Lokalsport

Die lieben, pflegeleichten Kerle aus Down Under

In Klaus-Georg Bastendorfs Herz schlagen derzeit zwei Herzen nicht, dass der Mann ein anatomisches Wunder wäre, vielmehr macht ihm zu schaffen,

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PETER EIDEMÜLLER

ob er bei der Fußball-WM die Balltreter

O:9020603.JP_Deutschlands oder Australiens anfeuern soll. Als stellvertretender Direktor des australischen Mannschaftshotels in Friedrichsruhe ist der gebürtige Kirchheimer kurzerhand zum Daumendrücker der "Socceroos" geworden. Nicht zuletzt nach deren Last-Minute-Sieg (3:1) gegen Japan am Montagnachmittag.

"Die Jungs spielen beeindruckenden Power-Fußball", schwärmt Bastendorf von den prominenten Gästen, die seinen Arbeitsplatz im Hohenlohischen zu ihrem WM-Quartier auserkoren haben und die er einfach nur als "nice guys" bezeichnet. "Das sind alles ganz liebe Kerle", sagt der 45-Jährige mit Wurzeln in Nabern, "wenn man mit ihnen redet, glaubt man gar nicht, wie ruppig die manchmal auf dem Platz zu Werke gehen."

Seit Pfingstmontag logieren die australischen Kicker in Bastendorfs Arbeitsplatz, dem Schloßhotel Friedrichsruhe nördlich von Heilbronn. "Dass sie sich für unser Haus entschieden haben, liegt wohl auch mit an der guten Lage", vermutet der gelernte Hotelkaufmann, der einst in der Freihof-Realschule die Schulbank drückte. Alle drei Vorrundenspielorte der "Aussies" (Kaiserslautern, München und Stuttgart) sind von Friedrichsruhe aus zügig mit dem Mannschaftsbus zu erreichen. Nach dem 3:1-Sieg am Montag auf dem Lauterer Betzenberg gegen Japan, traf das Team gegen 20.30 Uhr wieder im Hotel ein. Dort wurde die Mannschaft um die Torschützen Tim Cahill und John Aloisi begeistert von der Belegschaft empfangen. "Wir standen Spalier und haben sie mit frenetischem Applaus willkommen geheißen", beschreibt Bastendorf die Stimmung, über die sich die Australier seinen Worten nach sehr gefreut haben. "Die sind dann aber schnell ins Bett, weil sie ziemlich platt waren", zerstreut er Befürchtungen, die "Socceroos" hätten in überschwänglicher Siegeslaune die Hotelbar gestürmt und die Nacht zum Tag gemacht.

Überhaupt sei der gemeine australische Kicker in Sachen Betreuung "pflegeleicht", wie Bastendorf augenzwinkernd versichert. Star-Allüren sind den Mannen aus "Down Under" anscheinend fremd, auch wenn das Hotelgelände durch sieben Sicherheitsleute bewacht und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Ihre Trainingseinheiten absolviert die Truppe des holländischen Coaches Guus Hiddink im nahen Öhringen auf einer Anlage, "die ungefähr so groß ist, wie die des VfL Kirchheim" (Bastendorf). Besondere Extrawünsche mussten und müssen die 60 Hotelbediensteten nicht erfüllen. Allerdings galt es, bis zum Eintreffen des 43-Mann-Trosses vom fünften Kontinent, einen Fitnessraum einzurichten. "Das wollten wir im kommenden Jahr aber sowieso machen", so Bastendorf, "das ist quasi eine Zukunftsinvestition." Für Kurzweil nach Kick und Konditionseinheit bietet das Hotel den Spielern einen Raum mit Tischtennisplatten, Dartscheibe, Tischkicker und XXL-Fernseher. Kulinarisch sind die "Aussies" ebenfalls in besten Händen, werden sie doch von Starkoch und Michelin-Sterninhaber Lothar Eiermann verwöhnt, der als Direktor des Hotels Klaus-Georg Bastendorfs Chef ist.

Dieser konnte den australischen Team-Manager Gary Moretti im vergangenen Jahr von den Vorzügen des Schloßhotels überzeugen. "Er schätzte vor allem die Ruhe hier," so Bastendorf, der auch mit den Mannschaften aus Kroatien und Frankreich in Kontakt war. Als die Australier dann Anfang Januar ihr Kommen zusagten, war die Freude nicht nur im Hotel groß. "Die ganze Gegend hier ist seitdem im Australien-Fieber", weiß Bastendorf, der als ehemaliger Jugendkicker der SF Dettingen immer noch am lokalen Fußball in der Teckregion interessiert ist. Kein Wunder: Sein Vater hat als Betreiber der Minigolfanlage am Oberen Wasen schließlich den SV Nabern direkt vor der Haustüre. "Ich schaue ab und zu auch mal im Internet, wie der VfL gespielt hat", verrät Bastendorf, der auch bereits erste Lobesbekundungen der Australier erntete. "Als sie nach dem Spiel am Montag im Hotel eintrafen, sagte der Konditionstrainer Anthony Crea, es sei schön, wieder zu Hause zu sein."

Den Einzug ins Achtelfinale traut Bastendorf den "Socceroos" übrigens durchaus zu. "Sie sind für jede Mannschaft ein gefährlicher Gegner." Auch für Deutschland? "Momentan fiebere ich eher mit den Australiern", sagt er, "aber wenn sich beide im Finale treffen würden, wäre ich für Deutschland." Womit sich auch der doppelte Herzschlag wieder normalisiert hätte.