Lokalsport

Das Schicksal fest in beiden Händen

Der Radsport war ein Fixpunkt in seinem Alltag. Bis zu jenem 16. April vor acht Jahren, der sein Leben radikal veränderte. Nach einem schweren Rennunfall sitzt Michael Maier querschnittgelähmt im Rollstuhl. Sport ist für den 37-Jährigen heute wichtiger denn je.

Bernd Köble

Kirchheim. Es sind Bilder, die sich einbrennen und Narben hinterlassen – tief und unsichtbar. Der Schatten des Autos im Augenwinkel. Der Körper, der sich schutzlos durch die Windschutzscheibe bohrt. Das Erwachen, die Gewissheit und der anschließende Sturz ins Bodenlose. Es war das erste Rennen der Saison und der Eintritt in ein neues Leben.

Acht Jahre später ist Michael Maier an einem kalten Wintermorgen im Wiestal bei Ohmden unterwegs. Er spürt den Puls, genießt den eisigen Fahrtwind im Gesicht. „Eigentlich“, sagt er, „ist es so wie früher.“ Radfahren ist für ihn Freiheit, Ausgleich zum Alltag, Frustrationsbewältigung. 14 000 Kilometer hat er als B-Amateur in guten Jahren abgespult. Die Beine als nimmermüdes Kraftwerk. An diesem Morgen stecken jene Beine unter drei wärmenden Lagen Textil. Eine Vorsichtsmaßnahme, weil er hüftabwärts die beißende Kälte nicht spürt. Stattdessen verrichtet die Muskulatur an Armen, Schultern und Rücken Schwerstarbeit.

Das Handbike ist für Michael Maier zum Synonym für jene Freiheit geworden, die im Frühjahr 2000 für immer verloren schien. Oder anders: Ein Teil seines Lebens, der wichtiger ist als je zuvor, wie er betont. „Der Drang, sich wieder der Normalität zu nähern“, sagt er, „ist das Beherrschende im Leben eines jeden Behinderten.“ Das Handbike hat ihm dabei geholfen. Noch während der Reha war die Suche nach einer sportlichen Perspektive ein wesentliches Thema. Die Erinnerung an den ersten Muskelkater nach monatelangem Klinikaufenthalt ist heute wacher als die an den tragischsten Moment seines Lebens. Der Sport ist für ihn ein Freund, der Trost spendet, „der dir hilft, auf quälende Fragen die richtigen Antworten zu finden“, sagt Michael Maier.

Die sucht und findet er heute, wenn er auf einsamen Wegen entlang der Alb seine Runden dreht. Bis zu sieben Stunden verbringt er an schönen Wochenenden im Sommer festgeschnallt auf seinem renntauglichen Gefährt. Hin und wieder wird er dabei begleitet von ehemaligen Trainingskameraden. Dass es still um ihn geworden ist, schmerzt zuweilen. „Das schöne am Sport ist nun mal das Gemeinschaftserlebnis“, gesteht der 37-Jährige, der zu seiner aktiven Zeit den Laden zusammenhielt, Trainingsgruppen anführte, gemeinsame Termine festlegte und zum Telefon griff, wenn es darum ging, nach Feierabend noch schnell eine gemeinsame Runde zu organisieren. Heute passt das alles nicht mehr zusammen. „Das Handbike ist gegenüber dem Rennrad einfach zu langsam“, meint er ohne Groll. Sportler, die sein Schicksal teilen, sind dünn gesät. Zwar gibt es wie im konventionellen Radsport auch unter Handbikern eine Rennszene, die sich zu Wettkämpfen trifft, sich in Internetforen austauscht und Trainingspläne oder leistungsdiagnostische Daten diskutiert. Viele seiner ehemaligen Mitstreiter verstehen nicht, dass er all dies heute nicht mehr will. Er verfolgt die Szene, doch er tut dies aus einer gewissen Distanz. „Das war Teil meines früheren Lebens“, sagt er. „Heute will ich mich dem Sport von einer anderen Seite nähern.“

Eine Seite, die ihn nach wie vor fasziniert, ist die Technik seines Sportgerätes. 5 000 Euro kostet der zwölf Kilo leichte Alurahmen, auf dem er sich im Liegen mit Klettbändern fixiert und der rein zu Trainingszwecken taugt. Auch in einem anderen Punkt unterscheidet sich das Handbike nicht vom Edelrenner: Gewichtsminimierung ist Trumpf, der Werkstoff Carbon auf dem Vormarsch. „Wer weiß“, sagt der Maschinenbauingenieur, der im familieneigenen Unternehmen einen Vollzeitjob erledigt. Hätte ich beruflich keine festen Ziele vor Augen gehabt, vielleicht würde ich heute an der Entwicklung solcher Handbikes mitarbeiten.“