Lokalsport

"Die drei Monate waren für mich die Hölle"

"Irgendwann fällt dir die Decke auf den Kopf", sagt Stefan Schumacher. Das bange Warten auf die Entscheidung im Dopingfall, der eigentlich keiner war, hat den Nürtinger Radprofi nachdenklich gemacht. Gestern nun wurde das Urteil des Sportgerichts bekannt: Freispruch wegen erwiesener Unschuld. Warum er sich darüber nicht so richtig freuen kann, und was das Urteil für ihn bedeutet, darüber sprach der 24-Jährige mit unserer Zeitung.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Wann hast Du von Deinem Freispruch erfahren?Am Dienstagabend lag die Nachricht von meinem Anwalt im Fax.Was war Deine erste Reaktion?Natürlich fällt einem erst einmal ein Stein vom Herzen. Schließlich kannst du nie sicher sein, heil aus der Sache herauszukommen, obwohl ich wusste, dass mich keinerlei Schuld trifft. So richtig freuen kann ich mich aber noch nicht darüber. Schließlich hat mich die ganze Geschichte ein halbes Jahr und die mögliche WM-Teilnahme gekostet.Wie hast Du die vergangenen drei Monate erlebt?Das war für mich die Hölle. Zum Abwarten verdammt zu sein und in einer Saison, die super lief, keine Rennen mehr fahren zu dürfen, da fällt dir irgendwann die Decke auf den Kopf. Wenn du den Kopf nicht frei hast, fühlst du dich auch körperlich total ausgepowert. Ich habe zwar weiter täglich trainiert, aber ohne Plan und Ziel. Es gab Tage, da bin ich nach einer Stunde Training völlig antriebslos umgekehrt, an anderen Tagen wieder habe ich mich völlig kaputt gefahren, nur um meinen Frust los zu werden. Auf der Straße sich gegenüber wildfremden Menschen rechtfertigen zu müssen, ist auch nicht angenehm.Hast Du irgendwann an einem Freispruch gezweifelt?Ich wusste ja schließlich, dass ich unschuldig bin. Trotzdem hieß es eine Zeit lang, ich würde möglicherweise eine zweijährige Sperre bekommen. Das hätte das endgültige Aus bedeuten können. Dass das Gericht in Richtung Freispruch tendieren würde, zeichnete sich aber schon vor vier Wochen ab.Trotzdem hat es bis jetzt gedauert, bis zum Urteil.Das ist für mich völlig unverständlich. Schließlich lagen sämtliche Fakten auf dem Tisch. An der Sachlage hat sich ja auch nichts mehr geändert.Böse Zungen vermuten dahinter eine Retourkutsche des Verbandes, weil Du nach Bekanntwerden des Falles per Pressekonferenz in die Offensive gegangen bist, noch ehe der BDR dazu Stellung nehmen konnte. Dazu will ich mich hier nicht äußern. Ich möchte niemand persönlich angreifen aber man hätte den Fall sicher auch schneller zu Ende bringen können.Welche Konsequenzen ziehst Du für Dich aus der ganzen Geschichte?Ich kann nicht sagen, ich würde dieses oder jenes künftig anders machen, schließlich habe ich mir nichts zu Schulden kommen lassen. Ich habe das getan, was meine Pflicht ist als Profisportler: dafür zu sorgen, dass ich gesund bin und bleibe. Ich kann auch nicht sagen, ich werde in Zukunft vorsichtiger bei der Einnahme von Medikamenten sein, denn dafür ist jeder Profi sensibilisiert. Das Thema Doping begleitet dich schließlich jeden Tag auf Schritt und Tritt. Im Prinzip ist jede Erkältung ein Karriererisiko.A propos Karriere. Was machen die Vertragsverhandlungen?Ich kann momentan nur so viel sagen, dass ich in der kommenden Saison mit sehr großer Wahrscheinlichkeit für ein Pro-Tour-Team starten werde.Und Du dann nur noch eine Sorte Mineralwasser trinkst?Ich habe Gespräche mit mehreren Teams geführt. So lange nichts unterschrieben ist, kann ich dazu nichts sagen.Ist jetzt die Saison für Dich gelaufen?Ich werde die nächsten Tage noch ein paar kleinere Rennen in Belgien fahren und Ende September dort auch noch eine viertägige Rundfahrt. Nach all dem, was war, fehlt mir zwar die Wettkampfform, um auf Sieg zu fahren. Ich freue mich aber trotzdem riesig darauf, endlich wieder unterwegs und bei der Mannschaft zu sein.Wie hast Du die Tatsache verschmerzt, dass Dir Dein Sieg bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt immerhin Dein bisher größter Erfolg trotz des Freispruchs aberkannt wird?Das tut schon weh, weil ich dort der eindeutig stärkste Fahrer war. Aber so ist nun mal die Rechtslage. Das muss man akzeptieren. Immerhin ist es für mich eine Genugtuung, dass ich noch immer die Gesamtwertung der Europe-Tour-Serie anführe, obwohl ich seit Juni kein Rennen mehr gefahren bin.Fühlst Du Dich durch den Freispruch rehabilitiert oder hast Du Angst, dass etwas hängen bleibt?Leider wird beim Thema Doping und speziell im Radsport inzwischen vieles über einen Kamm geschert. Ich kann nur hoffen, dass die Leute in der Lage sind, Recht und Unrecht auseinander zu halten.

INFOStefan Schumacher wurde bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt im Mai positiv auf den Wirkstoff Norpseudoephedrin getestet, der unter dem gebräuchlicheren Namen Cathin auf der Dopingliste steht. Der Wirkstoff war in einem Medikament enthalten, das Schumacher zur Bekämpfung seiner Pollenallergie verwendete. Sowohl Schumacher, als auch dessen Teamarzt hatten sich vor der Einnahme bei der holländischen Nationalen Dopingagentur rückversichert und dort die Freigabe erhalten. Schumacher fährt seit 2005 für den holländischen Rennstall Shimano und wird derzeit als Wunschkandidat beim Team Gerolsteiner gehandelt.