Lokalsport

Die Kehrseite des Nervenkitzels

Mehr Tempo, mehr Tore und brechend volle Hallen Handball boomt wie nie zuvor. Doch acht Wochen vor Beginn der WM im eigenen Land schlagen Mediziner Alarm. Die Physis vieler Sportler, so behaupten die Experten, hält mit der Entwicklung des Handballsports nicht Schritt.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Während in manch anderen Sportarten angesichts pomadiger Großverdiener, Dopingsumpf und Bestechungsskandalen selbst treuesten Fans der Geduldsfaden reißt, klettert Handball in der Popularitätsskala stetig nach oben. Einen zusätzlichen Schub erwartet die Sportart spätestens vom 19. Januar an, wenn nach dem Großereignis Fußball-WM nun auch die besten Handballteams der Welt ihre Titelkämpfe in Deutschland austragen. Das heller werdende Rampenlicht nutzen nicht nur die Vereine für Werbung in eigener Sache, sondern auch Mediziner, um Alarm zu schlagen. Die Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOT) berichtet von einer überproportionalen Zunahme schwerer Kniegelenksverletzungen im Handballsport. Besonders häufig betroffen: das Kreuzband.

Schuld daran sind nach Auffassung der Mediziner erhöhtes Tempo, steigender Leistungsdruck und unzureichende Regeneration selbst in unteren Spielklassen. Fakt ist: Handball 2006 hat mit dem Spiel früherer Dekaden nur noch wenig gemein. Mehr als 80 Tore in 60 Spielminuten sind heute keine Seltenheit mehr. Regeländerungen wie die vor drei Jahren erprobte "schnelle Mitte", bei der der Anwurf nach einem Tor aus der Bewegung heraus erfolgen kann, haben mächtig an der Temposchraube gedreht. Augenfälligstes Beispiel für diese Entwicklung bot Erstligist TBV Lemgo, der das Spiel ohne Atempause nahezu perfektionierte und 2003 mit der Rekordpunktzahl von 62:6 Zählern seinen zweiten deutschen Meistertitel holte.

Inzwischen versuchen Schiedsrichter und Verbandsfunktionäre das Rad wieder zurückzudrehen. Die "schnelle Mitte" ist passe, doch der Spielgedanke, der sich dahinter verbirgt, hat überlebt. "Man musste damals reagieren", sagt Klaus Geiger, stellvertretender Schiedsrichterwart im Handball-Bezirk Esslingen-Teck, "auch deshalb, weil bei den neuen Regeln vieles schwammig formuliert war." Das Tempo ist weiterhin hoch geblieben und Geiger fällt es heute schwer, diese Entwicklung eindeutig zu bewerten: "Einerseits hat der Handball enorm an Attraktivität gewonnen", sagt er, "andererseits sind Verletzungen auf dem Spielfeld tatsächlich häufiger und auch schwerwiegender geworden." Nicht nur die akuten Verletzungen bereiten Ärzten Sorge, sondern auch chronische Beschwerden, die viele Handballer als Spätfolgen zu tragen haben. Einer Studie des Bremer Sportmediziners Hans-Gerd Pieper zufolge leidet in Deutschland jeder dritte Handballspieler unabhängig von der Spielklasse über dauerhafte Rücken- oder Schulterschmerzen.

Christoph Winkler, Facharzt für Chirurgie im Kirchheimer Kreiskrankenhaus und Spielertrainer des Verbandsligisten TSV Owen, will einen Trend hin zu größerer Verletzungsanfälligkeit aus der eigenen Berufspraxis nicht bestätigen. Mit den gestiegenen Anforderungen im Training, so ist Winkler überzeugt, habe sich auch die Physis der Sportler fortentwickelt. "Das Training von heute ist mit dem vor 20 Jahren nicht mehr zu vergleichen", sagt Winkler, "sowohl was Tempo als auch Trainingsinhalte anbelangt." Um Verletzungen vorzubeugen, gehörten Übungen zur Ganzkörperstabilisierung und zur Verbesserung der Muskelkoordination im Vereinstraining zum Standardrepertoire. Voraussetzung dafür sind freilich entsprechend geschulte Trainer. Genau dort sieht die GOT Nachholbedarf, denn viele Übungsleiter alter Prägung suchen heute mehr schlecht als recht ihr Heil im modernen Tempohandball. In Bremen und Umgebung läuft aus diesem Grund derzeit ein Prophylaxe-Programm mit großem Erfolg. Sportmediziner und Handballverbände arbeiten dort gemeinsam an Trainingskonzepten, die sportarttypischen Schäden an Knie, Schulter oder Wirbelsäule vorbeugen sollen.