Lokalsport

Der Schlaks mit dem "richtigen Hebel"

Chance erkannt, Chance genutzt. Fabian Gutbrods Kurs im Dress der deutschen Handball-Junioren, so würde man im Börsenjargon formulieren, "schloss vor Weihnachten freundlich." Nach seinem gelungenen Debüt bei den vier erfolgreichen Test-Länderspielen gegen Tschechien und Polen sind die Aktien des 19-Jährigen aus Owen gestiegen.

BERND KÖBLE

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OWEN Der Bundesadler spannt sich etwas breiter über der Brust als noch im vergangenen Jahr. Das hat weniger mit Stolz als vielmehr mit schweißtreibenden Einheiten im Kraftraum zu tun. Fabian Gutbrod kennt seine Schwächen und er arbeitet hartnäckig daran. 96 Kilo bringt der 1,99 Meter lange Schlaks auf die Waage. Das klingt stattlich, ist aber zu wenig. Während andere an Weihnachten einen weiten Bogen um die Waage machen, hat er die 100-Kilo-Marke fest im Visier.

Seine Athletik ist das derzeit vielleicht einzige Manko. "Daran muss er arbeiten", sagt Bundestrainer Martin Heuberger über seinen Schützling, dessen zarte Blässe im Gesicht so gar nicht zum eisernen Händedruck passen will. Im direkten Zweikampf fehlt ihm zwar häufig das Stehvermögen, doch wehe man lässt im Raum, um seine Wurfstärke auszuspielen. Dann kann er an guten Tagen zum Matchwinner werden oder seiner Mannschaft zumindest einen Teilerfolg sichern wie vergangenen Samstag, als er mit dem Abpfiff dem TV Neuhausen einen Punkt rettete und dafür sorgte, dass die Ermstäler gegen die Bundesligareserve der Rhein-Neckar-Löwen in der Regionalliga im Titelrennen bleiben.

Tore sind nicht alles im Handball, aber sie sind noch immer die beste Empfehlung, wenn es darum geht, Entscheidungen treffen zu müssen. Spätestens im Februar muss Martin Heuberger wissen, mit welcher Mannschaft er einen Monat später die EM-Qualifikation gegen Island, Norwegen und Belgien bestreiten will. Dafür wurde in den vergangenen Wochen ausgiebig getestet. In vier Spielen, zunächst gegen Tschechien und vergangene Woche gegen erschreckend schwache Polen gab es vier klare Siege und 14 Treffer Marke Gutbrod. Nicht der einzige Grund, weshalb sich der 19-Jährige berechtigte Hoffnungen auf weitere Einsätze machen darf. "Fabian hat in spielerischer Hinsicht im vergangenen Jahr einen großen Schritt nach vorne gemacht", glaubt nicht nur Vater Wolfgang, der dem Filius folgt, wo immer dieser auf dem Spielfeld steht. Auch DHB-Trainer Heuberger ist von den Qualitäten des seitherigen Jugend-Nationalspielers überzeugt: "Er hat sicher Perspektiven in der Mannschaft", meint der zweite Mann hinter Bundestrainer Heiner Brand. "Er hat ein gutes Auge, die richtigen Hebel und eine gute Wurftechnik." Im halblinken Rückraum, wo sich fünf Kandidaten für einen Stammplatz in der Junioren-Auswahl bewerben, sieht Heuberger den jungen Owener "leicht im Vorteil", auch wenn er klar stellt: "Es gibt keinen Überflieger auf dieser Position."

Die Schuhe, die ein Spielmacher vom Schlage Martin Strobels oder ein bundesligaerfahrener Linksaußen wie Uwe Gensheimer hinterlassen haben, sind groß. Gensheimers neuer Teamkollege bei den Rhein-Neckar-Löwen ist gleichzeitig auch neue Leitfigur im aktuellen Junioren-Team: Rechtsaußen Patrick Grötzki ist einer der wenigen in der neu formierten DHB-Auswahl mit Ambitionen auf einen Stammplatz in der Bundesliga. Beim Vizeweltmeister und amtierenden Europameister wird im kommenden EM-Jahr folglich viel davon abhängen, wie gut sich die Nachrücker in die Mannschaft integrieren lassen. Martin Heuberger weiß um den Druck, der damit verbunden ist und hält vorsorglich die Hand über seine Debütanten . "Die Jungs müssen sich nicht gleich an den Erfolgen ihrer Vorgänger messen", meint er. "Zunächst ist es wichtig, dass wir uns für die EM qualifizieren."

2008 heißt für Fabian Gutbrod auch, Verpasstes nachzuholen. Durch die beiden DHB-Lehrgänge im Herbst hat er nicht nur eine Menge Unterrichtsstoff, sondern auch zwei Musterungstermine versäumt. Nach den Prüfungen zur Fachhochschulreife an der Kirchheimer Schöllkopfschule im Frühjahr muss er sich entscheiden, ob er im Anschluss seinen Wehrdienst ableisten oder sich um einen Studienplatz bewerben will. Martin Heuberger hat ihm die erste Option aus sportlichen Gründen ans Herz gelegt. Die Handballer der Sportförderkompanie der Bundeswehr trainieren am Olympia-Stützpunkt im westfälischen Warendorf, wo Heuberger die Fäden zieht.

Nicht die einzige Entscheidung, die das Nachwuchstalent im kommenden Jahr zu treffen hat. Mit seinem Stammverein, dem TV Neuhausen, kämpft er im zweiten Jahr in Folge um den Aufstieg in die zweite Liga. Nach der Dominanz der Coburger in der vergangenen Saison, drückt mit dem HC Erlangen in diesem Jahr erneut ein Frankenteam der Regionalliga seinen Stempel auf. Martin Heuberger legt seinem Schützling im Falle des Nichtaufstiegs einen Wechsel nahe: "Die zweite Liga wäre für seine sportliche Entwicklung ein wichtiger Schritt."

TVN-Trainer Kurt Reusch sieht dies naturgemäß anders. Das Wort des langjährigen Mentors hat beim 19-Jährigen Gewicht, und Reusch ist keiner, der lange um den heißen Brei redet: "Wenn er gehen will, soll er gehen. Ich rate ihm, dass er bleibt." Nach dem endgültigen Abschied von Allrounder Tim Kneule, der wie Fabian Gutbrod mit einem Zweitspielrecht bei Frisch auf Göppingen ausgestattet ist und im kommenden Jahr nun ganz unter den Hohenstaufen in die Bundesliga wechseln wird, fiele dem Owener beim TVN künftig eine Führungsrolle zu. Und was meint der Betroffene selbst dazu? "Über einen Wechsel denke ich nicht nach", meint er. Die Begründung ist so knapp wie einleuchtend: "Weil wir dieses Jahr aufsteigen werden."