Lokalsport

"Der Sport ist nicht das Wichtigste in meinem Leben"

Bevor sie mit der Leichtathletik anfing, war Anja Wackershauser zehn Jahre lang erfolgreiche Turnerin. Inzwischen zählt die blond gelockte Kirchheimerin und 100 m-Spezialistin zu den größten deutschen Nachwuchshoffnungen im Sprint.

MORITZ HÖNIG

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KIRCHHEIM Erst mit 14 Jahren entschied sich Anja Wackershauser gegen das Turnen und für die Leichtathletik, was angesichts ihrer mittlerweile vielen Erfolge wohl die richtige Entscheidung war. Die frisch gebackene Vizemeisterin über 100 m bei den baden-württembergischen Meisterschaften hat den Spaß am Turnen aber nie verloren. "Wenn mir manchmal während des Trainings im Stadion die Hochsprungmatte ins Auge fällt, muss ich da einfach drauf und einen Salto machen", lacht die 18-jährige Kirchheimerin.

Vier Jahre war Anja Wackershauser alt, als sie in der Konrad-Widerholt-Halle beim Mutter-und-Kind-Turnen am Vorhang vorbei den nebendran trainierenden Aktiven zusah und sofort Feuer fing. Viele Jahre lang war Anjas Sport das Turnen: "Ich habe immer gern geturnt, war aber zu unbeweglich und hatte Angst um meinen Rücken." Mit zwölf brachte ihr Onkel Martin Moll, Vorsitzender der LG Teck, sie zur Leichtathletik. Ein Jahr später wurde Anja Sechste bei den deutschen Meisterschaften im gemischten Sechskampf (ein Wettkampf bestehend aus drei Turn- und drei Leichtathletikdisziplinen).

Aufgrund der größeren Erfolge entschied sie sich mit 14 vollends für die Leichtathletik, wechselte zum VfL Kirchheim und wird seitdem von Startrainer Micky Corucle trainiert. "Meine Stärken lagen schon immer im Sprint, und beim VfL konnte ich richtig auf Leistung trainieren," begründet Anja ihren Wechsel. Seitdem heißt es vier Mal die Woche Training, im Winter kommen noch zwei Einheiten Krafttraining dazu. Diese absolviert sie seit dem vergangenen Winter zusammen mit ihrer Vereinskameradin Katja Holder im heimischen Keller. "Nach anfänglichem Konkurrenzdenken sind wir jetzt super Freundinnen," freut sie sich. "Wir haben den gleichen Trainingsplan und motivieren uns gegenseitig." Im vergangenen Jahr wurden die beiden zusammen mit Ann-Kathrin Fischer und Melanie Föll Zweite über 4 x 100 m bei den deutschen Jugendmeisterschaften. "Wir haben auf der Bahn getanzt, ein unvergessliches Erlebnis", erinnert sich Anja gerne an ihren bislang größten Erfolg.

Für dieses Jahr hat sie sich die Zwölf-Sekunden-Marke als Ziel gesteckt. "Im Winter musste ich wegen einer Lungenentzündung vier Wochen mit dem Training aussetzen, und auch die letzten Wochen konnte ich wegen einer Oberschenkelzerrung nicht voll trainieren" erzählt die 100 m-Spezialistin von ihrem bisherigen Seuchenjahr. Trainer Micky Corucle muss seinen Schützling auch mal bremsen: "Anja sagt kein Wort, wenn sie Schmerzen hat." Umso besser, dass der Trainer sofort merkt, wenn etwas mit seinen Athleten nicht stimmt. "Er kennt uns gut, die Gesundheit geht bei ihm immer vor", merkt Anja an. Und auch wenn das Training hart ist und einem bei den Tempoläufen öfters mal schlecht wird, ist Anja voll des Lobes über ihren Trainer: "Ich kann mir keinen besseren vorstellen. Er bringt mich voran."

Trotz ihres Erfolgs bleibt die "Unproblematische" (Micky Corucle) auf dem Boden und wartet mit einer überraschenden Erkenntnis auf: "Sport ist nicht das Wichtigste in meinem Leben." Obwohl die Schule nur "nebenbei läuft", ist Anja, die auf dem Ludwig-Uhland-Gymnasium die zwölfte Klasse besucht, eine sehr gute Schülerin, der neben Sport vor allem Religion Spaß macht. Der Glaube spielt eine große Rolle in Anjas Leben. "Mein Traum ist es, nach dem Abitur auf die Bibelschule nach Toronto zu gehen." Neben dem Glaube sind Anja vor allem ihre Freunde wichtig, für die sie "aber leider oft zu wenig Zeit hat". Wenn kein Wettkampf vor der Tür steht, geht sie gerne weg, macht lange Filmabende oder träumt von ihrem Lieblingsreiseziel Österreich. "Die Kultur, der Dialekt, das Essen und die Leute sind einfach toll", schwärmt sie. Da ist es auch kein Wunder, dass sie sich letztes Jahr einfach in den Zug gesetzt hat, um zu einem Meeting nach Innsbruck zu fahren, wie sie mit einem breiten Grinsen erzählt. Dass sie gewonnen hat, erzählt die bescheidene Sprinterin erst auf Nachfragen.

Die Leidenschaft für den Sport scheint der Frohnatur in die Wiege gelegt. Schon ihre Mutter war Leichtathletin und hat geturnt, ihr Vater, Enrico Wackershauser, ist ein lebendes Handball-Denkmal unter der Teck. Er führte in den 80er-Jahren den VfL Kirchheim in die Oberliga und schaffte anschließend sogar den Sprung in die Erstklassigkeit. "Früher habe ich ihm immer zugeguckt. Selber Handball hab ich aber nicht gespielt, ich kann weder werfen noch fangen," lacht sie und erzählt weiter: "Ohne meine Eltern wäre ich nicht so weit gekommen". Überall hinfahren müssen sie ihre Tochter inzwischen nicht mehr, da sie seit Dezember in Besitz des Führerscheins ist. Mit Freude fährt sie in ihrem alten Audi 100 durch die Gegend. Dass der schon 350 000 Kilometer auf dem Buckel hat, stört sie nicht: "Den fahr' ich so lange, bis er stehen bleibt."

Vielleicht führt ihr Weg ab der nächsten Saison öfters mal nach Kornwestheim. Es ist gut möglich, dass die erfolgreichen VfL-Sprinterinnen Tobias Unger zum LAZ Salamander folgen. Dass die Entscheidung dabei nicht bei ihr liegt, weiß Anja und betont, dass es für sie etwas besonderes ist, ihren Heimatverein auf nationaler Ebene zu vertreten: "Ich würde gerne noch lange für den VfL laufen."