Lokalsport

Banken sagen Nein

Sportvereinszentrum des VfL Kirchheim vor dem Aus

Die Sache war eigentlich schon durch, so glaubten viele. Nach dem erneuten Mitglieder-Votum für die abgespeckten Baupläne im Juni sollte spätestens im Frühjahr mit dem Bau des neuen VfL-Vereinszentrums begonnen werden. Doch die Banken ziehen nicht mit. Kommt es in einer letzten Verhandlungsrunde Ende Januar zu keiner Einigung, ist das Projekt tot.

VFL - Stadion - Sportplatz - Fussballplatz - SportgelŠndeLuftbild
VFL - Stadion - Sportplatz - Fussballplatz - SportgelŠndeLuftbild

Kirchheim. Noch ist das Kind nicht in den Brunnen gefallen, doch die Hoffnung schwindet. Der VfL Kirchheim kann beim Bau seines geplanten Vereinszentrums eine Finanzierungslücke von rund 600 000 Euro nicht schließen. Demnach sind die Banken weder bereit, mögliche Anlaufverluste in den ersten drei Jahren, noch zu erwartende Kostensteigerungen gegenüber der acht Monate alten Planung abzusichern. Ende Januar soll es eine neue und vermutlich letzte Verhandlungsrunde mit allen drei beteiligten Banken geben, wie die VfL-Vorsitzende Doris Imrich bestätigt. Bis dahin muss der Verein entscheiden, ob er, wie von den Gläubigern gefordert, 75 Prozent der Bauleistungen ausschreibt, um ein detailierteres Bild der tatsächlich zu erwartenden Kosten zu erhalten. Rund 50 000 Euro hat der VfL bisher in das Projekt gesteckt, jetzt müsste also nachgeschoben werden.

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Doris Imrich weiß, dass es keinerlei Spielraum mehr gibt. Der Hauptverein geht mit roten Zahlen ins neue Jahr. So wie schon die vielen Jahre zuvor. „Wenn sich die Banken nicht bewegen, können wir das Projekt zum Monatsende abschreiben“, sagt sie. Das Bild von der resoluten Frontfrau, die um der Sache willen keinen Konflikt scheut, hat gelitten. Sie wirkt resigniert und müde. Es geht um die Zukunft des VfL Kirchheim, doch der Erfolg des Vereinszentrums ist längst untrennbar mit ihrem Namen verbunden, das weiß sie. Die „Schüsse aus der zweiten Reihe“, wie sie es nennt, werden fallen, das steht fest. „Ich stelle mich der Verantwortung“, sagt Doris Imrich. Was immer das heißen mag.

Sorgen „um ihren VfL“ macht sich nicht nur die Vorsitzende, sondern auch Kirchheims Oberbürgermeisterin, die nicht mit Kritik an den Banken spart. „Dass man die jetzigen Rahmenbedingungen nicht schon viel früher festgezurrt hat, ist sehr ärgerlich,“ meint Angelika Matt-Heidecker. Um die Finanzierung zu retten hatte sie zuletzt eine Erhöhung der Ausfallsbürgschaft seitens der Stadt in Aussicht gestellt. Von ursprünglich 800 000, wie vom Gemeinderat abgesegnet, auf 950 000 Euro – ohne Ratsbeschluss. Weitere 100  000 Euro waren durch Mitgliedereinlagen in Form von so genannten Bausteinen eingeplant. Auch die Möglichkeit, dass die Stadt im Falle eines wirtschaftlichen Scheiterns das Gebäude kaufen und damit erwartbaren Raumbedarf für Kinderbetreuung decken würde, lag auf dem Tisch. Geholfen hat alles nichts.

Sollte es beim Nein der Banken bleiben, träfe dies auch die Stadt hart. Auch sie hat zuletzt alles auf die Karte Vereinszentrum gesetzt, nur das Notwendigste in dringend erforderliche Sanierungsmaßnahmen gesteckt. Sterben die Pläne, bleibt ein marodes Stadion und der VfL auf einer Bauruine sitzen, die überdies die Geschäftsstelle beheimatet. Zumindest in diesem Punkt muss eine Lösung her, das weiß auch die Rathauschefin. „Damit der Verein handlungsfähig bleibt, wird man an anderer Stelle nach Räumen Ausschau halten müssen“, sagt Matt-Heidecker. Die Hoffnung aufgeben will sie nicht. Bei den Gesprächen in zwei Wochen sollen nocheinmal alle Argumente auf den Tisch kommen. „Da sind Erklärungen fällig“, sagt sie knapp.

Von der Entwicklung überrascht zeigt sich auch Flowcon-Chef Wilfried Möck, der mit seiner Beraterfirma den Verein im Auftrag des WLSB bei der Finanzplanung unterstützt. Er habe in früheren Gesprächen mit den Banken andere Signale vernommen als jetzt, sagt Möck, räumt jedoch gleichzeitig ein, dass es zu keinem Zeitpunkt eine Zusage gegeben habe. „Dass einem ein Projekt so kurz vor dem Ziel vor die Füße fällt“, meint er, „das habe ich noch nicht erlebt.“

 

Am 21. Juni 2013 haben die Mitglieder des VfL Kirchheim mit einer Zweidrittel-Mehrheit den geänderten Bauplänen für das Vereinszentrum zugestimmt. Die Baukosten wurden dadurch von ursprünglich 4,3 auf 3,6 Millionen Euro gesenkt. Bereits im Mai fanden auf Grundlage der geänderten Planung Gespräche mit der Volksbank Kirchheim-Nürtingen und der Kreissparkasse Esslingen über ein Darlehen in Höhe der Baukosten statt. Seit August sitzt die Kreissparkasse in Calw als dritte Bank mit im Boot. Landrat in Calw ist Helmut Riegger, der als Erster Beigeordneter der Stadt Kirchheim bei den OB-Wahlen im Dezember 2003 an der jetzigen Amtsinhaberin Angelika-Matt-Heidecker scheiterte.

Kommentar: Schiffbruch

Die Bedenken mögen berechtigt sein. Allein der Zeitpunkt überrascht. Acht Monate haben die Banken ins Land ziehen lassen, um das Finanzkonzept für das Vereinszentrum des VfL Kirchheim auf Tragfähigkeit zu prüfen. Für ein Projekt dieser Größenordnung eine ungewöhnlich lange Zeit. Es wurde sorgfältig beleuchtet, abgewogen und bewertet. Monate, in denen nicht nur Kostenschätzungen an Aussagekraft verloren, sondern auch immer klarer wurde, dass der Weg in die viel beschworene Zukunft für den VfL im finanziellen Chaos enden könnte. Mangelnden Einsatz im Kampf um das, was Experten auf lange Sicht für unumgänglich halten, kann man VfL-Frontfrau Doris Imrich und ihren Mitstreitern kaum vorwerfen. Wohl aber den Fehler, die Risikobereitschaft der Finanzgeber überschätzt zu haben. Ohne Eigenkapital und ohne Absicherung gegen steigende Kosten – Das Korsett, dass die Gläubiger schnüren, kann in dem Fall nur tragen, wer den Erstickungstod als Möglichkeit nicht ausschließt. Dass es für den VfL keinerlei Handlungsspielraum mehr gibt, zeigt allein die Tatsache, dass man sich nun scheut, die von den Banken geforderten Ausschreibungen auf den Weg zu bringen. Nur so ließe sich klären, über welche Kosten man zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt redet. Doch das kostet Geld, von dem keiner weiß, ob es am Ende nicht in Rauch aufgeht.

Sollte das Vereinszentrum des VfL im Januar endgültig scheitern, wäre dies ein bisher einmaliger Fall: Noch nie wurde ein Projekt in dieser Planungsphase noch gekippt. Ein Signal, dass man wohl auch beim Württembergischen Landessportbund vernehmen würde. 37 Vereinszentren im Land hat der WLSB in kurzer Zeit und in beratender Funktion über die Ziellinie geführt. Mindestens 50 sollen es nach dem Willen von WLSB-Präsident Klaus Tappeser in naher Zukunft werden. Am Sinn dieser Entwicklung zweifelt kaum jemand. Ob sich das Tempo halten lässt, ist spätestens seit dem Beispiel Kirchheim fraglich.

Ein Scheitern wäre dort auch für die Stadt ein Schlag ins Kontor. Nach sechs Jahren Sportentwicklungsplanung bliebe unterm Strich allein der gute Wille erkennbar. Denn mit dem Vereinszentrum stirbt auch die Vision eines künftigen Sportparks rund ums Stadion. Und noch eins: Die Hoffnung, das ungelöste Stadionproblem mittels einer Betreibergesellschaft auf elegante Weise aus der Welt schaffen zu können, sind vor zwei Jahren unverhofft geplatzt. Jetzt könnte die Stadt im Kampf gegen den Zerfall ihrer Sportstätten an prominenter Stelle ein zweites Mal Schiffbruch erleiden.BERND KÖBLE