Lokalsport

Auf der Suche nach dem Stress

Laut Statistischem Bundesamt starben in Deutschland allein im Jahr 2005 rund 190 000 Menschen an den Folgen von Stress, die meisten davon an einem Herzinfarkt. Wie man mit gezielter Bewegung und Entspannung Stress beeinflussen kann, wollen Sportwissenschaftler aus Bielefeld zeigen. Bei ihrer auf fünf Jahre ausgelegten Studie machten sie auch Halt in Kirchheim.

PETER EIDEMÜLLER

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KIRCHHEIM Antonio Tunjic kneift die Augen zusammen der Kicker des VfL Kirchheim wirkt gestresst. Nicht, weil er einen Elfmeter verschossen oder sein Team gerade verloren hat, nein: der 23-Jährige muss so schnell wie möglich eine Rechenaufgabe im Kopf lösen. Kaum verkündet er das Ergebnis, muss er auch schon aufs Ergometer und sich abstrampeln. Dass er dabei verkabelt ist wie eine Telefonanlage, mag zwar komisch aussehen, hat aber seinen Grund. Tunjic ist einer von deutschlandweit 10 000 Probanden, die an einem Forschungsprojekt der Uni Bielefeld teilnehmen. Zusammen mit seinem VfL-Kollegen Coskun Isci hat er sich im Kirchheimer SL Sports für eine für die Studie nötige Stressmessung zur Verfügung gestellt.

Studie läuft fünf JahreÜber einen Zeitraum von fünf Jahren wollen Sportwissenschaftler aus Ostwestfalen herausfinden, wie man Stress mit gezieltem Körpertraining begegnen und den gesundheitlichen Folgen für das Herz-Kreislauf-System vorbeugen kann. Die Leiterin der Studie ist Professor Dr. med. Elke Zimmermann. Die Chefin des Zentrums für sportmedizinische Prävention der Uni Bielefeld arbeitet mit dem Sportwissenschaftler Andreas Bredenkamp (Bünden) zusammen, der anhand der Ergebnisse ein Konzept zur besseren Betreuung von Sportstudiomitgliedern entwickelt.

Dass Stress bei vielen den Alltag bestimmt, ist an für sich nichts Neues. 14-Stunden-Tage im Büro, ungesunde Ernährung, Probleme mit dem Partner oder fehlende Bewegung Ursachen für die Zivilisationskrankheit Nummer eins gibt es genug, sie liegen sowohl im mentalen als auch im körperlichen Bereich. Problematischer als die Erkenntniss über die Schädlichkeit von Stress ist die Definition: Was genau ist eigentlich Stress? Gerät der eine bereits in einem Verkehrsstau unter Strom, bleiben andere selbst im turbulentesten Transatlantikflug entspannt. "Stress wird von jedem Menschen anders empfunden", sagt Daniel Pfender. Der angehende Sportwissenschaftler schreibt zusammen mit zwei Kollegen an der Uni Bielefeld seine Doktorarbeit zu diesem Thema und weiß: "Gefährlich wird es dann, wenn man sich entspannt fühlt, der Körper aber trotzdem gestresst ist." Soll heißen: Nach langem Arbeitstag gemütlich im Fernsehsessel zu lümmeln, tut einem nicht zwangsläufig gut. Doch auch, wer sich nach Feierabend beim Joggen im Wald oder auf dem Rennrad austobt, macht deswegen noch lange nicht alles richtig. "Man muss wissen, wie der Körper jeweils auf Be- und Entlastungen reagiert", sagt Daniel Pfender.

Daher misst er bei Antonio Tunjic nicht nur dessen Blutdruck und Herzschlag unter Belastung. Auch die Werte, die sich bei mentaler Anstrengung oder während einer kleinen Pause ergeben, fließen in die Studie mit ein. Anhand zahlreicher Kurvendiagramme können die Sportwissenschaftler am Computer genau verfolgen, welchen Einfluss einerseits das Fahren auf dem Ergometer hat, andererseits sehen sie auch, wie sich das Lösen einer Rechenaufgabe auf das vegetative Nervensystem auswirkt. Die Probanden erhalten anschließend eine Auswertung der Daten und bekommen bei Bedarf auch Tipps für eine sinnvolle Trainingsgestaltung. Hierbei stehen die richtige Abstimmung von Übungen und Erholungsphasen im Vordergrund.

Warum aber dieser ganze Aufwand? "Die Studie soll zeigen, wie man mit der richtigen Mischung aus Bewegung und Entspannung gesund bleibt", erkärt Daniel Pfender. Dazu werden die Messungen in den kommenden fünf Jahren jährlich wiederholt auch Antonio Tunjic, dem die Wissenschaftler übrigens eine glänzende Regenerationsfähigkeit bescheinigen, soll dann möglichst wieder mit von der Partie sein.