Lokalsport

"Der Fußball-Herrgott muss ein Deutscher sein"

Deutschland einig Fußballland: Nach der denkwürdigen Gruppenauslosung zur Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land, redet fast jeder schon vom Achtelfinale die Zulosung von Costa Rica und Ecuador als Gruppengegner in der Vorrunde, entfachte nicht nur bei DFB-Cheftrainerf Jürgen Klinsmann ("wir werden's schaffen") offene Vorfreude. Nun wächst der Erwartungsdruck auf die junge Balltreter-Elite aus der Bundesliga erst recht ein kleines Handicap.

THOMAS PFEIFFER

KIRCHHEIM Das sprichwörtliche Losglück trat wieder mal ein: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 trifft die deutsche Nationalmannschaft in der Vorrunde auf Costa Rica, Polen und Ecuador Kontrahenten, die in der aktuellen FIFA-Rangliste die Plätze 21, 23 und 37 belegen. Nicht nur für den früheren VfB-Star Buffy Ettmayer (Notzingen) ist die Gruppe A die mit Abstand leichteste aller in Leipzig "gezogenen" acht Vorrundengruppen. Doch darin liegt auch die Gefahr: Droht den gruppenfavorisierten Deutschen, Weltranglistenplatz 16, früh eine unliebsame Überraschung wegen Unterschätzung der Gegner? Wir haben uns umgehört, was ausgewiesene Fußballinsider und Sportexperten von der (gewagten) Spekulation halten, Deutschland könne im eigenen Land womöglich unfreiwillig für eine frühe Negativ-Überraschung taugen. Arnulf "Archie" Dümmel, 55, ehemaliger Göppinger Handball-Bundesligaspieler und -trainer mit VfL-Vergangenheit aus Nürtingen: "Die Gefahr sehe ich eigentlich nicht, das Trainergespann Klinsmann/Löw hat offensichtlich den richtigen Draht zu den Spielern und wird die richtigen Worte finden. Wichtig ist, dass das Auftaktspiel gegen Costa Rica gewonnen wird, ein 2:1 würde reichen. Natürlich würde nach einem solch mageren Resultat gegen einen vermeintlichen Fußball-Zwerg zwar sofort Kritik aufkommen, weil viele ja mit einem Kantersieg gerechnet haben. Aber man sollte diese Kritik dann nicht überbewerten. Der Erwartungsdruck ist groß für die deutsche Nationalmannschaft im eigenen Land nichtsdestotrotz sollte man immer nur das Turnier als Ganzes betrachten und den Blick nicht auf ein einzelnes Spiel fokussieren."Micky Corucle, rumänischer Erfolgstrainer von 200-Meter-Europameister Tobias Unger: "Ich hab's zweimal bei deutschen Meisterschaften erlebt, als Tobias einen vermeintlich schwächeren Gegner unterschätzt und zwei Mal auf der Zielgeraden verloren hat. Ähnliches kann Deutschland auch passieren, Mannschaften wie Costa Rica und Ecuador werden in diesen Spielen kämpfen als ginge es ums Überleben. Als Sportler muss man in jedem Wettkampf die maximale Leistung abrufen. Im Eröffnungsspiel sollten die deutschen Fußballer auch dann nicht nachlassen, wenn sie beispielsweise 2:0 führen, sondern auf ein höheres Ergebnis spielen. Denn wenn's einmal nicht mehr läuft, kann man den Schalter oft nicht mehr umlegen." Rainer Ziegelin, 44, seit 13 Jahren Fußballtrainer, derzeit beim B-Kreisligisten VfL Kirchheim II: "Seit Franz Beckenbauer hatten wir in Deutschland keinen Nationaltrainer mehr, der frischen Wind brachte, jetzt, mit Jürgen Klinsmann, haben wir solch einen Mann wieder. Dem traue ich zusammen mit Jogi Löw schon zu, dass er die Mannschaft gegen die Außenseiter Costa Rica und Ecuador mental richtig einstellen wird. Allerdings geht ohne 100-prozentigen Kampf gar nichts. Sollten die DFB-Spieler Costa Rica unterschwellig doch unterschätzen, gewinnen sie garantiert nicht." Johann "Buffy" Ettmayer, 59, ehemaliger österreichischer Nationalspieler: "Ich hab' in den 70er-Jahren drei Mal gegen Deutschland gespielt, und deshalb drei Mal verloren, weil wir Österreicher uns vor Angst fast in die Hose gemacht hätten gegen Techniker wie Overath. Doch diese Zeiten sind vorbei. Wenn die Deutschen Gegner wie Costa Rica und Ecuador unterschätzen, ist ihnen einfach nicht zu helfen. Eine leichtere Vorrundengruppe als diese gibt es bei dieser WM nicht. Der Fußball-Herrgott muss wirklich ein Deutscher sein."Rudi Kröner, 63, ehemaliger Bundesligatrainer des FC Kaiserslautern aus Wernau: "Das Achtelfinale wird die Nationalmannschaft auf alle Fälle erreichen, wenngleich sich Deutschland in jüngerer Vergangenheit gerade mit vermeintlich schwachen Gegnern immer sehr schwer getan hat. Auch deshalb, weil Klinsmann in kritischen Situationen nicht immer reagiert. Dennoch hat der Mann etwas bewegt, seine neuen Trainingsmethoden sind nicht schlecht, und seine Schützlinge gehen jetzt anders rein ins Spiel als früher. Ich hoffe, dass die Zeit der personelle Experimente demnächst vorbei ist. Zum Beispiel müsste die Torwartfrage jetzt endgültig geklärt werden."Herbert Leikov, 56, langjähriger Kunstturn-Trainer mit dem Erstbundesliga-Aufstieg der VfL-Frauenriege als größtem persönlichem Erfolg: "Es geht für Jürgen Klinsmann nur darum, in den vermeintlich leichten Gruppenspielen eine klare Marschroute zu bestimmen und den Fokus auf die deutschen Stärken zu richten sich weniger mit den Gegnern zu beschäftigen. Dass es Klinsmann kann, hat er ja schon beim Confederationscup bewiesen. Dass Deutschland bei der Weltmeisterschaft früh scheitern könnte, weil es die Gegner unterschätzt, kann ich mir absolut nicht vorstellen."Christian Gentner, 20, U21-Nationalspieler des VfB Stuttgart aus Beuren: "Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass die Deutschen Costa Rica oder Ecuador unterschätzen, die Motivation, im eigenen Land ein gutes Turnier zu spielen, ist einfach zu groß. Außerdem wird Jürgen Klinsmann, so wie ich ihn kenne, bestimmt die richtigen Worte finden. Der Spielplan ist ideal für uns. Gut, dass wir die starken Polen nicht als Auftaktgegner zugelost bekamen."

Anzeige