Lokalsport

Der neue Unger heißt Schaf

Deutschlands größte Sprinthoffnung ist ab September ein Kirchheimer – DLV-Top-Trio unter der Teck vereint

Seine Geschichte ist so unglaublich, dass die gesamte Leichtathletik-Fachwelt sich die eine, selbe Frage stellt: Wie viel Potenzial steckt in dem Mann aus dem oberschwäbischen Pfullen­dorf? Seit Mai hält Alex Schaf die deutsche Saisonbestmarke über 100 Meter. Mit einem Training, das bisher weder Plan noch Startblock kannte.

Nr. 100: Alex Schaf, VfB StuttgartDLV-Juniorengala in Mannheim (MTG-Stadion, 03.07.2011)Fotograf: Ralf Görlitz, Ginsterweg 10-2,
Nr. 100: Alex Schaf, VfB StuttgartDLV-Juniorengala in Mannheim (MTG-Stadion, 03.07.2011)Fotograf: Ralf Görlitz, Ginsterweg 10-2, 69469 Weinheim / 06201-290326, info@rgsportbilder.de, www.rgsportbilder.de / Bankverbindung: Sparkasse Rhein Neckar Nord, Blz 670 505 05, Konto: 384 706 04 / Steuer-Nr. 47126/53026, Finanzamt Weinheim, Umsatzsteuer 7 %Veröffentlichung nur gegen Honorar und Urhebervermerk. Mit der Honorarzahlung wird ein einfaches Nutzungsrecht erworben. Verwendung außerhalb journalistischer Zwecke nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Urhebers.

Kirchheim. Der erste Eindruck sitzt: Diesen Mann, so denkt man, kann nichts und niemand erschüttern. Nicht nur wegen der gewaltigen Muskelberge, die sich unterm Schlabber-T-Shirt türmen. Alex Schaf ist die Lockerheit in Person. Schön sei sie die neue Wohnung, schwärmt er, und Freundin Elena nickt zustimmend. Dass Schaf ausgerechnet auf dem Schafhof Hof hält, klingt wie ein Witz. Dass die Wohngegend zu Kirchheims Top-Lagen zählt, war ihm vorher nicht bekannt. Was für ihn zählt: Von hier sind es fünf Gehminuten bis zur Tartanbahn im Kirchheimer Stadion – für einen Sprinter wie ihn vielleicht auch weniger.

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Kirchheim ist nicht nur Einstieg in einen neuen Lebensabschnitt. Der erste gemeinsame Haushalt mit der Freundin, zum ersten Mal weg vom Elternhaus im oberschwäbischen Pfullendorf. Kirchheim könnte für ihn der Schlüssel zur großen Karriere in der Leichtathletik werden. Seit vergangenem Jahr hat er einen Sprinttrainer. Zum ersten Mal überhaupt, seit er als 14-Jähriger reichlich spät zur Leichtathletik kam. Sein Trainer heißt Micky Corucle und hat mit Tobias Unger und Marius Broening zwei der schnellsten deutschen Sprinter in seiner Obhut. Anders als die gesamte Leichtathletik-Szene hat Corucle den gebürtigen Ukrainer, der als Achtjähriger nach Deutschland kam, schon länger auf dem Radar. Genauer gesagt, seit er sich als Jugendlicher für den Landeskader aufdrängte. Doch schon damals war das schlampige Talent erkennbar. Kaderlehrgänge besuchte Schaf so gut wie nie. „Weil mir das von zu Hause aus immer zu weit zu fahren war.“ Seiner Leistung scheint dies alles nicht zu schaden. 2004 ist er mit 10,83 Sekunden schnellster B-Jugendlicher in ganz Württemberg und tritt danach lange Zeit auf der Stelle. Er verpflichtet sich für vier Jahre bei der Bundeswehr, trainiert unter miserablen Bedingungen und macht eine Ausbildung zum Fitness-Kaufmann.

Vergangenen Winter schließlich überredete ihn Corucle, von der LG Sigmaringen zum VfB Stuttgart zu wechseln. Die Folge: eine Leistungsexplosion. Bei den Landesmeisterschaften im Sindelfinger Glaspalast sorgt er mit 6,72 Sekunden über 60 Meter für eine neue deutsche Jahresbestmarke. Das gleiche gelingt ihm Ende Mai in Weinheim mit 10,32 im Freien. Auch der DLV kommt am 23-jährigen Senkrechtstarter nicht mehr vorbei: Ende Januar behauptet er sich beim Fünf-Nationen-Kampf in Glasgow erstmals in der europäischen Elite.

Was war passiert? „Ich bin heiß“, sagt Alex Schaf. „Bis vergangenem Jahr habe ich im Training halt irgendwas gemacht.“ Jetzt hat er zum ersten Mal einen Spezialisten als Trainer an seiner Seite, einen ausgeklügelten Trainingsplan und halbwegs professionelle Bedingungen. Das beginnt damit, dass er sich Trainingsbekleidung und Schuhe nicht mehr selbst kaufen muss und endet mit der Tatsache, dass auf der Trainingsbahn plötzlich Startblöcke stehen. „Unter welchen Umständen der Junge trainiert hat, ist unglaublich“ sagt Micky Corucle, der weiß, dass nun Feingefühl gefragt ist. „Wenn du zu viel veränderst, geht der Schuss nach hinten los“, sagt er. Vor allem die Startphase ist ein wesentlicher Schwachpunkt des DM-Dritten, der zugibt, dass ihm viele Trainings­elemente bis heute völlig fremd sind. Sein Vertrauen in seinen Coach ist groß. Das in die eigene Stärke ebenso. Den deutschen Rekord aus dem Jahr 1985, aufgestellt vom damaligen DDR-Athleten Frank Emmelmann (10,06) hält er für machbar. „Wenn ich weiterhin professionell trainiere“, sagt er, „komm ich da irgendwann hin“. Ein langwieriger Prozess vermutlich, der deshalb so schwierig ist, weil er sich unter Druck vollziehen muss. Schaf ist plötzlich kein Unbekannter mehr. Seine Chancen, am 13. August als sechster Mann ins Staffelaufgebot für die WM in Südkorea nachzurücken, stehen gut, und auch sein Trainer nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er sagt: „Ich will ihn 2012 bei Olympia haben.“

Dafür braucht es geordnete Verhältnisse, die konzentriertes Training ermöglichen. Die Unterschrift unter den Mietvertrag war am vergangenen Dienstag der erste Schritt. Jetzt be­ginnt die Jobsuche. Schaf ist überzeugt: „Ab nächstes Jahr geht‘s richtig ab.“ Dass er immer häufiger mit Tobias Unger verglichen wird, stört ihn nicht. „Ich freue mich, hier in Kirchheim mit den Besten trainieren zu können.“ Damit wird die Teckstadt von September an endgültig zum Stützpunkt der deutschen Sprintelite. Zur Freude von Micky Corucle, der weiß: Konkurrenz belebt das Geschäft.