Lokalsport

Bewegungsmangel, der Bewegung schafft

Übergewicht, motorische Störungen, Haltungsschäden immer mehr Kinder und Jugendliche leiden an den Folgen von Bewegungsmangel. Eine Herausforderung, der sich der Sportuntericht an den Schulen in zunehmendem Maße stellen muss. Doch der liegt nach der jüngsten Studie des Deutschen Sportbundes selbst im Krankenbett.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Sport ist populär, kein Zweifel. Fernsehübertragungen rund um die Uhr und Zuschauerquoten, von denen andere Sparten nur träumen können. Da passt es schlecht ins Bild, dass Sportverbände, Schulpädagogen oder Krankenkassen inzwischen Alarm schlagen, wenn es um die Physis des Nachwuchses geht. Nach einer Studie der Uni Karlsruhe ist heute knapp ein Viertel aller Kinder im Grundschulalter gesundheitlich auffällig. Übergewicht, Haltungsschäden, motorische Störungen oder Herz-Kreislaufschwächen haben meist die selben Ursachen: Bewegungsmangel und falsche Ernährung.

Sportunterricht an Schulen ist der einfachste Weg, um Kinder und Jugendliche zu erreichen. Doch um das Unterrichtsfach Sport ist es trotz Schulsportinitiative des Kultusministeriums schlecht bestellt, weil die Praxis nicht immer hält, was der Stundenplan verspricht. Die jüngste Studie des Deutschen Sportbundes (DSB) jedenfalls fördert Ernüchterndes zutage. Demnach fällt an deutschen Schulen jede vierte Sportstunde aus. Wo Sportunterricht stattfindet, wird er nicht selten von Lehrern gehalten, die dafür nicht oder nicht ausreichend ausgebildet sind. Davon besonders stark betroffen sind ausgerechnet die Grundschulen, die gemeinsam mit den Kindergärten eigentlich den Grundstein in der Bewegungserziehung legen sollten. Knapp die Hälfte aller Lehrkräfte, die an den Grundschulen Sport unterrichten, sind dafür nicht ausgebildet. An den Hauptschulen ist es immerhin noch knapp ein Drittel. Zwar erhalten fachfremd unterrichtende Klassenlehrer Fortbildungsangebote, doch die maximal acht Tage pro Schuljahr sind teuer und werden deshalb von den Schulämtern meist im Wechsel mit Musik-Fortbildungen angeboten.

Personell geht die Rechnung häufig auf: "Die Grund-, Haupt- und Realschulen bekamen in diesem Schuljahr so viel Stunden zugewiesen, dass der Pflichtunterricht erfüllt werden kann", sagt Siegfried Röder, stellvertretender Leiter des Nürtinger Schulamts. Doch auch Röder weiß: Wenn Stunden krankheitsbedingt ausfallen müssen, gibt es häufig keinen Ersatz. Der Personalmangel im Fach Sport wird dadurch noch verschärft, dass etliche Lehrkräfte aus Altersgründen nur noch eingeschränkt oder gar keinen Sportunterricht mehr erteilen dürfen. "An vielen Schulen gibt es zu wenig junge männliche Lehrkräfte", gesteht Siegfried Röder ein. Beispiel Freihof-Realschule: Dort kämpft man seit Jahren in einem in die Jahre gekommenen Kollegium um die Zuweisung eines jungen Sportlehrers bisher ohne Erfolg.

Doch Fachlehrermangel ist nicht der einzige Grund, wenn es im Sportunterricht klemmt: Gerhard Klinger, Schulleiter an der Kirchheimer Raunerschule, verfügt im Grund- und Hauptschulbereich über jeweils fünf ausgebildete Sportlehrer und damit über fast schon paradiesische Verhältnisse. Die enge Kooperation mit dem Pädagogischen Fachseminar in Kirchheim macht's möglich. Mit Ausnahme der beiden Berufsschul-Kooperationsklassen erhält jede Klasse drei Stunden Sportunterricht pro Woche genau so, wie die Vorgabe lautet. Möglich ist dies freilich nur, weil mit der Außenstelle in der Teck-Grundschule die dortige Sporthalle mit genutzt werden kann, denn die Raunerschule hat ein gravierendes Hallenproblem. In der 180 Quadratmeter großen Schulsporthalle kämen längst nicht alle Klassen unter, meint Klinger, der das Sportangebot an der Raunerschule gerne ausbauen würde. "Die tägliche Bewegungsstunde wäre dringend nötig", meint der ehemalige Zehnkämpfer. Doch die scheiterte bislang ebenso am Raumangebot wie das schuleigene Sportprofil, das Klinger gerne entwickeln würde. Am kommenden Mittwoch wird der Gemeinderat nun entscheiden, ob die Raunerschule eine neue Sporthalle bekommt.

Uwe Häfele, Leiter der Kirchheimer Alleenschule, kennt solche Problem nicht. Er hat während der Unterrichtszeiten in der benachbarten Sporthalle Stadtmitte weitgehend freie Hand. Weil an der Alleenschule Sport wesentlicher Bestandteil des Freizeitangebots auf dem Weg zur Ganztagesschule ist, beschränkt sich das Sportangebot nicht auf den Regelunterricht. Am Nachmittag können die Schüler aus einer Reihe verschiedener Sport-AG's auswählen. Dass Basketball besonders beliebt ist, liegt wohl mit daran, dass VfL-Cracks wie Ross Jorgusen, Pasko Tomic oder Kai-Uwe Kranz die Übungsstunden leiten. Mit Erfolg: Im Zuge von Jugend trainiert für Olympia stieß ein Team der Alleenschule bis ins Oberschulamts-Finale vor. Die Kooperation mit dem VfL hält Häfele für beispielhaft: "Dadurch finden Kinder oft auch Zugang zum Verein." Auch bei den Jüngsten bewegt sich an der Alleenschule einiges: Im Grundschulbereich sei man auf dem Weg zur "Bewegten Schule", berichtet der Rektor. Auf einem Bewegungsparcours, den Kollegen jeden Montag zur ersten Stunde in der Sporthalle aufbauen, können die Grundschüler ihrem Tatendrang Luft verschaffen. Wem das nicht reicht, dem bleibt ja noch die Pause: Seit der Neugestaltung des Schulhofes mit Balanciergeräten und Klettergerüsten vor zwei Jahren verfügt die Alleenschule offiziell über einen "Bewegten Schulhof" und dies sogar mit Zertifikat.