Lokalsport

Christine Wolf auf Sinnsuche in Australien

Nach drei Paralympic-Medaillen sucht die 28-jährige Behindertensportlerin aus Gutenberg neue Herausforderungen

Als Mitglied der australischen Behinderten-Nationalmannschaft lebt Christine Wolf, oberschenkelamputierte Leichtathletin mit elterlichen Wurzeln in Gutenberg, seit 2005 im 16500 Kilometer entfernten Wahl-Wohnort Canberra. In der kontinentalen Metropole trainiert die 28-Jährige zwei Mal täglich.

thomas pfeiffer

Lenningen. Christine Wolf hat bei den Olympischen Spielen der Behinderten in Athen 2004 und Peking 2008 alles gewonnen, was an Edelmetall zu gewinnen ist: Eine Gold-, eine Silber- und eine Bronzemedaille, in ihren Paradedisziplinen Weitsprung und 100-Meter-Lauf. Die Profisportlerin aus Gutenberg, die seit drei Jahren in der australischen Hauptstadt Canberra lebt, ist stolz auf das Erreichte. „Eigentlich müsste ich mit dem Leistungssport jetzt ja aufhören. Schließlich habe ich alle drei möglichen Medaillen in der Tasche“, sagt sie. Es ist ein Scherz – die 28-Jährige Leichtathletin mit dem Stipendium am Australian Institute of Sport (AIS) will in Wirklichkeit noch ein paar Jährchen dranhängen, „vielleicht bis zu den Paralympics 2012 in London.“

All ihre paralympischen Medaillenträume hat sie mit 28 schon verwirklicht – welche Meisterschaftsziele hegt sie noch? Es ist eine offene Frage, denn ihre Suche nach der nächsten sportlichen Herausforderung ist in diesen Tagen in vollem Gange. Christine Wolf, die mit 15 nach einer Tumor-Diagnose ihren linken Oberschenkel durch Amputation verlor, aber nie ihre Lebensfreude und Antriebskraft, sucht konkret nach dem Sinn ihres bisher erfolgreichen Profi-Daseins. „Nachdem der australische Behindertensportverband bis 2011 keine internationalen Meisterschaften mehr besetzen will, ist unklar, wo und ob überhaupt ich in den nächsten drei Jahren starten werde“, sagt sie.

So scheiden eine WM-Teilnahme oder Kontinentalkämpfe als mögliche Planziele bis auf Weiteres aus – was bleibt sind kleinere Vorsätze. Zum Beispiel die Verbesserung des eigenen 100-Meter-Rekords. Der steht „seit einer Ewigkeit“ bei 17,2 Sekunden, „doch reicht mein Potenzial für eine hohe 15er-Zeit wahrscheinlich aus“, wie die 28-Jährige vermutet. Zur Leistungsexplosion benötigt sie allerdings eine neue Sprintprothese, und die ist teuer: fast 8000 Euro.

Woher das Geld nehmen, wenn nicht stehlen? Weil die Finanzmittel, die sie kraft ihres Stipendiums erhält, Christine Wolf im Land der Kängurus, Aborigines und Nationalparks zwar ein brauchbares Auskommen erlauben, aber keine größeren Ausgaben oder gar ein Luxusleben, geht die gebürtige Kirchheimerin nach eigener Aussage demnächst verstärkt auf Sponsorensuche. Nachdem der Kontrakt mit ihrem bisherigen Tantiemen-Geber aus Weilheim/Teck mit Ende der Paralympics ’08 ausgelaufen ist, hat sie deutsche Niederlassungen von Automobilfirmen als potenzielle Vertragspartner im Visier. „Vielleicht zeigen Firmen wie BMW, Daimler oder VW ja Interesse an mir“, hofft sie. Einen Manager, der in Frage kommende Sponsoren abklappern könnte, leistet sich Gutenbergs bekannteste Emigrantin zwar weiterhin nicht, dafür hat sie inzwischen ausgezeichnete Sprachkenntnisse. „Den Sponsorenvertrag könnte ich jetzt leicht selber aushandeln“, sagt sie. Auch anderweitig sondiert Christine Wolf in ihrer Wahlheimat den Markt: Zwischen ihr und Trainerin Iryna Dvoskina stimmt die Chemie nicht mehr. Baldige Trennung nicht ausgeschlossen.

„Wie es bei mir weitergeht, ist in vielen Punkten völlig offen. Aber dass ich in Australien weitere Jahre verbringen werde, ist sehr wahrscheinlich“, antwortet Christine Wolf auf die Zukunftsfrage und schiebt als Begründung fürs Bleiben auf dem fünften Kontinent dieses nach: „Die Mentalität der Leute dort kommt mir persönlich ziemlich entgegen. Die sehen alles ziemlich locker, ein bisschen wie in südeuropäischen Ländern.“ In Deutschland ginge es vergleichsweise (viel zu) hektisch zu. „Schauen Sie nur mal auf die Autobahnen.“ Wolfs Schluss: „In Australien lebt man gesünder.“

Und findet Trainingsbedingungen vom Feinsten vor – zumindest Christine Wolf, die seit drei Jahren die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, kann das behaupten. Das Australische Sportinstitut in Canberra beschäftigt derzeit 190 Mitarbeiter und ist auf einem 65 Hektar großen Areal angesiedelt. Es ist ein Leistungszentrum mit allen Segnungen moderner Trainingslehre: Die psychologische Betreuung gehört dazu. „Bis zu zwei Mal täglich trainiere ich dort, und das an sechs Tagen in der Woche. Nur am Sonntag haben wir frei“, beschreibt Christine Wolf ihr Betätigungsfeld, das einen hohen Aufwand an Zeit und Energie verlangt. Trainiert sie nicht, geht sie essen, aus oder sitzt daheim in der angemieteten Zwei-Zimmer-Wohnung in der City von Canberra. Für Abwechslung ist gesorgt.

Neulich war die gelernte Goldschmiedin („ich mache derzeit kleinere Auftragsarbeiten und möchte einmal einen eigenen Laden eröffnen“) erstmals nach eineinhalb Jahren für drei Wochen auf Heimaturlaub in Gutenberg. Neben dem Wiedersehen mit ihren Eltern genoss Christine Wolf vor allem die die lange vermisste schwäbische Küche. Und so kamen frische Bretzeln, Kalbsleberwurst und Rindersalami vom noch immer bestens bekannten Metzger Jochen Ehni promt auf den Tisch der Familie. Kommentar der Tochter: „Diese Qualität gibt es in ganz Australien nicht.“ Die Spezialitäten in der alten Heimat: Auch ein Grund dafür, regelmäßig heimzufliegen.

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