Lokalsport

Die „Jungs“ anfeuern aus 8 500 Kilometer Entfernung

Wie zwei Südafrikanerinnen im Schwabenland die Weltmeisterschaft zelebrieren – Von der Skeptikerin zur Sympathisantin

Die eine lebt seit sieben Jahren in Deutschland, die andere schon seit 1993, und beide kamen einst von ganz weit her: aus 8 500 Kilometern Entfernung, aus Johannesburg. Im Schwabenland sind die gebürtigen Südafrikanerinnen Anneliese Grabowski (39) und Althea Emily Pilz (48) danach zu engen Freundinnen geworden, denn von Filderstadt nach Kirchheim sind’s nur 20 Autominuten. Jetzt steht in der alten Heimat die Fußball-WM bevor – ein Grund mehr, sich zu treffen.

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THOMAS PFEIFFER

Filderstadt. Wer Anneliese Grabowski in der Wohnung besucht, muss vor dem Eintritt erst einmal die Schuhe ausziehen: Sie pocht auf die persönliche Hausordnung. Der Parkettboden, auf Hochglanz getrimmt und Quadratzentimeter für Quadratzentimeter fusselfrei, soll kratzerfrei bleiben. Drinnen ist es hell, sauber und alles picobello aufgeräumt, und die vollbepackte Wäschespinne steht dort, wo sie auch schwäbische Hausfrauen stehen haben: auf dem Balkon. „Kaffee?“, fragt Anneliese Gra­bowski, die einen deutschen Ehemann hat, ihren Gast. „Gerne“, antwortet Althea Emily Pilz, ihre Freundin. Anneliese Grabowski eilt in die Küche.

„An die deutsche Mentalität habe ich mich in den sieben Jahren schon ziemlich angepasst“, schmunzelt sie später. Ihr Deutsch ist fast perfekt, und das ist kein Wunder. 2003, nachdem sie zu ihrem deutschen Ehemann gezogen war, hatte sie einen Sprachkurs und schnelle Fortschritte gemacht. Doch das gekonnte Formulieren leicht verständlicher Sätze ist für die 39-jährige Ex-Studentin des Johannesburger Instituts of Marketing-Management ohnehin kein Problem: Als Sprachcoach arbeitet sie neben ihrer Hausfrauen-Tätigkeit nämlich auch. Die Freiberuflerin bringt Managern, Geschäftsführern und leitenden Angestellten gepflegtes Business English bei. Ihre Freundin Althea Pilz, nicht weniger polyglott („Englisch ist meine Muttersprache“), könnte das auch – als Arbeitssuchende hofft sie derzeit aber primär auf Angebote, in einem Verwaltungsbereich unterzukommen.

Einträchtig sitzen die beiden Südafrikanerinnen aus Schwaben jetzt nebeneinander auf dem Sofa, tauschen in Englisch und Deutsch die interessantesten Neuigkeiten aus und sind froh, dass der Fußball-Zauber am Kap endlich losgeht. Beide hoffen auf friedliche, konfliktfreie Spiele – und auf ausbleibende Randale. Wie groß ihre Sicherheitsbedenken sind? Anneliese Grabowski, einmal pro Jahr im Heimaturlaub, glaubt nicht an eine gewaltgefährdete WM. Nochmalige Eskalationen wie im Januar, als der Angriff einer Rebellengruppe auf den Mannschaftsbus der togolesischen Nationalmannschaft in Angola zwei Todesopfer und zahlreiche Verletzte forderte, sieht sie als genauso (un)wahrscheinlich an wie die Möglichkeit, dass ein Farbiger in Deutschland Opfer eines Rassisten wird. „Beides sind bedauerliche Einzelfälle“, sagt sie sinngemäß und fügt an: „Allerdings läuft die Berichterstattung aufgrund ihrer Brisanz weltweit über die Nachrichtensender.“ Dieser Zusammenhang bewirke oft ein falsches Bild über das Land, „leider“.

Als echter Fußball-Fan und -Kennerin wird Anneliese Grabowski die Spiele ganz relaxed verfolgen – ohne jene Sicherheitsbedenken, die offenbar viele Deutsche haben und von einem Urlaub im WM-Land abhalten. Für die Tatsache, dass der Ticketvorverkauf in Deutschland schleppend verlief, hat die Filderstädterin allerdings eine andere Hauptursache herausgefunden: „Viele können sich einen WM-Urlaub einfach nicht leisten. Flug, Hotel und Eintrittskarten verschlingen schnell einige Tausend Euro, und das pro Person.“

„Zu teuer“, nennt Anneliese Gra­bowski den WM-Spaß. Dasselbe dachte, in anderem Zusammenhang, auch Althea Pilz über das große Kick-Event am Kap. Vor zwei Jahren noch hatte sie ihm eher skeptisch entgegengeblickt: In den Milliarden von Euros, die in das WM-Projekt hineinflossen für Neubauten, Umbauten oder Infrastruktur, sah sie wenig Sinn, „weil die Gefahr drohte, dass einige dieser teuren Stadien nach WM-Schluss ihren Nutzen verlieren könnten.“ Vor Kurzem besuchte Althea Pilz mit ihrem fußballbegeisterten Sohn Keanu (10) wieder mal ihr Land und machte sich über die dortigen Stimmungen und Stadien selbst ein Bild. Seither sind ihre Bedenken fast verschwunden. „Alle Leute, die ich traf, sind begeistert“, sagt sie.

Und so verfolgt auch die Ex-Kritikerin das WM-Geschehen inzwischen mit mehr als einem flüchtigen Auge – mit ganzem Herzen. Die Spiele der südafrikanischen Nationalmannschaft wird sie zelebrieren: im Garten mit Gästen und Gegrilltem. Leidenschaftlich gerne hätte auch die Freundin den gelb-grün gedressten Bafana bafana („die Jungs“) beim Eröffnungsspiel gegen Mexiko heute Nachmittag zugeschaut – kann sie aber nicht: Anneliese Grabowski hat eine private Berlin-Fahrt vor sich. Dass sich der Termin nicht verschieben ließ und sie nun anstatt vorm Fernseher hinterm Steuer sitzt, passt der Fußball-Enthusiastin („Brasilien wird Weltmeister“) nicht in den Kram.

Lieber hätte auch sie mit Freunden ihre „Jungs“ angefeuert.