Lokalsport

Die graue Maus legt Rouge auf

Der Nachwuchs so erfolgreich wie schon lange nicht mehr, der Aktivenstamm trotz guter Einzelspieler nur graues Mittelmaß. Die Kluft zwischen mustergültiger Jugendarbeit und sportlicher Starre liefert den VfL-Handballern Diskussionsstoff. "Zukunftswerkstatt" nennt die Abteilung deshalb ihre Plattform, die als Ideenbörse für künftigen Erfolg gehandelt wird .

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Enrico Wackershauser, Dirk Weber oder Michael Theil Namen, die in der VfL-Handballabteilung vor Jahren jedes Kind kannte. Obwohl ein Teil der heutigen Aktiven noch gar nicht geboren war, als der Verein zu Beginn der Achtziger die Oberliga stürmte, zehren Kirchheims Ballwerfer noch immer vom größten Erfolg der Abteilungsgeschichte. Schon allein deshalb, weil es seitdem nicht mehr allzu viel zu feiern gab. Heute sind es die Kirchheimer Korbjäger oder die Kicker des VfL, die im Konzert der Ballsportarten den Ton angeben. Der Wandel vom stolzen Pfau zur grauen Maus hat Spuren hinterlassen. Blutleer und ohne Perspektive war der Kirchheimer Handball Mitte der Neunziger auf dem Tiefpunkt angelangt. Die Anhänger liefen in Scharen davon, gerade noch 70 Jugendliche fanden damals Gefallen am schnellen Spiel mit dem kleinen Ball.

Vergangenheit. Die Zukunft sieht anders aus. Davon zumindest ist Marc Eisenmann überzeugt. Im Sommer letzten Jahres ist der 34-Jährige als neuer Abteilungsleiter in die Rolle des Leitwolfs geschlüpft. Ein Rackerer, der an allen Fronten zu finden ist und der richtige Mann zur richtigen Zeit zu sein scheint. Die Zeichen im Verein jedenfalls stehen auf Aufbruch: 2007 gehen im VfL Kirchheim mehr Jugendliche dem Handballsport nach als irgendwo sonst im gesamten Bezirk. 270 Nachwuchsspieler in 19 Mannschaften haben Spaß an ihrem Sport und zunehmend auch Erfolg. Mit der weiblichen und männlichen B-Jugend (dort in Kooperation mit der SG Teck) sind inzwischen zwei Jugendteams auf Verbandsebene vertreten. Die Gesamtzahl der Mitglieder hat sich innerhalb von zehn Jahren annähernd verdoppelt. Eine Entwicklung, die kanalisiert sein will, soll sie langfristig wirken. Denn längst ist nicht alles Gold, was glänzt: "Wir stehen ganz am Anfang, mit allen Problemen, aber auch mit allen Chancen", sagt Marc Eisenmann.

Problem Nummer eins: Der Nachwuchs braucht Vorbilder und die findet er in der Regel in einer erfolgreichen ersten Mannschaft. Doch die dümpelt trotz einiger hoffnungsvoller Talente im Niemandsland der Bezirksklasse dahin. Das Unternehmen Aufstieg, über das erstmals offen geredet wird, soll ab dem Frühjahr in den Fokus aller Anstrengungen rücken. Dreimal die Woche steht die erste Mannschaft im Training, das ist häufiger als mancher Verbandsligist. "Für den Aufwand, den wir betreiben, kommt zu wenig heraus", stellt Eisenmann nüchtern fest.

Die Saison 2007/08 sieht er daher als Jahr der Weichenstellung. Dabei ist es erklärter Wunsch, Trainer Sinisa Mitranic weiter an den Verein zu binden. Mit dem einstigen Rückraumschützen des Oberligisten TSV Neuhausen ist man offenbar so gut wie handelseinig. Mit dem einen oder anderen erfahrenen Führungsspieler, den der Verein für die neue Saison verpflichten will, soll der Knoten endlich platzen. In der Mannschaft, darin sind sich die Experten einig, steckt mehr Potenzial als die sportliche Situation widerspiegelt.

Am morgigen Samstag sind die Abteilungsmitglieder zur zweiten "VfL-Zukunftswerkstatt" in die Aula der Alleenschule eingeladen. Die Diskussionsplattform, die das Interesse an neuen Wegen wecken soll, ist ein Kind des neuen Abteilungsleiters. Er will bewegen, Perspektiven bieten, von erfolgreichen Großvereinen lernen. Dass Eisenmann das Thema Marketing mit auf die Tagesordnung gesetzt hat, zeigt: Die Zukunft will bezahlt sein. Dass damit keine Spielergehälter gemeint sind, stellt er jedoch rasch klar: "Wir wollen den Erfolg nicht erkaufen. Was wir brauchen sind gesunde Vereinsstrukturen und eine starke Identität, von der die ganze Abteilung profitiert."

Das größte Pfund auf diesem Weg ist die eigene Jugend. Damit gilt es zu wuchern und deshalb wurde eine Schlüsselposition mit einem besetzt, der die Eigenheiten des Vereins bestens kennt: Bruno Rieke, langjähriger VfL-Aktivposten aus besseren Tagen und zuletzt Trainer beim Verbandsligisten SG Lenningen, ist als Jugend-Koordinator seit Januar wichtigster Ansprechpartner für Trainer Sinisa Mitranic. An Feldern, die es zu beackern gilt, mangelt es nicht. Ob es um die Suche nach zusätzlichen Hallenkapazitäten geht, die bessere Abstimmung von Trainingsgruppen oder die Kooperation mit der SG Teck. Rieke gilt als akribischer Arbeiter, das hat er zuletzt trotz sportlichen Misserfolges in Lenningen bewiesen. Mitranics Qualitäten in der Nachwuchsförderung kennt man spätestens seit seinem Engagement als Jugendtrainer bei der JSG Nellingen-Wolfschlugen. Zumindest also vom Papier her, ein Gespann, das auf Erfolge hoffen lässt.

INFODie "VfL-Zukunftswerkstatt" findet am morgigen Samstag ab 15 Uhr in der Aula der Kirchheimer Alleenschule statt. Eingeladen sind alle Mitglieder, die sich aktiv an der Umgestaltung der Handballabteilung beteiligen wollen. Auf der Tagesordnung stehen diesmal die Themen Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Sponsoring.