Lokalsport

Der Psychologe mit dem Schraubenschlüssel



BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Er ist der Mann für

(O:27070409.JP_die Punktlandung. Wenn der Startschuss fällt, ist seine Arbeit beendet. Dann müssen die Fahrer in den Magentafarbenen Trikots sich allein da-rauf konzentrieren, was sie am besten können: das Fahren. Wenn das Material sich sperrt oder die Feinabstimmung zu wünschen lässt, bekommt er es als Erster zu spüren. Dann fallen beim Zieleinlauf oder schon während des Rennens mitunter deutliche Worte. Er ist's gewöhnt und weiß es richtig einzuordnen: "Der psychische Stress im Rennen ist enorm, da darf man nichts persönlich nehmen", weiß Daniel Hespeler. "Als Schrauber bist du eben der Prellbock."



Zumindest einer Freundschaft hat dies bisher nicht geschadet: Mit Lado Fumic pflegt der 25-Jährige seit zehn Jahren ein enges Verhältnis. Als Teamkollege und Trainingspartner bestritt er im deutschen Juniorenkader etliche Rennen an der Seite des heutigen Weltklasse-Profis, bis eine Knieverletzung ihn vor fünf Jahren zum Aufhören zwang. Und auch beim Einstieg als Servicemann im Bonner Profi-Rennstall war es der ältere der beiden Fumic-Brüder, der eine Lanze für seinen Weggefährten brach. Seit zwei Jahren ist er nun Chef der zweiköpfigen Servicecrew im T-Mobile-Team. Mehr als 100 Tage des Jahres verbringt "Hepse" mit seiner mobilen Werkstatt auf der Straße, reist von Renntermin zu Renntermin. Durch Deutschland, durch Europa, inzwischen auf der ganzen Welt. "Es ist ein toller Job", sagt er. "Du kommst viel herum und du hast Erfolgserlebnisse, vorausgesetzt, du bist mit dem Herzen bei der Sache."



Zwei bis drei Tage der Woche verlegt Daniel Hespeler seinen Arbeitsplatz an den Team-Stützpunkt, der seit April dieses Jahres die Kirchheimer Alleenstraße als Adresse hat. Der Einfluss der beiden Fumic-Brüder und die Tatsache, dass fünf der sechs Magentafahrer aus der näheren Umgebung stammen, haben dazu beigetragen, dass Kirchheim den Vorzug vor der Landeshauptstadt erhielt. Tür an Tür mit Teammanager Florian Kurz arbeitet Hespeler in fast klinisch reiner Umgebung. Schmutz starrende Putzlappen oder ölver-schmierte Schraubenschlüssel sucht man hier vergebens. Ähnlich wie im Motorsport stehen auch in der Formel Eins des Radsports Sauberkeit und Präzision an erster Stelle. Die Kirchheimer Schaltzentrale des Teams T-Mobile, das ist Logistikzentrum, Werkstatt und Konferenzstätte in einem. Von hier aus werden Sponsoren betreut, Termine koordiniert und Ersatzteile geliefert. Über mangelnde Arbeit kann sich Daniel Hespeler während der Rennsaison nicht beklagen. Mit zwei Hardtails, einem Fully und einem Straßenrad verfügt jeder Fahrer im Team über vier verschiedene Bikes. Das sind 24 Fahrräder, die gereinigt, gewartet und neu justiert werden wollen nach individuellen Wünschen, versteht sich. Vieles von dem bedarf keiner Worte. "Wenn du selbst Rennen gefahren bist, weißt du, worauf es ankommt", meint Hespeler. Dennoch bleiben jede Menge Fragen, die im engen Kontakt mit den Fahrern geklärt werden müssen. Wie ist die Strecke beschaffen, wie sind die Wetterprognosen? Die Entscheidung, ob Hardtail (nur vorne gefedert) oder Fully, die Frage nach der richtigen Bereifung, der richtigen Übersetzung oder der passenden Fahrwerkabstimmung beantworten die Fahrer selbst. "Ein Profi definiert sich in der Eigenverantwortung", meint Teammanager Florian Kurz.



Ohne ein feines Gespür für die Eigenheiten und mitunter auch Marotten der einzelnen Fahrer, wäre Hespelers Job freilich kaum von Erfolg gekrönt. Vieles von dem, was im Rennen über Sekunden entscheidet, hat schlicht mit Psychologie zu tun. Das fordert auch von einem Mechaniker neben handwerklichem Können viel Einfühlungsvermögen und diplomatisches Geschick. Wer die unterschiedlichen Charaktere der Fahrer kennt, geht manchem Ärger aus dem Weg. Da ist beispielsweise der Perfektionist im Magentateam: "Lado spürt förmlich jede Schraube, die nicht absolut fest sitzt", plaudert der Werkstattboss locker aus dem Nähkästchen. Feinste Abweichungen bei der Justierung von Schaltung oder Bremse ziehen dabei schon einmal Manöverkritik der harscheren Art nach sich. Während Bruder Manuel und der Weilheimer Marc Gölz mit dem Prädikat "pflegeleicht" versehen werden ("Mach du mal"), nehmen andere die Sache gerne selbst in die Hand. Der Bissinger Stefan Sahm und auch Olympiasieger Bart Brentjens gelten als die "Heimwerker" im Team. Das freilich macht die Arbeit für den Mechaniker nicht immer einfacher: "Hin und wieder muss man denen schon auf die Finger schauen", meint Hespeler mit einem Grinsen.



Ist der Startschuss gefallen, muss das "Setup" wie es im Fachjargon heißt, stimmen. Anders als im Straßenradsport sind die Mountainbiker während des Rennens auf sich selbst gestellt, auch wenn die Topfahrer per Funk ständig mit der Teamleitung in Kontakt stehen. Der Servicecrew indes bleibt nur die Rolle des Zuschauers. Jeder Fahrer hat während des Rennens ein Mini-Werkzeug bei sich, um kleinere Defekte selbst beheben zu können. Größere Schäden hingegen bedeuten immer das Aus. Ganze Radwechsel, wie man sie bei Straßenrennen häufig sieht, sind für die Geländespezialisten nach wie vor tabu. So will es das Reglement des internationalen Verbands UCI.



Zwei Tage vor der Abreise am Freitag nach Athen laufen die Vorbereitungen in der Alleenstraße auf vollen Touren. Da wird jedes Kettenglied nocheinmal geprüft und das letzte Gramm Gewicht eingespart. Technisch freilich sind die Räder längst in optimalem Zustand. "So kurz vor dem entscheidenden Tag geht es nur noch um psychologische Effekte", meint der Servicemann. Wenn am Samstag in einer Woche am Mount Parnitha der Startschuss fällt, steht der 25-Jährige in der zweiten Reihe, denn bei Olympia liegt auch die technische Betreuung in Händen der nationalen Verbände. Eine Tatsache, über die man nicht nur im T-Mobile-Rennstall alles andere als glücklich ist. "Wir arbeiten vier Jahre lang auf die Olympischen Spiele hin", meint Teammanager Florian Kurz mit kritischem Unterton, "um im entscheidenden Moment das Heft aus der Hand zu geben."

Servicearbeit ist Vertrauenssache: T-Mobile-Chefmechaniker Daniel Hespeler (Mitte) mit Lado und Manuel Fumic (rechts).

Foto: Jean-Luc Jacques