Lokalsport

Der Bergfloh mit dem Kämpferherz

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Wo bitte liegt Tscheboksary? Nie gehört? Bitte schön: Die Hauptstadt der autonomen Republik Tschuwaschien liegt 800 Kilometer östlich von Moskau, ist eine aufstrebende Industriestadt mit 400 000 Einwohnern und steht als solche für einen überaus erfolgreichen Exportartikel. Es war im Sommer 2000 beim Weltcuprennen im saarländischen Sankt Wendel, als die Mountainbike-Elite erstmals auf eine junge Russin aufmerksam wurde, die ausgestattet mit veraltetem Material und einem unbändigen Willen an den Start drängte. Mit einer tiefen Fleischwunde im Oberschenkel, die sie sich tags zuvor im Training zugezogen hatte, und entgegen ärztlichen Rats fuhr die damals 22-Jährige auf Platz 13 mitten hinein in die arivierte Konkurrenz. Schon ein Jahr später stand sie neben Weltmeisterin Sabine Spitz an selber Stelle auf dem Podium.

Ihr Kämpferherz hat sie behalten, doch seit jenem denkwürdigen Tag ist die Welt der Irina Kalentieva eine andere geworden. Im schwäbischen Wasseralfingen hat sie eine neue Heimat gefunden, im Mulitivan Merida Team ein sportliches Zuhause und mit Erfolgscoach Toni Uecker einen Trainer, der ihr Potenzial nicht nur erkennt, sondern offenbar auch auszuschöpfen weiß. Als Vierte im Gesamtweltcup und Dritte in der UCI-Weltrangliste dominiert die 27-Jährige inzwischen gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen Gunn-Rita Dahle und Sabine Spitz das Geschehen im Mountainbike-Weltcup.

Den Abschied von der Heimat hat sie bisher nicht bereut, auch wenn ihr der Schritt nicht leicht fiel. Alleine, der deutschen Sprache nicht mächtig, in einer fremden Welt. "Das war eine schwere Zeit", gesteht sie heute ein. Ohne die Hilfe ihrer Teambetreuer, die sie auch im Alltag nach Kräften unterstützten, hätte sie es damals nicht geschafft. Dabei hat sie gelernt, verbissen für den Erfolg zu kämpfen nicht nur auf der Rennstrecke. Inzwischen spricht sie fließend Deutsch und arbeitet nebenbei hartnäckig an ihrem Sportstudium, das sie im kommenden Jahr an der Universität ihrer Heimatstadt abschließen möchte. Wenn sich andere nach Ende einer kräftezehrenden Rennsaison in den wohl verdienten Urlaub verabschieden, reist sie nach Hause, um die nötigen Prüfungen nachzuholen.

Sie hat das Zeug zum wahren Champion und ist noch lange nicht an ihrer Leistungsgrenze angelangt. Davon sind nicht nur erfahrene Trainer wie Toni Uecker oder Thomas Schediwie überzeugt. Die Kraft, die das nur 1,56 Meter große und 44 Kilogramm leichte Energiebündel am Berg entfaltet, scheint aus dem Nichts zu kommen. Ihre sprichwörtliche Leidensfähigkeit und technische Klasse machte sie innerhalb weniger Jahre zu einer der komplettesten Fahrerinnen in der Weltspitze mit Luft nach oben. Der Schlüssel zum Erfolg ist professionelles Training. "Früher bin ich auch im Training einfach drauf los gefahren", sagt sie. Immer schnell, immer mit Kraft. In diesem Jahr hat sie unzählige Grundlagenkilometer abgespult und dabei deutlich an Stabilität gewonnen. Vier Top-4-Platzierungen im Weltcup und zwei Bundesligasiege in der noch jungen Saison sprechen für sich, und hätte sie eine Erkältung vergangenen Sommer in Athen nicht aller Chancen beraubt, würde heute vielleicht eine olympische Medaille ihren Trophäenschrank zieren.

Am morgigen Sonntag steht Irina Kalentieva bereits zum zweiten Mal beim Alleenring-Rennen am Start. Nach Platz sieben im vergangenen Jahr gibt sie sich auch diesmal zurückhaltend, was ihre Chancen gegen die erfahrene Konkurrenz von der Straße anbelangt. "Ich fühle mich etwas müde", gesteht sie nach den harten Weltcup-Einsätzen der vergangenen Wochen ein. Den Abstecher nach Kirchheim wollte sie sich dennoch nicht nehmen lassen, weil sie vom Alleenring und seiner Kulisse im Vorjahr begeistert war. Nach Absprache mit Trainer Toni Uecker kam man nun überein, das Rennen als schnelle Trainingseinheit einzubauen. Dass sie auch auf der Straße bestehen kann, hat Irina Kalentieva bereits im März bewiesen, mit einem fünften Platz beim Regional-Klassiker "Rund um Schönaich."