Lokalsport

Der WFV sagt dem Mob den Kampf an

Tritte gegen Schiedsrichter, Randale auf den Rängen und Fouls, die den Straftatbestand der Körperverletzung erfüllen Wenn ganz normalen Bürgern am Wochenende auf dem Fußballplatz immer häufiger die Sicherungen durchbrennen, rufen Verbandsfunktionäre schon mal die Psychologie um Hilfe an.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Besinnlichkeit und innere Einkehr hat beim Württembergischen Fußballverband dieser Tage wenig mit dem näher rückenden Weihnachtsfest zu tun. Schon eher damit, dass es auf den Fußballplätzen der Region seit einiger Zeit alles andere als friedfertig zugeht. Hauptleidtragende dieser Besorgnis erregenden Entwicklung sind die Schiedsrichter, die vor allem in den unteren Ligen immer häufiger Opfer körperlicher Gewalt werden. "Das Thema berührt uns und macht uns hilflos", bekennt WFV-Präsident Herbert Rösch, der den Sittenverfall auf den Fußballplätzen nun erstmals öffentlich brandmarkt.

Sonntag, 2. Oktober Jagdszenen in der Fußball-Provinz: Beim Kreisliga-B-Duell zwischen dem SV Ölkofen und dem SPV Sigmaringen Türk Gücü attackieren nach dem Schlusspfiff mehrere Spieler den Schiedsrichter. Als dieser wehrlos am Boden liegt, wird mehrfach auf ihn eingetreten. Erst nachdem Ordner einschreiten, lässt die Meute von ihrem Opfer ab. Der Unparteiische zieht sich bei den Attacken schwere Prellungen zu.

9. Oktober: In der Partie der Kreisliga A zwischen der Spvgg Stuttgart Ost und SK Sarajevo Stuttgart wird der Schiedsrichter nach einer Roten Karte für den SK-Torhüter von Spielern über den Platz gejagt und anschließend verprügelt. Den traurigen Höhepunkt einer langen Reihe vergleichbarer Fälle markiert ausgerechnet eine Jugendpartie: Beim Aufeinandertreffen der SKG Max-Eyth-See und des SV Rot am 23. Oktober dieses Jahres erleidet der Schiedsrichter nach dem Faustschlag eines A-Juniorenspielers eine Joch- und Nasenbeinfraktur. Der Unparteiische ist elf Tage lang in stationärer Behandlung und leidet bis heute unter chronischen Kopfschmerzen. Alle genannten Fälle führten zu Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung.

Welche Grundstimmung die schönste Nebensache der Welt mitunter begleitet, dokumentieren zwei Beispiele, bei denen ausnahmsweise nicht die Schiedsrichter im Mittelpunkt stehen: Für Aufsehen aus lokaler Sicht sorgte die Kreisliga-B-Partie zwischen dem TSV Kohlberg und dem KSV Nürtingen am 18. September, die sieben Minuten vor dem regulären Spielende abgebrochen werden musste. Zuvor war es auf dem Spielfeld zu Tumulten und Handgreiflichkeiten gekommen, an denen neben den Spielern auch Zuschauer und Funktionäre beider Vereine beteiligt waren. Traurige Bilanz: eine Platzwunde und ein Nasenbeinbruch. Unblutiger aber nicht minder beachtlich ist das Beispiel der beiden Dauerrivalen Spvgg 07 Ludwigsburg und VfL Kirchheim in der A-Junioren-Verbandsstaffel. Dort sahen sich Ludwigsburger Jugendbetreuer unlängst genötigt, das Gästebuch auf der Vereins-Homepage kurzerhand vom Netz zu nehmen, nachdem sich unter anderem Spieler beider Vereine eine blutige Schlacht angedroht hatten.

Schwarze Schafe oder flächendeckender Wildwuchs in einer Sportart, die wie keine andere Integrationsprobleme und soziale Brennpunkte widerspiegelt? "Dies ist das übliche Ein-Prozent-Problem", sagt Professor Dieter Rössner, Kriminalwissenschaftler an der Uni Marburg. 99 Prozent der Spieler seien nicht gewalttätig, "doch dieses eine Prozent ist gefährlich", meint der Experte und sagt auch warum: Weil es die Macht der Täter symbolisiere und andere zur Nachahmung auffordere. Deshalb hält Rössner es auch für wenig sinnvoll, Spieler, die Probleme bereiten, auszugrenzen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Potenzielle Täter müssten den Druck der Gruppe spüren. Hier seien die Vereine gefordert, meint Rössner nicht die Polizei.

Auf die Einsatzbereitschaft der rund 7 000 ehrenamtlichen Schiedsrichter, die Wochenende für Wochenende im Verbandsgebiet des WFV im Einsatz sind, scheint die derzeitige Entwicklung noch wenig Einfluss zu haben. "Die Zahl ist weit gehend konstant", berichtet Schiedsrichterobmann Helmut Geyer, ohne zu leugnen, dass es schon den einen oder anderen Rücktritt gab, der schlicht mit der Sorge um die eigene Gesundheit begründet wurde. Der Umgang mit Aggressionen und deeskalierende Verhaltensmuster, gehören heute in zunehmendem Maße zur Ausbildung der Unparteiischen. "Hier hat sich qualitativ vieles verbessert", sagt Geyer.

Doch was ist der Grund dafür, dass Freizeitsportler das Spielfeld immer häufiger als rechtsfreien Raum betrachten? Für einfache Antworten ist das Thema zu komplex, schon alleine deshalb, weil es nur am Rande mit Sport zu tun hat. "Es gibt nicht eine Ursache für Gewalt, sondern ein ganzes Bündel von Faktoren", sagt Professor Wolfgang Schlicht, Sportwisenschaftler an der Uni Stuttgart. Einmal ist es gesamtgesellschaftlicher Frust, ein anderes Mal ist es nationaler Zündstoff, der sich im Zustand allgemeiner Erregung auf dem Fußballplatz entlädt. In fast allen Fällen ist es ein Stellvertreterkonflikt, der besonders dann eskaliert, wenn Täter darauf hoffen können, unentdeckt zu bleiben. "Anonymität ist gefährlich", sagt Schlicht und verweist damit auf ein Problem, das man bisher nur aus der Hooligan-Szene kannte.

Der WFV will auf die jüngste Entwicklung mit einer Mischung aus Prävention und Härte reagieren. "Alle potenziellen Gewalttäter müssen wissen, dass sie mit strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen haben", betont Herbert Rösch und fordert: "Gewalt muss öffentlich gebrandmarkt werden." Dabei setzt der Präsident auf die Unterstützung der rund 1 900 Vereine im Verbandsgebiet. Dort nimmt er vor allem Trainer und Jugendbetreuer in die Pflicht, Grenzen zu setzen, Zivilcourage zu fördern und Gewaltverzicht notfalls sogar vertraglich zu verankern. Was an Schulen längst gang und gäbe ist, soll im Sportverein seine Fortsetzung finden.

Neu ist das freilich nicht: Schon jetzt hat der Verband 25 Mediatoren im Einsatz, die mit fachlicher Unterstützung des Landeskriminalamts in Vereinen vermittelnd im Einsatz sind. Bisher nur an Brennpunkten im Stuttgarter Stadtgebiet oder im Raum Reutlingen. Das Ergebnis macht wenig Mut, denn gerade in Problemvereinen stoßen die Mitarbeiter auf wenig Akzeptanz, wie Rösch berichtet. Doch jeder Versuch lohnt. "Die Chance des Fußballs ist ungeheuer", meint der Verbandschef. "Da dürfen wir uns durch Misserfolge nicht vom Kurs abbringen lassen."