Lokalsport

Das schwerste Rennen des Michael Maier

Als ehrgeiziger Sportler feierte er auf dem Rennrad Erfolge. Immer am Limit, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Nach einem folgenschweren Sturz vor fünf Jahren kämpft Michael Maier heute mit seiner größten Herausforderung: einem Leben im Rollstuhl.

BERND KÖBLE

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KÖNGEN Die Stimmung ist prächtig an jenem 22. April 2000. Es wird viel gelacht, gefachsimpelt, Erfahrungen werden ausgetauscht. Man freut sich, dabei zu sein, auch wenn den Fahrern im Trikot des KJC Ravensburg an diesem Tag ein hartes Rennen bevorsteht. "Rund um Bergen" ist mit 175 Kilometern Gesamtdistanz eines der längsten Rundstreckenrennen für Radamateure. Anspruchsvoll, schnell und gefährlich. Doch daran verschwendet Michael Maier an diesem Morgen keinen Gedanken. Er hat hart gearbeitet, um bei Rennen wie heute hier in Frankfurt am Start sein zu können. Talent und Trainingsfleiß ermöglichten dem 29-Jährigen Wendlinger nach seinem Wechsel vom RKV Kirchheim über Stuttgardia Stuttgart nach Ravensburg den Aufstieg zum B-Amateur. Sein bisher größter Erfolg.

Die 25 Kilometer lange Schleife durch den Vorstadtgürtel der Mainmetropole gilt nicht nur an diesem Tag als unübersichtlich und schwer zu sichern. Davon zeugt eine Reihe schwerer Unfälle in der Vergangenheit. Als die Verfolgergruppe in hohem Tempo um den Anschluss kämpft, erkennt Michael Maier die Gefahr zu spät. Der Autofahrer, der aus der Seitenstraße kommt und von Streckenposten eiligst an den Fahrbahnrand dirigiert wird, verursacht einen Massensturz. Maier durchschlägt die Heckscheibe des Fahrzeugs und wird mit schwersten Verletzungen in eine Frankfurter Klinik verfrachtet. Fünf Wochen lang halten ihn die Ärzte im künstlichen Koma. Erst danach steht die niederschmetternde Diagnose fest: Die Verletzungen im Brustwirbelbereich sind so schwer, dass Michael Maier mit einer Querschnittslähmung leben muss.

Fünf Jahre später sind die Schnittwunden verheilt, doch der inzwischen 33-Jährige ist in seinem neuen Leben noch lange nicht angekommen. Seine Stimme klingt gedämpft, das Lächeln wirkt mühsam. Schnell wollte er damals mit der neuen Situation zurechtkommen. Er beendete sein Studium zum Maschinenbauingenieur und fand als solcher auch einen festen Arbeitsplatz. Doch rasch musste er erkennen, dass der Alltag keine Gnade kennt. "Während der monatelangen Reha bist du abgelenkt", sagt Michael Maier. "Zeit zum Nachdenken bringt erst der Alltag." Abhaken oder Hoffen? In diesem Zwiespalt steckt er bis heute, "denn schließlich ist die Hoffnung das einzige, das dir die nötige Energie gibt."

Heute lebt Michael Maier in Köngen. Das Haus behindertengerecht ausgebaut, das Auto eine Maßanfertigung. Das alles kostet Geld. Viel Geld. "Wenn man so will, hatte ich Glück", meint Michael Maier in sarkastischem Ton. Die Versicherung tat ihre Pflicht und auch die Eltern unterstützen ihn nach Kräften. Die Familie ist sein großer Rückhalt, seitdem der Freundeskreis um ihn he-rum kleiner geworden ist. Zu einigen hält er noch immer engen Kontakt, besucht Radrennen oder geht abends aus. "Doch viele Dinge gehen heute eben nicht mehr", meint er nüchtern.

Und der Sport? Im Sommer dreht er ein- bis zweimal die Woche mit dem Handbike seine Runden. "Um einigermaßen fit zu bleiben", wie er meint. Noch scheint die Zeit nicht reif zu sein, für eine Auseinandersetzung mit der alten Leidenschaft. "Es gibt Menschen, die kamen über die Behinderung zum Sport", sagt Michael Maier. "Bei mir war das umgekehrt." Das Wissen um die Leistungsfähigkeit des eigenen Körpers für den ehemaligen Leistungssportler eine schwere Bürde. Kraft versucht er aus dem Schicksal anderer zu ziehen. Etwa dem des Freiburgers Christian Meyer, zu dem er Kontakt pflegt. Der ehemalige Radsport-Olympiasieger, dessen Karierre nach einem Rennunfall 1994 ebenso abrupt im Rollstuhl endete, hat es geschafft, den Sport wieder zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Wenn er im Rennrollstuhl durch sein Schwarzwälder Trainingsrevier braust, trifft er Radprofis wie Michael Rich oder Jan Ullrich, dessen Heimatort Merdingen gleich um die Ecke liegt.

"Der Mensch ist ein Gewohnheitstier", meint Michael Maier mit leiser Stimme. "Noch bin ich nicht so weit." Die guten und die schlechten Tage, sie kommen in Wellen. Manchmal fällt es ihm schwer, zur Arbeit zu gehen. Dann kommt der Gedanke: "War's das jetzt?" Doch Michael Maier hat gelernt zu kämpfen. Im Training, im Rennen, wenn der Körper an seine Grenzen stieß. Er wird weiterkämpfen, in einer neuen Disziplin, in seinem schwersten Rennen, in dem er Gegner und Teamkamerad zugleich ist.