Lokalsport

"Das ist wie ein 5 000-Meter-Lauf"

Im Kampf um Punkte in der Verbandsliga müssen die Sportkegler des VfL Kirchheim jeden Samstag auch gegen das Klischee vom Kneipensport ankämpfen. Am Rande der Heimpartie gegen den ESV Ravenbsurg II ist dies gelungen.

PETER EIDEMÜLLER

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KIRCHHEIM Das Ambiente lässt auf den ersten Blick keine sportlichen Höchstleistungen vermuten: Wie jede andere Kegelstube erinnert auch die Heimstätte des VfL Kirchheim an der Jesinger Allee eher an Hobbysportler und Freizeitkegler, die zwischen zünftigem Bier und gemütlichem Plausch ab und an mal auf die Bahn gehen, um den neun Kegeln zu Leibe zu rücken eine weit verbreitete Fehleinschätzung, die man spätestens dann revidiert, wenn die ersten Kugeln zwischen zwei Topteams gespielt sind. Dann wird erkennbar, wie anstrengend so eine Kegelpartie ist: Jeder Spieler muss innerhalb von 20 Minuten 50 Schübe absolvieren. 25 mal auf die volle Kegelzahl, 25 mal Abräumen und das auf jeder der vier Bahnen einmal. So ist jeder Spieler insgesamt 80 Minuten zu Gange. "Das ist vergleichbar mit einem 5 000-Meter-Lauf", sagt mit Dieter Barth einer, der weiß, wovon er spricht.

Barth ist Schiedsrichter der Verbandsligabegegnung zwischen dem VfL Kirchheim und dem ESV Ravensburg II des Spitzenspiels, das den vorläufigen Höhepunkt des Kirchheimer Saisonverlaufs markiert: Zuvor waren die Teckstadt-Kegler in sieben Partien erst einmal besiegt worden, standen vor dem Gipfeltreffen gegen die Bodenseeanrainer auf Platz eins der Tabelle. Das weckt Träume hinter vorgehaltener Hand wurde bereits vom Aufstieg in die 2. Bundesliga, gesprochen. "Die Euphorie ist natürlich da", schildert Markus Stark, VfL-Akteur im Mittelpaar, die Stimmung innerhalb der Mannschaft, "aber wir denken von Spiel zu Spiel."

Während Stark über die Saisonziele der Mannschaft spricht ("Wir wollen schnell 16 Punkte holen, um nicht abzusteigen. Trotzdem haben wir das Zeug, unter die ersten Drei zu kommen"), beginnen seine Teamkollegen Wolfgang Halama und Joachim Deuschle ihren Arbeitstag im Startpaar des VfL. Nach und nach füllt sich die Kegelstube mit Zuschauern, von denen die meisten der knapp 60 Mitglieder zählenden VfL-Abteilung angehören. "Heute wird's wahrscheinlich ein bisschen voller", vermutet Stark, "die Damenmannschaft spielt erst morgen und will uns sicher unterstützen." Wer nun glaubt, die Unterstützung einer Sportkegelmannschaft beschränke sich aufs Händeklatschen, sieht sich getäuscht: "Sieb'ne, achte, neune, Holz, Holz, Holz", "Sechs, sieben, acht, jetzt hat's 'kracht", "Wolfgang, go. Joachim, go". So und ähnlich hallt es mehrstimmig im oberen Dezibelbereich durch den Raum. Halama und Deuschle machen davon scheinbar unbeeindruckt ihr Spiel: Kugel nehmen, anlaufen, schieben und von vorne sieht einfach aus, ist es aber nicht.

"Das ist ein technisch und konditionell sehr anspruchsvoller Sport", betont Stark, der als ehemaliger Fußballer entsprechende Vergleichsmöglichkeiten hat. "Außerdem sind ein gewisses Ballgefühl und ein hohes Maß an Konzentration gefordert." Auf die Frage, woraus er zusätzlich die Motivation bezieht, sich allsamtäglich in Württembergs Kegelstuben zu betätigen, sagt er: "Der Teamgeist und die Kameradschaft sind einfach super."

Davon zeugt auch ein mannschaftsinternes Tippspiel, das vor jeder Partie durchgeführt wird. Jeder kann beliebig oft auf die Gesamtholzzahl des VfL setzen. Wer am nächsten liegt, gewinnt und muss einen ausgeben allerdings erst nach dem Spiel. "Während der Partie, herrscht striktes Alkohol- und Rauchverbot für die Spieler", unterstreicht Stark. Spricht's und entschuldigt sich. "Ich muss mich allmählich warmmachen." Wie jede andere Sportart birgt auch das vermeintlich so harmlos anmutende Kegeln Verletzungsrisiken. Vor allem Knie und Bänder sind gefährdet bei all den Anfeuerungsrufen mitunter auch die Stimmbänder.

Einer nicht minder hohen Belastung ist auch der eigene Geldbeutel ausgesetzt, schließlich wollen die Autofahrten zu den Auswärtsspielen finanziert werden. "Das wird überwiegend aus der eigenen Tasche bezahlt", sagt Stark, der inzwischen aufgewärmt und bereit für seinen Einsatz ist. Beim momentan am weitesten entfernten Gegner Ravensburg durchaus noch verschmerzbar. Bei einem Aufstieg in die 2. Liga würden die Wege jedoch ungleich weiter: Bamberg, Jena, Regensburg sind nur drei der potenziellen Ziele der VfL-Kegler in der kommenden Saison. "Das wäre schon genial", sagt Stark, "vielleicht kann man so noch ein paar Sponsoren anlocken."

Da wussten Stark und Co. allerdings noch nicht, dass der ESV Ravensburg II die Partie mit 5525:5444 gewinnen würde.