Lokalsport

Den alten Kumpel gibt‘s jetzt mit Shrimps

Kirchheim. „Pute und Barbecue-Soße“, sagt der Mann mit dem kahl geschorenen Schädel nach kurzem Überlegen – wie ein Sandwich mit seinem Namen schmecken soll, darüber hat Tobias Unger sicher noch nie nachgedacht.

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Peter Eidemüller

Die Frage muss erlaubt sein. Immerhin hat es ein ehemaliger Weggefährte des frisch gebackenen deutschen 60-Meter-Meisters auf die Speisekarte eines Kirchheimer Cafés gebracht. Dort gibt‘s olympiabedingt neben dem Maria-Riesch-Zucchini-Hirse-Puffer und dem Magdalena-Neuner-Dinkelino-Reis auch das Kevin-Kuske-Panini. Kevin Kuske? Da war doch was: Der Potsdamer holte 1998 bei der Junioren-WM Bronze über 4x100 Meter – an der Seite von Tobias Unger. Verletzungsbedingt wechselte Kuske danach von der Tartanbahn in den Eiskanal, gewann bei den letzten drei Olympiaden vier Goldmedaillen im Zweier- und Viererbob. Zur Belohnung gibt‘s den Anschieber von André Lange am Roßmarkt in Kirchheim mit Shrimps, weißen Bohnen und Käse für den kleinen Hunger zwischendurch.

Beeindruckend – findet auch Tobias Unger. „Ein Sandwich, das deinen Namen trägt . . .“, sinniert der 30-Jährige, der zu seinem alten Staffelspezi Kuske übrigens noch Kontakt hat. „Wir mailen ab und zu, als er jetzt in Vancouver war, fast täglich.“ Zehntausende Kilometer von­einander entfernt, waren beide jeweils äußerst erfolgreich. Während der eine im Eiskanal von Whistler zu Gold und Silber raste, sprintete der andere in der Karlsruher Europahalle zu seinem insgesamt elften deutschen Meistertitel.

Angesichts der erschwerten Vorbereitungen sicher einer der wertvollsten in der Karriere von Tobias Unger. Erkältungsbedingt kommt er in der Hallensaison nicht so richtig in Schwung, bestreitet weit weniger Wettkämpfe als geplant. An der Uni jagt zudem ein Termin den nächsten, zwei Tage vor den „Deutschen“ soll Unger eine fünfstündige Handballprüfung ablegen, die er erst im letzten Moment verschieben kann. Der schriftliche Test dazu bleibt ihm trotzdem nicht erspart. Zwischendurch muss er noch seine Wochenendbleibe in München möblieren, pendelt mehrmals die Woche zwischen Teck- und Isarstadt, lebt mehr oder weniger auf Umzugskisten.

Von alldem lässt er sich jedoch ebenso wenig aus der Ruhe bringen, wie vom dramatisch-kuriosen Verlauf des 60-Meter-Endlaufs am vergangenen Samstag. Die Konkurrenz zockt, zuckt und verzieht sich. Mit Julian Reus und Martin Keller müssen gleich zwei Finalteilnehmer nach einem Fehlstart die Bahn verlassen. Alexander Kosenkow diskutiert fast 20 Minuten mit den Kampfrichtern, ob auch er zu früh aus dem Startblock raus ist – die Zuschauer werden unruhig, fangen an zu pfeifen, den restlichen Teilnehmern droht die Konzentration abhanden zu kommen. Unger nicht. Der nach Kosenkow (31) älteste Mann im Feld trommelt die Bahn in 6,66 Sekunden so schnell wie kein anderer runter. „Da hat sich die jahrelange Erfahrung endlich mal bezahlt gemacht“, witzelt er. Altmeister Unger triumphiert über die jungen Wilden: Drei der vier übrig gebliebenen Konkurrenten sind acht Jahre jünger als er.

Weise, wie man im Herbst eines Sportlerlebens offenbar wird, verzichtet Unger trotz erfüllter Norm auf die Hallen-WM in Katar. „Klar wäre das eine tolle Erfahrung“, sagt er, „aber die 60 Meter sind nicht meine Lieblingsstrecke, da bereite ich mich lieber auf die Freiluftsaison vor.“ Der Stellenwert von Titelkämpfen unterm Hallendach ist heuer umso fragwürdiger, als dass die WM in einem Land stattfindet, wo das Thermometer bereits im März auf 40 Grad klettert. Im Schatten.

Sei‘s drum: Unsterblich machen sich Leichtathleten ohnehin nicht in der Halle, sondern im Freien. Auch Tobias Unger hat im Sommer Großes vor. Die Europameisterschaften in Barcelona sind das große Ziel, bei dem der Kirchheimer auf Edelmetall spekuliert. „Ohne die Konkurrenz aus Übersee kannst du da im Einzel und mit der Staffel gut was reißen“, glaubt er, der für dieses Vorhaben ab kommenden Montag wieder Trainingsschweiß vergießen will. „Die letzten paar Tage haben wir ein bisschen Pause gemacht, aber nächste Woche steigen wir wieder voll ein.“

Wie früher (Trainings-)Vogel den (EM-)Wurm fängt, hat er in den vergangenen Tagen bereits üben können. Notgedrungen: In Ungers Nachbarschaft wird eifrig gebaut. „Da ist um 7 Uhr schon richtig Krach, an Schlafen ist nicht mehr zu denken.“ Wie gut, dass es zum Frühstück genügend leckere Möglichkeiten gibt. Ein Kevin-Kuske-Panini zum Beispiel. Wer Shrimps mag . . .