Lokalsport

Der Prinzipientreue mit dickem Fell

Der neue VfL-Trainer Rainer Kraft verspricht 100-prozentigen Einsatz für den Verein

Ab der kommenden Saison weht ein professionellerer Wind an der Jesinger Allee: Mit Rainer Kraft übernimmt zum 1. Juli erstmals in der Vereinsgeschichte ein hauptamtlich tätiger Trainer den VfL. Im Interview spricht der 47-jährige Fußballlehrer, der momentan in Aserbaidschans Hauptstadt Baku auf DFB-Ausbildungsmission weilt, über seine Ziele mit dem VfL, seinen letzten Trainerjob im Iran und Schuhverkäufer in Afrika.

Peter Eidemüller

Kaum sind Sie in Baku angekommen, spuckt der Vulkan auf Island wieder fleißig Asche. Keine Sorge, dass Sie länger als geplant in Aserbaidschan festsitzen könnten?

RAINER KRAFT: Da habe ich keine Bedenken, irgendwo gibt es immer einen Weg. Zur Not fahre ich eben mit dem Auto.

Anfang des Jahres sind Sie aus Teheran zurückgekommen, jetzt sind Sie schon wieder in Aserbaidschan – sind Sie Fußballwandervogel aus Überzeugung oder Leidenschaft?

KRAFT: Weder noch. Ich reise einfach gerne und lerne gerne Neues kennen. Außerdem ist es eine Ehre für mich, an diesem Projekt hier in Baku mitzuwirken.

Trotzdem mutet es seltsam an, nach einer Jobzusage, wie nun in Kirchheim geschehen, gleich für drei Wochen zu verschwinden, oder?

KRAFT: Das ist ja kein Weglaufen. Das Angebot, nach Baku zu gehen, hatte ich schon länger angenommen. Außerdem habe ich das mit dem VfL geklärt, die hatten kein Problem damit.

Nach Ihrer Rückkehr aus dem Iran wurden Sie mit den Worten zitiert, dass es schon mit dem Teufel zugehen müsste, wenn Sie keinen Trainerjob bei einem Dritt- oder Viertligisten bekommen würden. Wie passt das mit Ihrem Anheuern beim VfL zusammen?

KRAFT: Der Verein hat sich eben teuflisch gut verkauft. Nein, im Ernst: Was der VfL in Zukunft vorhat, hat mir einfach so gut gefallen, dass die Ligazugehörigkeit keine so große Rolle mehr gespielt hat. Ein wichtiger Grund war aber natürlich auch, dass ich in Kirchheim als hauptamtlicher Trainer tätig sein kann. Das war mir nach den vielen Jobs als Co- oder Assistenztrainer sehr wichtig.

Sie haben beim VfL einen Vorvertrag unterschrieben, der eigentliche gilt erst ab 1. Juli. Was, wenn bis dahin doch noch ein Drittligist bei Ihnen anklopft?

KRAFT: Ich habe unterschrieben, alles andere interessiert mich nicht mehr. Wer mich kennt, weiß, dass ich zu meinem Wort stehe.

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Aufgabe beim VfL vor?

KRAFT: Im Vorfeld meiner Baku-Reise habe ich alle Informationen gesammelt, die ich kriegen konnte, bin mit den Verantwortlichen auch den aktuellen Kader durchgegangen. Momentan stehe ich in regem E-Mail-Kontakt mit den Interimstrainern Oliver Otto, Thomas Stumpp und Geschäftsführer Walter Rau. Die halten mich auf dem Laufenden.

Sie haben die Mannschaft beim 0:2 gegen Durlach vor zwei Wochen beobachtet. Manch anderer Trainer hätte angesichts der Leistung, die die Mannschaft dort ablieferte, den Posten dankend abgelehnt . . .

KRAFT: Die 20 Minuten, die ich mir da angeschaut habe, kann man nicht als Maßstab nehmen, das war nur ein kleiner Ausschnitt der Saison. Die momentane Situation beim VfL erinnert mich an den Witz der Schuhfirma, die zwei Verkäufer nach Afrika schickt. Kaum dort angekommen, ruft der eine an: „Chef, hier werden wir nichts verkaufen, die laufen alle barfuß rum.“ Der andere sagt: „Chef, schmeiß die Produktion an, hier werden wir reich: Die brauchen alle Schuhe.“

Ist der VfL so gesehen eine größere sportliche Herausforderung als ein iranischer Erstligist?

KRAFT: Das kann man nicht vergleichen. Esteghlal Teheran ist ein asiatischer Topclub, der problemlos in der Bundesliga mithalten könnte, von den Strukturen her aber sicher amateurhafter geführt als der VfL.

Welche Erfahrungen aus Ihrer Teheraner Zeit glauben Sie in Kirchheim besonders gut gebrauchen zu können?

KRAFT: Egal, wo du arbeitest: Erfolg hast du nur, wenn du Prinzipien hast und mit Disziplin einen Plan verfolgst. Ich habe schon so viel erlebt in meiner Laufbahn, mich kann nichts mehr erschüttern, ich habe ein relativ dickes Fell.

Sie kommen in einer Zeit nach Kirchheim, in der der VfL an einem sportlich-organisatorischen Scheideweg steht. Was dürfen Fans, Funktionäre und Spieler von Ihnen erwarten?

KRAFT: 100-prozentigen Einsatz für die Sache, für den Verein. Dabei habe ich aber nicht nur die erste Mannschaft im Blick. Wir wollen sukzessive den Nachwuchs voranbringen und eine ganz enge Verzahnung zwischen Jugend- und Aktivenbereich.

Zuletzt hatte es zwischen Trainer, Spielern und Funktionären eklatante Kommunikationsprobleme gegeben. Wie wollen Sie dem begegnen?

KRAFT: Ich kann doch aus der Ferne gar nicht beurteilen, welche Probleme sich da aufgetan haben. Die Zukunft wird auf jeden Fall so aussehen, dass wir uns im Verein alle regelmäßig zusammensetzen und austauschen.

Sie sind der erste hauptamtlich tätige Trainer des VfL. Begreifen Sie das als Bürde oder Chance?

KRAFT: Auf jeden Fall als Chance, sowohl für mich und den Verein. Ich werde sicher nicht als Mädchen für alles fungieren, aber dank des breiten Entscheidungsspektrums, das ich habe, kann ich sicher auch organisatorisch viel bewirken. Ich muss mir auf jeden Fall Leute suchen, die für den Erfolg mitziehen. Da wird sich sicher in Zukunft die Spreu vom Weizen trennen, aber Erfolg hat eine riesige Sogwirkung. Ich bin aber auf jeden Fall einer, mit dem man gut „g`schirren“ kann.

Noch offen ist, wer Ihr Co-Trainer wird . . .

KRAFT: Oliver Otto ist sicher ein heißer Kandidat, zumal er bei den Spielern als Führungspersönlichkeit anerkannt ist. Wir werden noch mit ihm reden. Ich hätte aber auch noch andere Kandidaten in der Hinterhand.

Zuckerbrot oder Peitsche: Auf was für eine Art Trainer müssen sich die Spieler einstellen?

KRAFT: Sagen wir mal so: Wer Lust hat, nach meinen Vorstellungen zu arbeiten, wird Spaß haben. Wer keine Lust hat, wird keinen Spaß haben. Auch hier wird in Zukunft genau darauf geachtet, wer gewillt ist, am Vorankommen der Mannschaft und damit des Vereins mitzuwirken.

Wird in Ihrem Windschatten vielleicht noch der eine oder andere hochkarätige Spieler nach Kirchheim wechseln?

KRAFT: Das kann ich noch nicht sagen, vorstellbar ist vieles. Aktuell haben wir jedoch einen Kader, der bis kurz vor Weihnachten auf Platz eins der Oberliga stand. Ich finde, dass wir diesen Spielern erstmal das Vertrauen entgegenbringen sollten, was nicht heißen soll, das wir auf der einen oder anderen Position keine Verstärkungen bräuchten.

Wie geht’s weiter, wenn Sie wieder in Deutschland sind?

KRAFT: Ich komme am 22. Mai zurück aus Baku und hoffe, dass ich die beiden letzten Spiele des VfL noch anschauen kann. Ich werde aber nicht auf der Bank sitzen, Wann ich mich der Mannschaft vorstellen werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht auf der Feier nach dem letzten Spiel, mal sehen. Aber die Spieler werden mich noch früh genug kennenlernen (lacht). Auf jeden Fall werde ich mir noch einen Trainingseindruck verschaffen. Dann werde ich mir bis zum ersten Training Ende Juni einen Arbeitsplatz im Stadion suchen. Als hauptamtlicher Trainer werde ich viel und oft vor Ort sein. Da passt es ganz gut, dass ich in Stuttgart wohne und schöne kurze Wege habe.

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