Lokalsport

Die Eiskönigin

Mehr als ein halbes Leben lang auf Kufen: Die neunjährige Nicole Stuhlberg aus Holzmaden

Sie hat magische Kräfte. Sie zieht alle in ihren Bann. Disneys oscargekrönte ­Trickfigur lockte Millionen in die ­Kinos. In der 3. Klasse der Grundschule in Holzmaden hat „Die Eiskönigin“ eine besonders große Fangemeinde. Die neunjährige Nicole Stuhlberg feiert Erfolge zur Filmmusik auf dem Eis.

Holzmaden. Nur der Bruchteil einer Sekunde. Zu viel Tempo beim Anlauf, das Gesetz der Schwerkraft. Ein kurzer Griff aufs Eis und der Traum war geplatzt. Nach serienweise ersten Plätzen in diesem Jahr galt sie als die große Favoritin auf den Landestitel. Doch diesmal war vieles anders. Eine Menge Publikum, die halbe Klasse der Holzmadener Grundschule saß draußen auf den Bänken. Plakate, auf denen ihr Name stand. Die Mutter hatte es sofort von ihren Augen abgelesen, als es hinaus aufs Eis ging: Nicole Stuhlberg, das zierliche Mädchen mit den großen Augen und dem kunstvoll geflochtenen Zopf, war zum ersten Mal in ihrer noch jungen Karriere nervös.

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„Let it go“ – der Titel des preisgekrönten Filmsongs aus „Die Eiskönigin“, den sie für ihr Programm ausgewählt hat, könnte auch ihr Motto sein. Wenn die Musik beginnt und die Kufen der Schlittschuhe die ersten Zentimeter lautlos übers blank polierte Eis gleiten, scheint sie losgelöst von allem. Versunken in ihrer eigenen Welt. „Oft erinnert sie sich gar nicht mehr, was auf dem Eis passiert ist“, erzählt die Mutter.

Tränen gibt es keine an diesem Tag. Sie weiß, sie kann es besser. Sie weiß, das nächste Mal wird sie es zeigen können. Nicole hat ein großes Kämpferinnenherz. Für eine Neunjährige wirkt sie erstaunlich reif. Ihre Ausstrahlung auf dem Eis, sagt ihre Trainerin, sei ihr größtes Kapital. Claudia Unger hat schon viele Talente kommen und gehen sehen. Seit 15 Jahren arbeitet die 38-Jährige freiberuflich als Honorartrainerin bei der TEC Waldau. Der Verein, für den auch ihr Schützling startet. Inzwischen ist sie als Landestrainerin für den Kader-Nachwuchs verantwortlich. Was muss ein Talent im Eiskunstlauf mitbringen? Dehnfähigkeit, Athletik, Sprungkraft, Angstfreiheit und einen festen Willen. „Über all dies verfügt Nicole in hohem Maß“, sagt Claudia Unger. „Sie hat enormes Potenzial.“

Doch Talent allein reicht nicht in einem Sport, von dem nur Eingeweihte wissen, wie kostenintensiv er ist. Die Familie, die vor 18 Jahren aus Russland hierher kam, lebt seit zwei Jahren in Holzmaden, hat sich dort gerade den Traum vom eigenen Häuschen erfüllt. Beide Eltern arbeiten hart dafür. Für die Mutter beginnt der Tag als Helferin in einer Zahnarztpraxis bereits früh um fünf, damit der Nachmittag für die Begleitung zum Training frei bleibt. Der Vater war in der Heimat ein begeisterter Eishockey-Spieler. Er schenkte seiner Tochter die ersten Schlittschuhe als sie zwei Jahre alt war. „Das war die Freizeitbeschäftigung, die uns alle verbunden hat, weil wir gemeinsam Spaß daran hatten“, sagt Mutter Elena.

Als Dreijährige begann Nicole mit dem Eiskunstlauf und bewies rasch Talent. Inzwischen steht das Mädchen mit dem unzähmbaren Bewegungsdrang sportlich am Scheideweg. Damit es weiter voran gehen kann, braucht sie private Trainerstunden. Doch die sind teuer. Rund 500 Euro pro Monat investiert die Familie schon jetzt in die Leidenschaft ihrer Tochter. Fahrtgeld, Meldegebühren, Kosten für Leistungsprüfungen, zusätzlichen Ballettunterricht oder Wettkampfkleidung. Das Kostüm, mit dem Nicole auf der Waldau zuletzt das Publikum bezauberte, hat ihre Tante geschneidert, weil ein Dress von der Stange nicht zu bezahlen wäre. Die Suche nach finanzieller Unterstützung ist bisher erfolglos geblieben. Im Juni vergangenen Jahres haben sie die Neunjährige beim TSV Ötlingen für die Rhythmische Sportgymnastik angemeldet. „Damit sie nicht ins Bodenlose fällt, sollte sie das Eiskunstlaufen aufgeben müssen“, sagt ihre Mutter besorgt.

Ändern würde sich vieles in ihrem Leben. Die Woche ist ausgefüllt. Nach Schule und gemeinsamem Mittagessen bleibt eine Stunde Zeit für Hausaufgaben. Danach geht es zum Training. Drei bis fünf Stunden pro Tag. Allein die Fahrt nach Degerloch und zurück nimmt täglich eine knappe Stunde in Anspruch. Sie macht das alles gerne, sagt sie. Sie liebt ihren Sport. Er gehört seit fast fünf Jahren zu ihrem Leben. Für eine Neunjährige eine gefühlte Ewigkeit.

Foto: Jochen Brolich

Eiskunstlauf in Stuttgart

Die Eiswelt Stuttgart auf Degerlochs Höhen beim Fernsehturm, ist neben der Porsche-Arena die zweite Eislaufbahn in der Landeshauptstadt, auf der hochklassiger Eissport geboten wird. Die Eiswelt ist Heimat der beiden Stuttgarter Eissportvereine TEC Waldau und TuS Stuttgart. Auf der Waldau fanden am 13. und 14. Dezember vergangenen Jahres zum ersten Mal die deutschen Meisterschaften im Eiskunstlauf statt. Einziger Verein im Kreis Esslingen, der Eiskunstlauf bietet, ist die ESG Esslingen. Als erfolgreichster Klub in Baden-Württemberg gilt der Mannheimer ERC. Dort ist nicht nur Olympia-Teilnehmerin Nathalie Weinzierl zu Hause, sondern auch Eishockey-Bundesligist Adler Mannheim.