf Tage und 23 Stunden auf dem so genannten "Stuart Highway" unterwegs. Dessen Beschaffenheit bereitet Klaus zusätzlich Kopfzerbrechen. "Das ist sehr schlecht verarbeiteter Teer mit daumengroßen Kieselstücken drin." Erschwerend kommt der eintönige Charakter der Strecke hinzu. Trotz all dem wartet die Kontinentquerung mit einer Entschädigung auf, von der der Hochwanger stark hofft, dass er sie auch zu Gesicht bekommt: Auf etwa der Hälfte der Strecke liegt der weltbekannte Ayers Rock, ein Millionen Jahre alter Monolith. "Sollten wir bei günstigem Licht in dieser Gegend sein, hoffen wir natürlich, ihn zu sehen", sagt Klaus, den die Erfüllung seines Lebenstraums als selbstständig tätiger Unternehmensberater an den Rand des Existenzminimums gebracht hat. "Ohne Sparkurs wäre das alles nicht möglich", weiß er. Bei knapp 10 000 Euro beziffert er den Kostenpunkt des gesamten Unterfangens, den er alleine gar nicht stemmen könnte.

Deswegen verkauft er so genannte "Kilometersteine" ein Kilometer wird mit einem Euro gleichgesetzt, dafür wird der entsprechend lange Streckenabschnmitt nach dem Gönner benannt. Per Mäzenatentum nach Adelaide? "Anders würde das nicht funktionieren", sagt Rainer Klaus, der seit 14 Jahren (vergeblich) auf Sponsorensuche ist. "Das ist mitunter eine richtige Bettel-Tour." Nicht zuletzt aus monetären Gründen ist er mittlerweile unter die Autoren gegangen. Sein Erstlingswerk "Träume und andere Realitäten" handelt von seiner Teilnahme an den "XXAlps" vor zwei Jahren, dem 2 100 Kilometer langen europäischen Pendant zum RAAM über 48 Alpenpässe und 53 000 Höhenmeter. Ob dem Australien-Trip auch ein Buch folgt? "Abwarten", sagt Rainer Klaus. Stoff dafür dürfte es allemal geben. "Wenn wir in Adelaide sind, wird erstmal Urlaub gemacht", sagt Klaus so, wie andere Menschen auch.

INFODie Adresse der Website des Extremsportlers Rainer Klaus lautet www.kingcrab.de.