Lokalsport

Corucle: Keine Vorschusslorbeeren für Unger

Wenn heute in Wattenscheid die deutschen Meisterschaften der Leichtathleten beginnen, startet für einen das Unternehmen Titel-Double: Tobias Unger greift sowohl über 100 m als auch über 200 m nach dem Titel.

PETER EIDEMÜLLER

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KIRCHHEIM Die Hoffnungen der deutschen Sprint-Szene haben seit geraumer Zeit einen Namen: Tobias Unger. Seit seinem sensationellen Vorstoß ins olympische 200-m-Finale in Athen 2004 ist der in München geborene, in Wendlingen aufgewachsene und nun in Kirchheim lebende Athlet zum Star avanciert ohne von seinem natürlichen Charme eingebüßt oder den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Unger, beliebter Sportsmann und berechtigter Hoffnungsträger gleichermaßen, ist bei den heute in Bochum-Wattenscheid beginnenden deutschen Meisterschaften zumindest über die halbe Stadionrunde der Top-Favorit.

Warum? Da wäre vorrangig die Statistik: Der 25-Jährige im Dress Salamander Kornwestheims wurde bereits in den vergangenen beiden Jahren deutscher Meister über 200 m, strebt am Sonntag im Lohrheidestadion in Wattenscheid also dem Titel-Hattrick entgegen. Daneben führt er die DLV-Bestenliste in diesem Jahr mit weitem Abstand vor seinen Konkurrenten an: Hinter Ungers 20,36 Sekunden (gelaufen am 19. Juni beim Europacup in Florenz) rangiert Daniel Schnelting von der LAZ Rhede mit 20,69 auf Platz zwei, gefolgt von Alexander Kosenkow (TV Wattenscheid) mit 20,74.

Ist demnach alles paletti mit DM-Titel Nummer drei über 200 m für Unger? Ausgrechnet sein Trainer Micky Corucle bremst alle Euphoriker, die seinen Zögling mit Vorschusslorbeeren kränzen wollen. "Du brauchst bloß einmal einen schlechten Start haben", sagt er, "dann kann schon alles vorbei sein." Der gebürtige Rumäne mit Wohn- und Arbeitssitz in Köngen schätzt die Gegnerschaft Ungers stärker ein, als es das Papier momentan wiederzugeben scheint. "Für mich sind Sebastian Ernst und Till Helmke immer gefährliche Gegner", nennt er zwei Namen. Der Schalker (Ernst) und der Friedberger (Helmke) sind Corucles Ansicht nach am ehesten in der Lage, dem "Schwabenpfeil" zuzusetzen. Ernst ist übrigens der einzige deutsche Sprinter, der Unger in diesem Jahr bereits über die 200 m schlagen konnte. Beim Chemnitzer Hallenmeeting Ende Februar lief Ernst 20,66 Sekunden, Unger kam "erst" nach 20,87 Sekunden ins Ziel. Allerdings: Die beiden liefen damals nicht im selben Rennen, sondern in zwei separaten Zeitläufen indirekt gegeneinander.

Ein großer Vorteil über die 200 m könnte im psychologischen Bereich liegen. Unger, der bereits für die WM in Helsinki im August qualifiziert ist, kann es locker angehen lassen, hat keinen Zeit-Druck mehr. "Jetzt kann Tobi solche Wettkämpfe wie ein Turnier angehen", sagt Trainer Corucle, "und gucken, welche Zeiten jeweils herauskommen." Fast schon obligatorisch fällt da die Frage nach dem 20 Jahre alten deutschen Rekord von Frank Emmelmann (20,23) aus: "Das wäre eine schöne Sache", lässt sich Unger von Salamander-Boss Hans-Peter Sturm zitieren.

Was bezüglich Ungers Titelambitionen über seine Paradestrecke noch als taktisches Understatement Corucles verstanden werden kann, scheint sich für die Aussichten des Kirchheimers über 100 m durchaus zu bewahrheiten, denn: Die deutschen Top Ten über diese Distanz liegen bei weitem enger zusammen, als dies bei den 200 m der Fall ist. Unger, mit zu Buche stehenden 10,37 Sekunden momentan drittschnellster Sprinter in der Republik, sieht sich hier vor allem dem Duo Marius Bröning und Marc Blume gegenüber.

Interessanterweise steht Unger (Jahrgang 1979) altersmäßig genau zwischen den beiden Top-100-m-Sprintern Deutschlands im Jahre 2005: Der 1973 geborene Marc Blume, in den neunziger Jahren Abonnementsieger bei nationalen Titelkämpfen, ist mit der gleichen Zeitnotiert, wie sein ärgster Widersacher Marius Bröning, der 1983 das Licht der Welt erblickte: 10,32 Sekunden. Dass mit dieser Zeit keiner von beiden auf internationalem Parkett nicht mal einen Blumentopf gewinnen würde, spiegelt das Dilemma des DLV, was die Königsdisziplin der Sprinter angeht, wider: Die Alten (wie Blume) können schon nicht mehr, die Jungen (wie Bröning) können noch nicht mehr.

Und Unger? Dem ist nach seinen windunterstützen 10,11 Sekunden von Ettlingen Anfang Juni bei regulären Bedingungen eine Zeit um die 10,20 zuzutrauen sagt auch sein Trainer: "Tobi ist gut drauf. Warum sollte er über 100 m nicht auch zur WM fahren?" so Corucle. Um im August in Helsinki gegen die besten der Welt (unter anderem Astafa Powell mit seinem Weltrekord von 9,77 Sekunden) antreten zu dürfen, fordert der DLV in Anlehnung an die Vorgaben der IIAF (International Association of Athletics Federation) eine Zeit von 10,21 weder für Bröning, Blume (achtmal DM-Erster) oder Unger unerreichbar. Realistisch betrachtet ist aber selbst diese Zeit im internationalen Top-Vergleich keinen Pfifferling wert, sprich: Selbst wenn ein deutscher Athlet das WM-Ticket nach Finnland noch lösen sollte, für mehr als einen Vorstoß in die Zwischenläufe dürfte es angesichts der (zu) starken globalen Konkurrenz nicht reichen. Aber wie schon Olympia-Begründer Pierre de Coubertin formulierte: "Dabei sein ist alles."

Unter diesem Motto, so steht zu befürchten, werden die deutschen Meisterschaften auch für den Weilheimer Hürdensprinter Lukas Erdmann stehen. "Es ist so gut wie unmöglich, in den Endlauf zu kommen", sagt der 22-jährige aus der Corucle-Trainigsgruppe selbst. Über die 110 m Hürden werden in Wattenscheid vier Vorläufe durchgeführt, im Endlauf treffen die vier Sieger sowie die vier Zeitschnellsten aufeinander. Erdmann, am vergangenen Wochenende bei einem Meeting in Murr 14,49 Sekunden gelaufen, will wenigstens eine gute Zeit erreichen. "So um die 14,20 wäre in Ordnung", sagt er, "Hauptsache, ich knacke meine persönliche Bestzeit aus dem vergangenen Jahr." Diese steht bei 14,32 Sekunden.

Unger und Erdmann sind übrigens zusammen gestern morgen von Wendlingen in Richtung Ruhrpott aufgebrochen. Während der Star am späten Sonntagnachmittag dem Finale über 200 m entgegenfiebert (planmäßige Endlaufzeit: 18.30 Uhr), wird das Sternchen aller Voraussicht nach wieder in Weilheim am Schreibtisch sitzen. "Ich bin momentan tierisch im Lernstress", stöhnt Erdmann, dessen Semesterabschlussprüfungen in knapp zwei Wochen anstehen. Umso euphorischer heftet sich sein Blick deshalb auch am 19. August: "Da ist die letzte Prüfung", freut er sich, "danach sind dann endlich Semesterferien. Und Wettkämpfe sind auch keine mehr", fügt er augenzwinkernd hinzu.

Tobias Unger vor dem Titel-Double, Lukas Erdmann vor einer zeitlichen Verbesserung wer die lokalen Zugpferde der Leichtathletik kennt, weiß, dass ein Name fehlt: Marc Kochan. Der Kirchheimer hat jedoch bereits am Donnerstagabend verlauten lassen, dass ein Start für ihn bei den deutschen Meisterschaften nicht in Frage kommt Kochan plagt immer noch eine Muskelverletzung. "Ich habe beim Belastungstest versucht, alle Schmerzen wegzudrücken, aber es ging einfach nicht", so der 26-Jährige enttäuscht. Er wird die Titelkämpfe somit nur am Fernsehbildschirm mitverfolgen können: Die ARD überträgt heute von 15.05 Uhr bis 16.30 Uhr, das ZDF am morgigen Sonntag direkt nach Ende der zweiten Etappe der Tour de France gegen 17.30/17.45 Uhr bis 19 Uhr.