Lokalsport

Der Stehaufmann

Mountainbike Manuel Fumic steht am Dienstag beim Weltcuprennen in Nove Mesto am Start – dreieinhalb Monate nachdem er mit Knochenbrüchen die Intensivstation verlassen hat. Von Bernd Köble

Der Respekt der Konkurrenz ist ihm schon jetzt sicher: Manuel Fumic hat unglaubliche Wochen hinter sich.Foto: Armin Küstenbrück
Der Respekt der Konkurrenz ist ihm schon jetzt sicher: Manuel Fumic hat unglaubliche Wochen hinter sich. Foto: Armin Küstenbrück

Schlüsselbein- und Schulterblattfraktur, sechs Rippenbrüche, schwerste Prellungen und eine Einblutung in der Lunge - als Manuel Fumic Anfang Juni auf der Intensivstation der Tübinger Uniklinik aus der Narkose erwacht, versuchen ihm die Ärzte klarzumachen, dass an Radsport in diesem unglückseligen Jahr nicht mehr zu denken ist. Die Folgen seines kapitalen Sturzes auf einer Trainingsrunde im Tiefenbachtal sind so gravierend, dass viele Kenner der Mountainbike-Szene fest mit dem vorzeitigen Karriereende des 38-Jährigen rechnen.

Experten können irren - Ärzte eingeschlossen. Dabei hätte ein einziger aufmerksamer Blick gereicht. Auf jenes Foto, das Deutschlands erfolgreichster Mountainbiker noch aus dem Krankenbett auf Instagram postete und das erahnen ließ: Hier kämpft einer nach eigenen Regeln. Ein mühsames Lächeln hinter Drainageschläuchen, ein trotzig empor gereckter Daumen. Die Botschaft war klar: Leute, das war‘s noch nicht. Am vierten Tag sitzt Fumic daheim in Lindorf im Sattel auf der Rolle, um, wie er sagt, den Kreislauf wieder in Takt zu bringen. Eine Woche später absolviert er seine erste Trainingseinheit im Freien auf dem Bike.

Die Geschichte, die so unglaublich klingt, ist damit nicht zu Ende. Anfang September, als die Form zurückzukehren scheint, ist auch Fumic zurück: in der Klinik. Magenschmerzen entpuppen sich als akute Blinddarmentzündung. Er wird sofort operiert, gerade noch rechtzeitig, wie sich herausstellt. Ein durchgebrochener Blinddarm kann lebensbedrohlich sein. Die harmlosere Nachricht: zwei Wochen striktes Trainingsverbot. Aus der Traum vom unfassbaren Comeback. Wirklich?

Von Montag kommender Woche an trifft sich die Weltelite im Mountainbikesport im tschechischen Nove Mesto zu einem drastisch verkürzten Weltcupprogramm im Jahr der Pandemie. Zwei Läufe innerhalb nur einer Woche, davor jeweils ein Shorttrack-Rennen im Quali-Modus. Für viele die Chance, auf dem Weg zu den Olympischen Spielen im nächsten Jahr in Tokio, die letzten Zweifel auszuräumen. Zweifel, die einer wie Fumic nicht kennt. Am Dienstag wird er in Nove Mesto am Start stehen. Dreieinhalb Monate nach Verlassen der Intensivstation.

Dass ein starker Wille Berge versetzen kann, ist mitunter mehr als eine Plattitüde. „Ich habe eine knappe Woche gebraucht, bis mir klar war, dass ich diese Herausforderung annehmen werde“, sagt Manuel Fumic. Er kennt seinen Körper. Den seiner Gegner kennt er nicht. Wie groß seine Furcht ist, dem Feld weit abgeschlagen hinterher zu fahren? Er lacht. „Ich gewinne doch schon die ganze Zeit“, meint er. „Von Tag zu Tag.“

Zum ersten Mal geht er ohne jeden Druck in ein Rennen. Ein Platz unter den ersten 30, wenn‘s gut läuft in den Top 20, das hält er nicht für abwegig. Beim Team Cannondale freut man sich, dass er überhaupt wieder dabei ist. Den Anschluss finden, Rennhärte spüren - darum geht es. Ob der Körper mitmacht, ist die eine Frage. Was der Kopf macht, eine ganz andere. Nove Mesto zählt zu den technisch anspruchsvollsten Strecken im Weltcup. Wer hier im hinteren Teil des Feldes in Positionskämpfe verwickelt ist, riskiert besonders viel. Die Sturzgefahr fährt immer mit. Er weiß, was ihn erwartet. Das meiste in den zurückliegenden Wochen sei Kopfarbeit gewesen, betont Manuel Fumic. „Ich weiß, dass ich mental stark bin.“

Olympia vor Augen

Bis zur anschließenden WM im österreichischen Leogang bleiben zwei Wochen. Zeit, um weiteren Boden gut zu machen. Auch ohne zählbares Ergebnis in dieser ungewöhnlichen Saison, die A-Norm für Olympia hat Manuel Fumic bereits zweimal geliefert. Größte Gefahr für seine fünfte Teilnahme an Olympischen Spielen bleibt ein Virus. Läuft alles nach Plan, könnte er sich im Sommer 2021 zufrieden in den sportlichen Ruhestand verabschieden. Mit etwas Glück sogar gesund.

Red Bull TV überträgt live

Das Webportal Redbull.com überträgt alle Rennen aus Nove Mesto im Livestream. Bei den Männern startet die Serie am Dienstag, 29. September, um 16.30 Uhr mit dem Short-Track-Wettbewerb. Das Crosscountry-Rennen beginnt am Donnerstag, 1. Oktober, um 15.30 Uhr. Der zweite Teil der Woche findet am Freitag, 2. Oktober, (16.50 Uhr) und am Sonntag, 4. Oktober, (15 Uhr) statt. Die Frauenrennen starten jeweils zuvor.bk

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