Lokalsport

Aufräumen nach dem Sturm

Bei den Knights rätselt man über Gründe des Debakels gegen Crailsheim

Wie konnte das passieren? Nicht auf jede simple Frage gibt es eine simple Antwort. Auch zwei Tage nach der Blamage vor 1 200 Zuschauern im Derby gegen Crailsheim herrscht Ratlosigkeit bei Kirchheims Korbjägern. Das Seltsame: Auch am Tiefpunkt liegt die Mannschaft noch im Soll.

Kirchheim Knights - Bayer Giants LeverkusenTrainer Frenkie Ignjatovic
Kirchheim Knights - Bayer Giants LeverkusenTrainer Frenkie Ignjatovic

Kirchheim. Jeder hat seine eigene Art im Umgang mit dem sprichwörtlich dicken Hals. Seit Weihnachten hängt bei Ignjatovics daheim in Ober-Ramstadt ein Sandsack im Keller. Eigentlich das Weihnachtsgeschenk für den Jüngsten im Haus, ist es seit ein paar Wochen vermehrt der Senior, der sich mit Boxhandschuhen bewaffnet in die Katakomben zurückzieht. Rezepte gegen den Frustrationsstau stehen seit Freitag in Kirchheim besonders hoch im Kurs – nicht nur beim Trainer.

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Die gute Nachricht: Gemessen an dem, was eine Woche zuvor in Karlsruhe mehrere Polizeieinheiten beschäftigte, hatten die Fans beider Lager am Freitag ihre Emotionen fast vorbildlich im Griff. Das vielleicht einzig Positive an einem Abend, der ansonsten viel Gesprächsstoff lieferte. Nach der 57:86-Pleite gegen den Erzrivalen fragen sich viele, was denn nun erschreckender sei: Die nackten Zahlen, die sich in der Spielstatistik widerspiegeln oder das sichere Gefühl, dass man mit 29 Punkten Differenz noch gut bedient war.

Eine Wurfquote von 30 Prozent – noch schlechter als im bis dahin schlechtesten Saisonspiel vor zwei Wochen gegen Leverkusen – dazu eine Reboundbilanz von 28:51, das sind alarmierende Werte. „Rätselhaft“ ist die am häufigsten verwendete Vokabel bei der Ursachenforschung im Kirchheimer Lager. Wer Erklärungen sucht, tut sich wahrlich nicht leicht. Warum die Mannschaft ihre schlechtesten Spiele derzeit zuhause abliefert, warum erfahrene Spieler plötzlich den Korb nicht mehr treffen oder bei einfachsten Pässen nachfassen müssen. „Vielleicht ist der Erwartungsdruck zu groß, keine Ahnung“, rätselt Knights-Sportchef Karl-Wilhelm Lenger, der den Abend, wie er sagt, bis heute nicht verarbeitet hat. Der Druck zu groß? Die Frage muss erlaubt sein: Warum gerade jetzt? Nach zehn Siegen und einer überraschend erfolgreichen ersten Saisonhälfte ist man schon zur Halbzeit so gut wie alle Abstiegssorgen los. Zehn Siege Anfang Januar, das ist mehr als unter den gegebenen Voraussetzungen zu erwarten war. Die Mannschaft könnte also befreit aufspielen – eigentlich.

„Wir haben auf unerklärliche Weise unseren Rhythmus völlig verloren“, stellt Kapitän Radi Tomasevic fest. „Vielleicht wollen manche einfach zu viel.“ Die Blockade in den Köpfen ist vor eigenem Publikum zurzeit am deutlichsten spürbar. Die Scharfschützen Ben Beran und DJ Byrd treffen bei einfachsten Würfen den Korb nicht mehr, ein erstligaerfahrener Center wie Björn Schoo hat erkennbar Mühe bei der Ballbehandlung, und selbst „Mister Zuverlässig,“ Sebastian Adeberg, der am Donnerstag erfolgreich seine Promotion als Mediziner abschloss, leistet sich plötzlich Totalaussetzer. Auch der Kapitän, der regelmäßig im Wunderland zwischen Genie und Wahnsinn dribbelt, macht da keine Ausnahme. „Wir trainieren alle hart und geben alles“, versichert Radi Tomasevic. „Ich verstehe es momentan einfach nicht.“

Dabei hatte die Mannschaft bis kurz vor der Halbzeit vieles richtig gemacht, die Gäste mit einer Zonenverteidigung zu Fehlern gezwungen. Unter den Augen von MBC-Coach Silvano Poropat ging Merlins-Schreckgespenst Carlos Medlock ohne Punkterfolg, dafür mit zwei Fouls vorbelastet in die Pause. Der Spieler des Monats – mit am Ende fünf Punkten und zwei Assists diesmal nur ein Mitläufer. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison war es das dritte Viertel mit einem starken Jonathan Moore auf der Gegenseite, das den Kirchheimer Zuschauern den Spaß am Zuschauen vermieste. Was dabei deutlich wurde: Den Knights fehlt es gegen athletische Mannschaften nicht nur an der Physis, sondern auch an den taktischen Mitteln. Ein Team, das ausschließlich von seinen Wurfqualitäten lebt, auch wenn das nach dem Freitag wie Hohn klingen mag. Wer gegen eines der besten Teams der Liga die einfachsten Korbleger nicht trifft, der bezieht nun mal Prügel. Zumal dann, wenn sich die Mannschaft, so wie zuletzt geschehen, kampflos in ihr Schicksal ergibt.

„Für die Zuschauer tut es mir leid“, gesteht der Trainer, der sich in Fanforen im Internet ebenfalls Kritik gefallen lassen musste. „Viele Leute haben vergessen, wo wir letztes Jahr standen“, meint er. „Seitdem hat sich an den Rahmenbedingungen nichts geändert.“ Auch daran nicht: In seinem sechsten Jahr in Kirchheim kämpft Ignjatovic noch immer gegen zu hohe Erwartungen. „Sollten wir in die Play-offs einziehen, werde ich das feiern wie den Aufstieg“, bekennt er und schiebt rasch hinterher: „Nüchtern betrachtet, gehören wir da eigentlich nicht hin.“