Lokalsport

Der „Fluch des Ostens“ und seine Folgen

Zwölf deutsche Meistertitel, aber nur einen davon in den neuen Bundesländern gewonnen: Auf Sprinter Tobias Unger scheint der Fluch des Ostens zu liegen – das maue Abschneiden bei der jüngsten DM in Leipzig hat den Trainer nun reagieren lassen: Unger könnte zum letzten Mal in den neuen Ländern am Start gewesen sein.

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Peter Eidemüller

Kirchheim. Wenn Wolfgang Tiefensee wüsste, was Micky Corucle vorhat, der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder wäre sicher „not amused“: Der Trainer von Tobias Unger will seinen Schützling nach dessen erfolgloser Titeljagd bei der DM in Leipzig nie wieder bei nationalen Titelkämpfen in Ostdeutschland starten lassen. „Wenn das nächste Mal wieder eine Meisterschaft dort stattfindet, gehen wir nicht hin“, sagt der Rumäne, der eine gewohnt unaufgeregte Bilanz des Ungerschen DM-Auftritts zieht. „Warum sollte ich enttäuscht sein? Leichtathletik ist ein Tagesgeschäft – dieses Mal hat es nicht geklappt, aber ich sehe das in Relation zu all den Erfolgen, die Tobias schon hatte.“ Und was ist mit dem Fluch des Ostens? „Natürlich hat der Wettkampfort keinen Einfluss auf die Leistung, aber igendwie scheint Tobias in den neuen Ländern nicht zurechtzukommen.“

Die Statistik gibt Corucle recht: Von den zwölf deutschen Meistertiteln, die Unger bislang im Freien und in der Halle gesammelt hat, gewann er nur einen einzigen auf ostdeutschem Boden – und zwar seinen allerersten im Jahr 2003 über 200 Meter in der Halle. Wo? Ausgerechnet in Leipzig, wo er vor drei Tagen eine seiner schmerzhaftesten Niederlagen einstecken musste. Abgeschlagener Fünfter über 60 Meter in einer Zeit (6,78 Sekunden) jenseits seines wahren Leistungsvermögens. Die Ende vergangener Woche diagnostizierte Entzündung im Knie hatte den Kirchheimer dabei weit mehr ausgebremst, als im Vorfeld vermutet. „Er konnte seinen Laufstil nicht wie gewohnt durchziehen, die langen Schritte wollten nicht mehr klappen“, analysiert der Trainer, der über Beginn und Ursache der Verletzung weiter rätselt. „Es muss schon vor dem Sparkassen-Cup in Stuttgart angefangen haben“, so Corucle, „aber Tobias hat die Entzündung nicht bemerkt, er hatte keine Schmerzen.“

Ein Grund könnte eine misslungene Kraftübung im Ungerschen Keller gewesen sein. Dort absolviert der „Schwabenpfeil“ regelmäßig in Eigenregie die für Sprinter obligatorischen Langhantelübungen. Bei einer Kniebeuge mit 160 Kilo soll Unger zu sehr in die Hocke gegangen sein und das Gleichgewicht verloren haben. Das Kniegelenk sei dabei laut Corucle „irgendwie komisch nach hinten geschnappt“. Gut möglich, dass diese Überreizung, gepaart mit den zahlreichen Meetingeinsätzen, langfristig zum Verschleiß führte, sprich: zu besagter Entzündung, die sogar zu Ungers Verzicht auf die Hallen-EM in zwei Wochen in Turin führte. Seine Verletzung lässt der 29-Jährige nun vom ehemaligen DLV-Chefarzt behandeln, dem Freiburger Orthopäden Dr. Helmut Schreiber. „Er entscheidet auch, wann Tobias wieder mit dem Training beginnt“, so Corucle, der jedoch bereits für kommenden Montag mit ersten leichten Aufbauübungen rechnet – schließlich wirft die WM im August bereits erste zarte Schatten voraus.

Doch, oh Schreck: Die Welttitelkämpe finden ausgerechnet in Berlin, im Herzen der neuen Bundesländer, statt. Den angekündigten Ost-Boykott Ungers dürfte das allerdings nicht tangieren: Das Berliner Olympiastadion steht bekanntlich im ehemaligen Westteil der Stadt.