Lokalsport

Die Jäger der kleinen Kunststoffkugel sind längst ausgestorben

Warum der SVL Kirchheim seine Hockeyabteilung 1970 wieder auflöste – Die Protagonisten von einst haben noch immer gute Erinnerungen

In Sachen Hockeysport sind Kirchheim, Weilheim und Lenningen weiße Flecke in der Landschaft: Schläger schwingende und schienbeingeschützte Jäger der kleinen Kunststoffkugel findet man nur in der Nachbarschaft. Neben dem HC Esslingen unterhielt in der Vergangenheit freilich auch der SVL Kirchheim eine eigene Hockeyabteilung. Sie bestand 16 Jahre.

THOMAS PFEIFFER

Kirchheim. Es war nur ein Zwischenkapitel in der hundertjährigen Vereinsgeschichte, doch eines, an das sich die Protagonisten zum Jubiläum nur allzu gerne erinnern: Von 1954 bis 1970 sorgte ein Häuflein von wenigen Dutzend ballspielbegeisterter Mitglieder dafür, dass sich der Schneelaufverein Lenninger Tal (SVL) auch als Hockeyclub profilierte. Obwohl der Titelvergleich gegen die eigenen Skisportler mit einer haushohen Niederlage endete, hatte die von Kirchheim-Zuzügler Gerd Soff bis 1968 geführte SVL-Hockeyabteilung nach eineinhalb Jahrzehnten der Existenz auch eine Erfolgsgeschichte zu bieten. Eine, die weniger mit Pokal- und Wimpelgewinnen zu tun hatte, als vielmehr eine, die vom unbändigen Idealismus, Improvisationstalent und den Nehmerqualitäten der Spieler und Spielerinnen zeugte.

Für die „Krummstockspieler“, wie sie im Städtle anfangs teils liebevoll, teils despektierlich genannt wurden, bäumte sich nämlich schon am Anfang eine Hürde auf, die in der gesamten Abteilungszeit nie zu nehmen war: Keine einzige Rasenspielfläche mit Hockeystandard fand sich im Stadtgebiet. Die Plätze waren entweder löchrig, hügelig, ungemäht oder zu knapp bemessen, ziemlich unbespielbar allemal, und so gerieten die in Blau gedressten SVL-Cracks stadtintern zum Wanderzirkus, der nacheinander Spielflächen beim Stadion, an der Konrad-Widerholt-Halle, der Alleenschule und der Auerbacher Steige ausprobierte. „Sämtliche unserer Plätze glichen Äckern, und unsere Gegner haben darüber regelmäßig geschimpft“, berichtet Fritz-Uli Bankwitz, der heute 74 ist und im damaligen Elf-Mann-Team einer der fünf Stürmer war. Bankwitz‘ Erinnerung an seine Hockeyzeit ist nostalgisch („die Kameradschaft war außergewöhnlich“), das Andenken daran sichtbar: Gegnerische Schläge(r) haben den großen Zeh verformt.

Die Hockeyspiele einst waren viel härter als sie heutzutage sind: Das sagen alle SVL-Ex-Cracks, die sich eigens für den Pressetermin jetzt um den Tisch geschart haben. 40 Jahre und länger ist‘s her, seit sie das letzte Mal Schienbeinschützer, Sportstiefel und Hartholzschläger für ein Spiel der württembergischen Verbandsliga benutzt haben, doch sowohl Peter Gusinde, der Torhüter, als auch Linksverteidiger Uli Kreyscher und Rechtsaußen Wolfgang „Oskar“ Hoyler zahlen für ihr damaliges Betätigungsfeld bis heute Tribut. Der eine hat ein Knochenhämatom, die anderen haben‘s am Steißbein oder eine Delle am Bein – nichts Gravierendes zwar, aber Indizien für den sportiven Knochenjob, den sie in den zwei Mal 35 Minuten dauernden Spielen zu verrichten hatten. „Und gekämpft haben wir immer“, sagt Fritz-Uli Bankwitz, der allerdings ein weitaus besserer Skifahrer war. 1956 brachte er es bis zu den deutschen Meisterschaften, und alpiner Stadtmeister von Barcelona während seines dreijährigen Auslandsaufenthalts war der frühere Architekt und SPD-Mann auch.

Die SVL-Gegner damals hießen HC Esslingen, HTC Stuttgarter Kickers II oder Villingen-Schwenningen, gespielt wurde in der Verbandsliga, was die unterste württembergische Spielklasse war, und die Hockeyneulinge aus der Teckstadt kassierten gegen die besser eingespielte Konkurrenz eine Niederlage nach der anderen, wenngleich selten zweistellig. Doch der Frust, den die Spieler nach den Sonntagsspielen schoben, hielt sich in Grenzen, denn echten Leistungs- oder Erfolgsdruck verspürte damals keiner aus der Hobby-Hockeytruppe um Trainer Gerd Soff. Denn weniger als um Punkte für die Tabelle kämpften die Spieler um Punkte im persönlichen Fitnessranking. Nicht aus ehrgeizigen Vereinszielen war die SVL-Hockeytruppe ins Leben gerufen worden, sondern weil der Wintersportclub eine fitnessfördernde Betätigungsmöglichkeit für seine Mitglieder im Sommer gesucht hatte. Handball war für die SVL-Funktionäre auch eine Alternative, wurde aus strategischen Gründen aber rasch wieder gestrichen. „Der SVL wollte gegenüber dem VfL keine Konkurrenz aufbauen“, wie Fritz-Uli Bankwitz weiß.

So schipperte das SVL-Hockeyboot zwar nicht mit Volldampf auf zu neuen Ufern, aber mit langsam steigender Knotenzahl. „Als sich herumsprach, dass Kirchheim neuerdings ein Hort für Hockeyspieler war, bekamen wir plötzlich auch den einen oder anderen Neuzugang aus anderen Vereinen“, sagt Wolfgang Hoyler, der sich in den Hochzeiten an bis zu 35 schlägerschwingende Clubmitglieder erinnert. Drei Mannschaften hatte der Verein zwischendurch für den Rundenspielbetrieb angemeldet, und ausgerechnet den Jüngsten gelang der vielleicht größte Erfolg: 1960 holte das SVL-Jugendteam nach einem 3:1-Finalsieg über den SSV Reutlingen die württembergische Jugend-Hallenmeisterschaft nach Kirchheim. Stolz der Damenmannschaft waren derweil Ingrid Bankwitz und Renate von Moltke. Beide schafften den Sprung in Auswahllehrgänge des Württembergischen Hockeybundes. Dasselbe Kunststück glückte in der Herrenmannschaft Uli Kreyscher, der auch für die Bundeswehrauswahl nominiert worden war, Dieter Kreyscher und Wolfgang Hoyler. Es gab sie also, die herausragenden SVL-Hockeyerfolge – schön verteilt auf die 16 Abteilungsjahre.

In einer Zeit, als die Ballsportarten Fußball, Handball und Basketball in Kirchheim noch keine große Rolle spielten, wurde die SVL-Hockey­abteilung groß – später, als die großen drei langsam auf die ­Erfolgsspur fanden, endete ihr Bestehen jäh. 1970 wurde das Ressort Hockey im SVL offiziell für geschlossen erklärt. Es gab keine Perspektiven mehr – zum einen fehlte es nach zahllosen Abgängen an geeignetem Spielermaterial, zum anderen fehlte es immer noch an einem brauchbaren Spielort.

Anzeige